Landestrend hin oder her: Das Reichenauer Ergebnis bei der Landtagswahl kann man historisch nennen. Zum ersten Mal ist es den Grünen gelungen, vor der CDU zu liegen – und dies in einer Gemeinde, die einst eine Hochburg mit Ergebnissen um die 50 Prozent für die Christdemokraten war.

Debakel für Levin Eisenmann

Bei der Wahl 2016 lag die CDU mit 34,6 Prozent noch 1,2 Punkte vor den Grünen. Nun legten diese und Nese Erikli um rund 3,8 Prozentpunkte auf 37,2 Prozent zu, während für Levin Eisenmann und die CDU gerade noch 27,2 Prozent stimmten – ein Debakel.

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Kräftig zulegen konnten auch in Reichenau Jürgen Keck und die FDP: um 2,8 Punkte auf 12,4 Prozent. Damit überholten die Liberalen die SPD, die in der Gemeinde fast schon traditionell schwach ist und nun um weitere 2,8 Punkte auf nur noch 7,1 Prozent absackte. Ebenfalls schwach war bisher die AfD – sie spielt mit nun noch 5,3 Prozent kaum eine Rolle, was von Vertretern der anderen Parteien ausdrücklich begrüßt wurde.

Linke weiter ohne Bedeutung

Die Linke konnte dagegen um 0,7 Prozentpunkte zulegen, was bei knapp drei Prozent der Stimmen aber wenig Grund zur Freude bietet. Die Wahlbeteiligung lag mit 70,4 Prozent genau fünf Punkte unter der von 2016. Der Anteil der Briefwähler war mit 41,9 Prozent der Wahlberechtigten sehr hoch. Entsprechend sind die Ergebnisse in den vier Wahllokalen relativ zu betrachten.

Bei den Briefwählern schnitten die Grünen mit 37,7 Prozent fast gleich ab wie insgesamt, die CDU mit 29,3 etwas besser. Wähler von FDP, SPD und AfD gingen dagegen eher in die Wahllokale.

CDU selbst auf der Insel geschlagen

Was hier für die CDU zusätzlich schmerzhaft ist: Auch bei den Wählern vom Sonntag auf der Insel landete sie hinter den Grünen, obwohl diese früher gegenüber dem Festland sozusagen die Turmspitze der Hochburg war. Nun stimmten im Wahllokal Rathaus nur 26,7 Prozent für die Christdemokraten, fast 31 Prozent für Erikli und die Grünen. In der Tourist-Information waren es 34 gegenüber 34,5 Prozent.

Geradezu desaströs fielen die CDU-Ergebnisse auf dem Festland aus. In der Waldsiedlung erhielt Eisenmann 11,4 Prozent der Stimmen, Erikli 42,7. Im Lindenbühl war der Unterschied mit 12,7 zu 46,1 noch größer. Damit schnitt die CDU sogar noch schlechter ab als die FDP.

Erfreut: Gabriel Henkes von den Grünen.
Erfreut: Gabriel Henkes von den Grünen. | Bild: Zoch, Thomas

Enttäuscht: Meinrad Wehrle von der CDU.
Enttäuscht: Meinrad Wehrle von der CDU. | Bild: Carolin Graf

Erfolg trotz Kritik an Bieneninitiative

Hoch zufrieden äußerte sich Gabriel Henkes von den örtlichen Grünen: „Ich bin überrascht, dass Nese Erikli noch mal zugelegt hat.“ Den Erfolg führe er eher auf die Arbeit der Abgeordneten als auf den Kretschmann-Effekt zurück. Er habe das Ergebnis nicht so erwartet nach den Reaktionen gerade von Landwirten gegen die Initiative Pro Biene.

Erst einmal sprachlos war der örtliche CDU-Vorsitzende Meinrad Wehrle. „Es überrascht mich doch, dass auch in Reichenau das Ergebnis dem landesweiten nahe kommt. Wir waren bei vergangenen Wahlen der Fels in der Brandung.“ Das Problem sieht Wehrle an der Spitze. Den Entwicklungen und dem Wahlkampf in Land und Bund könne man vor Ort kaum etwas entgegen setzen. An Levin Eisenmann habe es sicher nicht gelegen. „Er hat einen engagierten Wahlkampf gegen Windmühlen geführt.“

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Allensbach: Es würde für Grün-Gelb reichen

Wenn es nach den Wählern in Allensbach ginge, könnten die Grünen auch allein mit der FDP eine Koalition bilden. Gut 42 Prozent (plus 2,8 Punkte) stimmten in der Gemeinde für Nese Erikli, womit die Grünen hier erstmals die 40-Prozent-Marke übersprangen. Noch stärker, nämlich um 2,95 Punkte auf nun 10,4 Prozent, legte die FDP zu.

