Es wird immer schlimmer für Thomas Pflüger und Christina Storrer. Seit beinahe fünf Jahren sind die beiden ein Paar. Dass sie in zwei unterschiedlichen Ländern leben, hat dabei nie eine Rolle gespielt. Jetzt auf einmal doch – nachdem sowohl die Schweiz als auch Deutschland die Grenzen dicht gemacht haben, um der Ausbreitung des Coronavirus Einhalt zu gebieten. Inzwischen treffen sie sich kaum noch in der realen Welt. Tag für Tag würden die Grenzkontrollen verstärkt, beobachten sie – und plötzlich ist ihre Zuneigung eine Art Ordnungswidrigkeit.

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„Letzte Woche war viel los an der Grenze“, berichtet Christina Storrer am Telefon aus der Schweiz. Bei schönem Wetter hätten die einen Verwandte getroffen, die anderen Bekannte. Christina hatte sich mit ihrem Verlobten Thomas verabredet. Eine zeitgleiche Fahrt mit dem Rad zur Grenze sollte zusammenführen, was derzeit nicht zusammen sein darf. „Die Berliner Mauer ist wieder da“, vergleicht Thomas Pflüger das ganze Dilemma mit der ehemaligen innerdeutschen Grenze. Zöllner hätten ihm erzählt, dass viele Paare in der gleichen Situation stecken – selbst verheiratete. „Das ist hammermäßig, und es wird von Woche zu Woche strenger“, beschreibt er seine Eindrücke. Nicht nur an der Kunstgrenze zwischen Konstanz und Kreuzlingen wird konsequent darauf geachtet, dass die Menschen sich nicht zu nahe kommen, sondern auch entlang der grünen Grenze zwischen dem Hegau und dem Kanton Schaffhausen.

Auch dieses Bild entstand vor der Corona-Krise. Zu den Gründen, die einen Grenzübertritt unter den herrschenden Ausnahmebestimmungen gestatten, gehören Liebesdinge nicht.
Auch dieses Bild entstand vor der Corona-Krise. Zu den Gründen, die einen Grenzübertritt unter den herrschenden Ausnahmebestimmungen gestatten, gehören Liebesdinge nicht. | Bild: privat

Da sei die gemeinsame Radtour vor einigen Tagen noch von Erfolg gekrönt gewesen. „Christina kam von der Schweizer Seite, ich von der deutschen. Ich darf ja in die Schweiz nicht rein zu meiner Verlobten“, erklärt Thomas Pflüger. Er könnte verzweifeln, da ja keiner weiß, wann sich diese Zeiten wieder ändern. Er arbeitet in Tuttlingen. Christina wohnt mit ihren drei Kindern in Stein am Rhein und arbeitet in einer Bäckerei.

Auch die gemeinsame Leidenschaft des Tanzens ist momentan verboten

Beide lernten sich vor fünf Jahren in einer Donaueschinger Disco kennen. Von Anfang an ist es die große Liebe und sie haben viele Gemeinsamkeiten: Sie verreisen oft, spielen gern als Komparsen Theater, und vor allem das Tanzen in der Singener Tanzschule Seidel ist eine große gemeinsame Leidenschaft. Mehrfach in der Woche pendeln sie zwischen Deutschland und der Schweiz. Sie treffen sich oft mit Freunden in Singen in der Tanzschule, natürlich um zu tanzen, aber auch um mit Gleichgesinnten einen vergnüglichen Abend zu erleben und somit einen Ausgleich zum Alltag zu haben. Beide haben Kinder und bereits auch Enkel – und Hochzeitspläne wurden auch schon geschmiedet. Der Termin ist bereits festgelegt.

Da war die Welt noch in Ordnung: Doch die Corona-Krise hat eine unüberwindbare Grenze in Christina Storrer und Thomas Pflügers Leben gezogen.
Da war die Welt noch in Ordnung: Doch die Corona-Krise hat eine unüberwindbare Grenze in Christina Storrer und Thomas Pflügers Leben gezogen. | Bild: privat

Doch was passiert mit der grenzenlosen Liebe, wenn die Grenzen dicht sind? Wenn die Gefühle plötzlich gegen Gesetze verstoßen? Denn so entspannt wie an jenem Samstag geht es nicht mehr an der Grenze zu, beobachtet das Paar. „Dabei halten wir uns voll an die Regeln, winken uns zu, stehen auf Distanz und wollen nur reden“, erzählt die Schweizerin am Telefon. Sie ist gerade von der Grenze nach Hause gekommen, wo sie ihren Thomas getroffen hat. Als Überraschung hatte sie Sekt und einen kleinen Hefezopf eingepackt. „Man muss wenigstens in der Situation das Beste daraus machen“, beschreibt sie ihre Gedanken. Doch kaum haben sie sich an der Grenze getroffen, waren auch schon Grenzbeamte da. „Die Deutschen hatten Verständnis, sie sind gar nicht ausgestiegen“, berichtet Christina. Doch keine zehn Minuten später sei der Schweizer Zoll dagewesen und habe das Paar auf die Corona-Gesetzlichkeiten hingewiesen. „Dass wir Distanz halten müssen, verstehe ich schon. Wir haben uns daran gehalten. Das Zöpfle, das ich für Thomas gebacken hatte, durfte ich ihm nicht geben. Bei Warenaustausch kostet das sonst 100 Franken Bußgeld, und es droht eine Anzeige“, berichtet Christina.

„Man fühlt sich wie ein Schwerverbrecher“

Auf dem Heimweg fühlt sie sich beobachtet. Ein Helikopter habe sie verfolgt. „Der hat mich bestimmt dreimal umkreist, obwohl wir uns daran gehalten haben. Ich bin mir vorgekommen wie ein Schwerverbrecher“, ist Christina Storrer entrüstet.

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Unterdessen will sie vorerst nicht mehr an die Grenze kommen, es ist ihr zu heikel. Über Wochen hinweg nur zu telefonieren, sei zwar auch kein Idealzustand für zwei Verliebte, aber echte Treffen bewegten sich mittlerweile am Rande der Legalität. „An der Grenze darf ich sie ja nicht mal anfassen, sonst machen wir uns strafbar. Und das ist fast noch schmerzhafter“, beschreibt der Tuttlinger seine Gefühlslage. Katas­trophal findet er die Entwicklung, die zum doppelten Grenzzaun zwischen Konstanz und Kreuzlingen geführt hat: „Damit man sich nicht mehr küssen kann. Ist das nicht katastrophal? Wenn Christina und ich uns küssen, dann ist das eine Straftat, hat uns der Schweizer Zoll aufgeklärt.“

Große Hoffnung auf baldiges Wiedersehen

Im Mai wollten sie ihr fünfjähriges Zusammensein feiern. Ob daraus jetzt etwas wird, ist fraglich. Für beide ist die Situation deprimierend. Thomas versucht sich mit sportlichen Aktivitäten abzulenken. Christina sucht Ablenkung bei ihren Kindern. „Man ist total hilflos, hat keine Chance, kann einfach nur abwarten“, so die Schweizerin.