Mitten zwischen Asphalt, Beton und Verkehrslärm, zwischen Bahnlinie, B 33, dem Flugplatz Konstanz und dem neuen Reichenauer Gewerbegebiet Göldern gedeiht die Natur im Gebiet Göldern-Ost. Und dieses hat sogar den europäischen Flora-Fauna-Habitat-Status, vor allem weil hier die geschützten Amphibienarten Laubfrosch und Kammmolch einen Lebensraum haben.

Der in Göldern mit seinem neuen Bodenseezentrum ansässige Naturschutzbund (Nabu) will dieses Göldern-Ost nun zu einem 1,4 Hektar großen Naturerlebnisgebiet gestalten, das für jeden zugänglich ist.

Die Projektidee

Anders als etwa bei Führungen im hochwertigen Naturschutzgebiet Wollmatinger Ried gehe es hier weniger um die Vermittlung von Wissen, sondern um einen emotionalen Zugang zur Natur, die Menschen sollen dabei eigenständig die Natur entdecken und erleben können mit allen Sinnen, so der Nabu-Geschäftsführer Eberhard Klein.

Geplant sei hierfür ein Rundweg mit zwölf Stationen. Zielgruppen können Familien, Schulklassen oder Touristen sein, aber auch sonst jeder Interessierte bei freiem Eintritt und ohne Voranmeldung. „Wir wollen etwa 100 000 Euro investieren.“

Nach der Stadt Konstanz hat nun auch die Gemeinde Reichenau ihre Unterstützung des Projekts zugesagt, indem sie die ihr gehörenden Flächen in Göldern-Ost dafür zur Verfügung stellt – mindestens bis Ende des Jahres 2023. Mit weiteren Grundstückseigentümern, dem Bund und Privatleuten, brauche es noch Vereinbarungen, so Klein.

„Das soll unser Angebot abrunden“, sagte er im Reichenauer Gemeinderat. Im Nabu-Bodenseezentrum gebe es ja schon eine umfassende Ausstellung zur heimischen Natur als Startpunkt. Bürgermeister Wolfgang Zoll meinte, diese könne jeder vorab besuchen.

Die möglichen Stationen

Mit seinen Tümpeln, Teichen und artenreichen Wiesen biete Göldern-Ost zu jeder Jahreszeit ideale Voraussetzungen, die Natur zu verschiedenen Themen hautnah zu erleben, so der Nabu. Da sei zum einen der Bereich Amphibien mit Froschkonzert, Molchen und Kaulquappen. Ein weiteres mögliches Thema seien Vögel, etwa deren Gesang oder die Beobachtung von einer Himmelsliege aus.

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Ferner könnten Bäume als Lebensraum für unterschiedliche Arten vorgestellt werden oder auch erhöhte Plattformen zur Beobachtung von Baumkronen gebaut werden. Für Eidechsen könnte man Trockenmauern als Lebensraum schaffen. Im Weidendickicht gebe es die Möglichkeit zum Verstecken für Tier und Mensch, denkbar wäre ein Geschicklichkeits-Parcours oder eine „grüne Kathedrale“ als Ruhemöglichkeit im Gebüsch.

Aus Tümpeln könne man Algen und Tang schöpfen und nach Tieren untersuchen. Zudem könnten Sandflächen geschaffen werden, zum einen als Lebensraum für Insekten wie Wildbienen, aber auch als Sandkästen zum Spielen. Die Laufzeit des Projekts mit Vorarbeiten, Planung, Genehmigung und Bau hat der Nabu auf circa ein Jahr kalkuliert. Eine Eröffnung des Naturerlebnisgebiets dürfte also frühestens im Herbst 2021 sein.

Die Ziele des Projekts

Durch das neue Angebot im Naturerlebnisgebiet Göldern-Ost will der Nabu die Besucher für ein verantwortungsvolles Verhalten in Naturschutzgebieten sensibilisieren. Er hofft, dass dadurch andere, höherwertige Schutzgebiete von Besucherdruck entlastet werden.

Die Besucher sollen möglichst eine emotionale Verbindung zur Natur bekommen. Damit wolle man die Menschen zum aktiven Mitmachen beim Umwelt- und Naturschutz animieren und auch die Besucherzahlen im Nabu-Bodenseezentrum erhöhen und vielleicht ehrenamtlichen Nachwuchs generieren.

Stimmen aus dem Gemeinderat

Im Gemeinderat Reichenau sagten Vertreter aller Parteien, sie fänden das Projekt gut. Es gab aber auch einige Anregungen und Bedenken. Ralf Blum (CDU) wollte wissen, ob sich die Gemeinde dadurch – wie bei früheren Ausgleichsmaßnahmen etwa für den B 33-Ausbau in Göldern-Ost – Ökopunkte gutschreiben könnte. Das konnte Klein nicht sagen. Der Bürgermeister meinte, diese Möglichkeit sollte in die Vereinbarung mit dem Nabu aufgenommen werden.

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Auf Nachfrage von Stephan Schmidt und Britta Sauer-Böhm (beide Freie Wähler), was bei einer übermäßigen und unkontrollierten Nutzung des neuen Angebots sei, meinte Klein: „Ich würde das gern abwarten.“ Aber klar sei natürlich, dass es etwas anderes als ein öffentlicher Park sei. „Es gelten Naturschutz-Spielregeln. Wir müssen aufpassen, dass keine illegalen Dinge passieren.“ Das Abspielen lauter Musik gehe zum Beispiel nicht.

Der Zugang solle ausschließlich über den bestehenden Weg hinter dem Nabu-Bodenseezentrum erfolgen, sagte Klein auf weitere Nachfragen. Wenn es einen zu großen Andrang gebe oder Leute an allen möglichen Stellen in das oder aus dem Gebiet gehen, wolle der Nabu gemeinsam mit der Gemeinde nach Lösungen suchen wie Schranken oder Absperrungen.

Sauer-Böhm äußerte zudem die Befürchtung, dass auf dem ohnehin schon viel genutzten Radweg an der Bahn noch mehr Betrieb herrschen werde und fragte, ob eine Verbreiterung des Wegs möglich wäre. Klein sagte, dies würde der Nabu unterstützen. Zoll meinte, die Radwegverbreiterung sollte die Gemeinde zum Thema machen. Das fand auch Gabriel Henkes (Freie Liste Natur) wichtig.

Doch er vermute, dass auch viele mit dem Auto kommen und befürchtet ein Parkplatzproblem. Da brauche es eine entsprechende Beschilderung oder die Nutzung des Lidl-Parkplatzes am Wochenende. Sandra Graßl-Caluk (SPD) sprach ebenfalls die mögliche zusätzliche Verkehrsbelastung an – mit Blick auf den Bereich am Bahnhof, wo die Situation schon schwierig genug sei. Diese Kreuzung müsse deshalb dringend bald umgebaut werden.

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