Weil es in Allensbach sehr viele Briefwähler gab, hatten die Wahlhelfer in den Lokalen weniger zu zählen als sonst – im Bild der Wahlvorstand im Bezirk 02/Allensbach-Ost, Pius Wehrle (links) und Rochus Schulter.
Weil es in Allensbach sehr viele Briefwähler gab, hatten die Wahlhelfer in den Lokalen weniger zu zählen als sonst – im Bild der Wahlvorstand im Bezirk 02/Allensbach-Ost, Pius Wehrle (links) und Rochus Schulter. | Bild: Zoch, Thomas

Die Liberalen überholten damit die SPD, die 2,85 Punkte einbüßte und bei nur 8,1 Prozent landete. Am stärksten verlor allerdings die CDU: Rund 23,9 Prozent bedeuten ein Minus von 5,8 Punkten – und das in der einstigen Hochburg Allensbach. Von Vertretern aller vier Parteien wird indes begrüßt, dass auch die AfD verloren hat (minus 2,3) und mit 5,8 Prozent deutlich unterm Landesschnitt liegt. Die Linke konnte um 1,3 zulegen, landete aber dennoch nur bei bedeutungslosen 3,2 Prozent. Die Wahlbeteiligung war mit 72,2 Prozent rund drei Punkte rückläufig.

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Auch in Allensbach hoher Briefwähleranteil

Der sehr hohe Anteil an Briefwählern (44,6 Prozent der Wahlberechtigten) führt allerdings dazu, dass die Ergebnisse in den Ortsteilen schwerer einzuordnen sind. Bei der Briefwahl fällt auf, dass nur die Grünen mit rund 45 Prozent sogar noch besser abschnitten, bei CDU und SPD entsprach der Stimmenanteil etwa dem Gesamtergebnis. FDP und AfD lagen darunter.

Besonders hohe Ergebnisse erzielte Jürgen Keck für die FDP in Hegne und Kaltbrunn, während einzig in Langenrain-Freudental Levin Eisenmann und die CDU die Nase mit 40,2 Prozent klar vorn hatten. Aber in diesen Ortsteilen gingen eben auch nur noch zwischen 27 und 38 Prozent der Wähler am Sonntag in die Wahllokale.

Leona Schieß (links) und Marga Leibbach bei der Auszählung im Bezirk 02/Allensbach-Ost.
Leona Schieß (links) und Marga Leibbach bei der Auszählung im Bezirk 02/Allensbach-Ost. | Bild: Zoch, Thomas

Jürgen Saegert von den örtlichen Grünen jubelte: „Ich bin dankbar und glücklich über dieses hervorragende Ergebnis.“ Als wichtigen Grund nannte er einen engagierten Wahlkampf von Erikli. „Für mich ist das ein klarer Auftrag für mehr Klima- und Naturschutz und für mehr Anstrengungen in der Digitalisierung.“ Dies sei auch in der Kommunalpolitik wichtig, meinte er.

Erfreut: Jürgen Saegert von den Grünen.
Erfreut: Jürgen Saegert von den Grünen. | Bild: SK
Enttäuscht: Ludwig Egenhofer von der CDU.
Enttäuscht: Ludwig Egenhofer von der CDU. | Bild: Scherrer, Aurelia

Große Enttäuschung dagegen bei CDU-Chef Ludwig Egenhofer. „Die Wähler haben kein Vertrauen in die Politik der Landes-CDU“, sieht er die Schuld an der Spitze, „wir brauchen neue Leute.“ Schade sei das Ergebnis für Levin Eisenmann. „Hoffentlich bleibt er bei der Stange.“ Freude herrschte bei FDP-Mann Patrick Konopka, dass die Liberalen drittstärkste Kraft in der Gemeinde geworden sind. Dies zeige, dass Jürgen Keck eine tolle Arbeit gemacht habe, aber auch die Arbeit der FDP im Gemeinderat (erst seit 2019 hier vertreten) habe sich wohl niedergeschlagen.

Niedergeschlagen äußerte sich SPD-Chef Tobias Volz, der die Gründe aber auch eher auf Landesebene sieht. Es stelle sich die Frage, ob sich die SPD die Themen für die Zukunft wirklich annehme.