Für den Notfall hat Anita Brockhaus eine neue Küchenmaschine im Keller. Nicht auszudenken, dass während der jährlichen Plätzchen-Backaktion die alte Maschine ihren Geist aufgibt und die Produktion ins Stocken kommt. 17 Sorten hat die 70-Jährige vor Weihnachten gebacken und verziert, insgesamt kommt ihr Werk auf ein stolzes Gesamtgewicht von 37,2 Kilogramm. Doch Anita Brockhaus isst all die Plätzchen nicht etwa allein und ihr Mann Manfred nascht nur wenige der handgemachten Köstlichkeiten. Das Ehepaar versorgt Freunde, Familie und auch Senioren mit dem Gebäck. Dabei gibt es eine Sorte, die fast jeder liebt und doch kaum einer macht: die Hausfreunde.

Ein Aufruf führt zu der wohl fleißigsten Bäckerin im Hegau

Diese Sorte hat auch der SÜDKURIER-Redaktion am besten geschmeckt. Unverhofft erhielten wir einen der Plätzchenteller und wussten nicht, wem wir das zu verdanken hatten. Die Plätzchen waren so lecker, dass wir einen Aufruf veröffentlicht und nach der Bäckerin gesucht haben.

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Wenig später melden sich ihre Tochter, ihre Enkelin und ihre Nachbarin. „Jedes Jahr verwandelt sie sich für circa eine Woche in einen Mehlwurm und backt dann die leckersten Plätzchen der Welt“, schreibt ihre Tochter aus der Nähe von Köln und verrät eine Telefonnummer. Ein Besuch ist dann schnell vereinbart: „Kommen Sie einfach zum Kaffee vorbei“, sagt Anita Brockhaus freundlich. In ihren eigenen vier Wänden in Hausen an der Aach zeigt sich schnell der Ort, in dem diese Leckereien entstehen: Eine große Küche mit Essecke und einem Herd, einem Backofen und jener 20 Jahre alten Küchenmaschine. Die gab zuletzt merkwürdige Geräusche von sich, weshalb Brockhaus schon einmal für Ersatz gesorgt hat. Eine Woche im Jahr verwandelt sich diese normale Küche in eine Großbäckerei.

Früher blieben die Plätzchen bis Heiligabend auf dem Kleiderschrank verstaut

Anita Brockhaus wuchs auf einem Bauernhof in Franken auf, wie sie erzählt. Dort sei es Tradition gewesen, vor Weihnachten gemeinsam Plätzchen zu backen. Damals seien die allerdings direkt in Dosen verschwunden, die auf dem Kleiderschrank verstaut wurden. Erst an Heiligabend gab es das süße Gebäck. Darunter waren schon damals die Butterstangen, die Brockhaus heute noch nach einem 70 Jahre alten Rezept backt. Mit dem Naschen müssen sich diejenigen, die heute einen Plätzchenteller von ihr überreicht oder geschickt bekommen, aber nicht bis Heiligabend gedulden: „Jeder wartet schon immer darauf.“

Eine Auswahl der Plätzchen, die Anita Brockhaus in dieser Weihnachtssaison gebacken hat.
Eine Auswahl der Plätzchen, die Anita Brockhaus in dieser Weihnachtssaison gebacken hat. | Bild: Arndt, Isabelle

Andere haben keine Zeit zum Backen, also kümmert sich Anita Brockhaus ums Gebäck

Die jungen Familien seien heutzutage ja so im Stress, dass sie selbst kaum zum Plätzchenbacken kommen, erzählt Anita Brockhaus. Deshalb backt sie für die fünf Kinder, die sie und ihr Mann Manfred gemeinsam haben, und sieben Enkelkinder. „Meine Pakete schicke ich durch ganz Deutschland, von München bis ins Sauerland.“ Auch die Senioren, die ihr Mann mit Essen auf Rädern beliefert, dürfen sich normalerweise über Plätzchen freuen. In diesem Jahr hat Brockhaus ihnen aber Linzertorte gebacken.

„Das macht so viel Freude, wenn man so viel Dankbarkeit bekommt“, schildert Manfred Brockhaus die Reaktionen, wenn er die Werke seiner Frau übergibt. Die Kollegen ihres Mannes bei den Diakonischen Diensten hingegen hätten schon beinahe enttäuscht Anfang Dezember gefragt, ob seine Frau in diesem Jahr nicht backt – dabei war Anita Brockhaus in diesem Jahr nur etwas später dran.

Die Zutaten kosten bis zu 350 Euro. Und die Zubereitung kostet viel Zeit

Denn fürs Backen braucht die Hobbybäckerin die richtige Stimmung. Manchmal habe sie die Zutaten, für die sie zwischen 300 und 350 Euro ausgibt, schon einige Tage lang zuhause, bis sie die Backlust packt. Dann darf für eine Woche niemand die Küche betreten. Der Boden wird mit Zeitungspapier ausgelegt – denn irgendetwas fällt ja immer runter – und der Kühlschrank mit einem Teig nach dem anderen gefüllt. Sie nehme sich immer vier oder fünf Sorten vor und mache dann nacheinander die Teige. Diese werden nach und nach gebacken und dann verziert, bevor die nächsten Sorten zusammen gerührt werden.

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Heute backt sie nicht mehr bis in die Nacht hinein – dafür ein, zwei Tage länger

Anita Brockhaus scheut dabei keine Mühe: Die Nüsse mahlt sie selbst, weil das besser schmecke, und die Mandeln werden noch von Hand abgezogen. Auch die Plätzchenpakete werden individuell zusammen gestellt: Der eine mag keine Haselnüsse, für Kinder darf kein Rum in der Glasur sein. Früher habe sie sich dafür frei genommen, als Rentnerin backe sie „nur noch“ bis 20, höchstens 22 Uhr – und dafür ein, zwei Tage länger. Ein Teig könne auch einmal länger im Kühlschrank warten, wichtig sei nur die entsprechende Beschriftung – nicht dass im Kühlschrank der Überblick verloren geht. Von Plätzchenteig ernähre sie sich in ihrer Backwoche aber nicht – eher esse sie zwischendurch mal eine Essiggurke.

Der schiefe Turm von Hausen: In den Boxen ist der gesammelte Plätzchenschatz von Anita Brockhaus. Insgesamt kommt ihr Werk auf 37,2 Kilogramm.
Der schiefe Turm von Hausen: In den Boxen ist der gesammelte Plätzchenschatz von Anita Brockhaus. Insgesamt kommt ihr Werk auf 37,2 Kilogramm. | Bild: privat

Der „Schiefe Turm von Hausen“ ist schon geschrumpft

Und weil die Inspiration schier grenzenlos ist, werden es jedes Jahr mehr Plätzchen: Einige probiert sie nur einmal, andere gehören zum Stammrepertoire. In diesem Jahr hat die 70-Jährige ihr Werk erstmals gewogen und war selbst erstaunt, wie viele Plätzchen da zusammen kommen. Ihr Mann taufte die Plätzchenpakete kurzerhand den „Schiefen Turm von Hausen“. Inzwischen ist der Turm aber merklich geschrumpft und die ersten Sorten schon gegessen. Von den Hausfreunden sind noch einige da: „Weil die am beliebtesten sind, mache ich immer besonders viele. In diesem Winter waren es 240.“

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