Das neue „Biodiversitätsgesetz“ schafft Kontroversen zwischen Politik und Landwirtschaft. Der Politiker Martin Hahn sieht darin den großen Wurf für das gesamtgesellschaftliche Ziel, den Artenschutz, und einen Brückenschlag zwischen konventionellen Bauern und Bio-Landwirten. Die Obstbäuerin Antonia Kitt spricht hingegen von großen Schwierigkeiten, einer weiteren Schikane, und befürchtet ein „Bauernsterben“.

Streitgespräch auf Einladung des SÜDKURIER

Es besteht Redebedarf. Auf Einladung des SÜDKURIER trafen sich zum Gespräch unter dem Nussbaum Antonia Kitt vom Obsthof Kitt in Überlingen, und der Vorsitzende des Agrarausschusses im Landtag, der bündnisgrüne Martin Hahn, selbst Biobauer aus dem zu Überlingen gehörenden Örtchen Bonndorf.

„Wir beißen jetzt in den sauren Apfel“, sind sich Obstbaumeister Bernhard Kitt und seine Frau Antonia sicher. Das neue Gesetz spalte in „Bio und Böse“, meinen die Überlinger Landwirte. Sie sehen ihre Bemühungen und Erfolge zum Artenschutz in der Bodenseeregion von der Politik nicht genügend gewürdigt.
„Wir beißen jetzt in den sauren Apfel“, sind sich Obstbaumeister Bernhard Kitt und seine Frau Antonia sicher. Das neue Gesetz spalte in „Bio und Böse“, meinen die Überlinger Landwirte. Sie sehen ihre Bemühungen und Erfolge zum Artenschutz in der Bodenseeregion von der Politik nicht genügend gewürdigt. | Bild: Stef Manzini

Grünen-Politiker: „Wir verlieren keinen einzigen Betrieb“

Die neue Pflanzenschutzreduktionsstrategie sieht bis 2030 als Ziel eine Minderung um bis zu 50 Prozent der Pflanzenschutzmittel in Baden-Württemberg vor. Der einzelne Betrieb, wie zum Beispiel der Obsthof Kitt, sei davon nicht betroffen, denn die Reduktion der Pestizide ziele auf das ganze Land und auf alle Pflanzenschutzmittelanwender. „Durch dieses neue Gesetz verlieren wir keinen einzigen Betrieb“, ist sich Martin Hahn sicher.

Antonia Kitt befürchtet Preiserhöhungen bei Pestiziden

Die Hersteller von Pestiziden würden sich wegen der neuen Verordnung in Baden-Württemberg von der Produktion altbewährter Pflanzenschutzmitteln trennen oder diese Mittel erheblich verteuern, argumentiert Kitt dagegen.

Die Obstplantagen der Kitts liegen in Brachenreute, nahe dem Denkmal des Flugzeugabsturzes. Dort baut der Überlinger Betrieb seit 40 Jahren Boskop, Fuji, Jonagold, Elster, Gala und Braeburn-Äpfel auf insgesamt einer Fläche von 17 Hektar an.
Die Obstplantagen der Kitts liegen in Brachenreute, nahe dem Denkmal des Flugzeugabsturzes. Dort baut der Überlinger Betrieb seit 40 Jahren Boskop, Fuji, Jonagold, Elster, Gala und Braeburn-Äpfel auf insgesamt einer Fläche von 17 Hektar an. | Bild: Stef Manzini

Der internationale Konzern Monsanto zum Beispiel ist der weltweit der größte Produzent von Glyphosat. Durch etwaige höhere Preise seiner Produkte fiele es dann den Obstbauern am Bodensee künftig noch schwerer, zu produzieren, befürchtet Antonia Kitt. In einer Zeit, in der ohnehin immer mehr Landwirtschaften keine Nachfolger fänden, wäre diese Verordnung ein weiterer „Sargnagel“ für regionale Höfe, regt sie sich auf.

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Abgeordneter gerät ebenfalls in Rage

Martin Hahn kriegt bei dieser Behauptung buchstäblich einen dicken Hals, er gerät richtig in Rage. Der Vorsitzende des Agrarausschusses im Landtag Baden-Württembergs war maßgeblich beteiligt am neuen Gesetz. Der grüne Politiker verteidigt es nicht nur, er behauptet das Gegenteil. „Dieses Gesetz ist ein großer Wurf für das Gesamtgesellschaftliche Ziel den Artenschutz„.

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Obstbauern aus dem Bodenseeraum pflichten Kitt bei

Obst- und Weinbauer Hubert Lehle aus Immenstaad, der dem Minister vorvergangene Woche die vielfältigen Anstrengungen seiner Landwirtschaft mit „Integrierter Produktion“ (IP) zum Artenschutz in seinen Plantagen zeigte, stößt allerdings zusammen mit vielen Kollegen ins gleich Horn wie Antonia Kitt aus Überlingen. Das neue Gesetz sei keinesfalls harmlos, sagte er.

Kitt spitzt es in der Diskussion so zu: „Das Gesetz ist eine Schwarz-Weiß-Malerei, ohne die Ergebnisse, die wir durch jahrelange Maßnahmen zum Artenschutz im Bodenseeraum erzielt haben, mit einzubeziehen. Es vergrößert daher nur noch die Kluft zwischen Landwirtschaften mit IP und den Biobetrieben, die praktisch gar nicht von dem Gesetz betroffen sind“.

An der Obstplantage befinden sich sogenannte Blühstreifen, auch dieses Gehölz lässt der Überlinger Obstbetrieb stehen. Darin finden Insekten Nahrung und Lebensraum. Obstbäuerin und Politiker sind sich einig, dass wäre noch wichtiger als die Reduktion von Pestiziden.
An der Obstplantage befinden sich sogenannte Blühstreifen, auch dieses Gehölz lässt der Überlinger Obstbetrieb stehen. Darin finden Insekten Nahrung und Lebensraum. Obstbäuerin und Politiker sind sich einig, dass wäre noch wichtiger als die Reduktion von Pestiziden. | Bild: Stef Manzini
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„Gesetz spaltet in Gut und Böse, Bio und nicht Bio“

Die Obstbäuerin aus Überlingen zählt dazu einige der strengen EU-Richtlinien der „IP“ auf: Optimale Standortwahl für Obstbäume, Raubmilbe gegen den Schädling Rote Spinne, schonender Pflanzenschutz, Blühstreifen als Lebensraum für Insekten. „Das Gesetz ist in erster Linie eine politische Lösung und es spaltet in Gut und Böse, in Bio und nicht Bio, also sind wir die Bösen“ sagt Antonia Kitt, die mit ihrem Betrieb jährlich an einer Zertifizierung zur IP teilnimmt.

Politiker sieht das Gesetz als „Brückenschlag“

„Nein“, sagt Martin Hahn dazu, er sieht das Gesetz nicht als Spaltung, sondern im Gegenteil als Brückenschlag zwischen konventioneller und Biolandwirtschaft. Grundlage für das neue Gesetz sei die Initiative „Pro Biene“ gewesen, ist dem Politiker ganz wichtig zu erklären. Zwei Imker hatten 2016 die Initiative „Pro Biene“ ein Volksbegehren zum Artenschutz gegründet, mit dem Ziel einer drastischen Pestizidreduktion.

„Wäre dieses Volksbegehren explodiert und durch die Decke gegangen, hätten wir auf einem Drittel der landwirtschaftlichen Betriebe keinen Pflanzenschutz mehr betreiben können“, sagt Hahn. „Dies hätte sowohl chemisch-synthetische, als auch organische Pflanzenschutzmittel betroffen, und zwar ohne jeden finanziellen Ausgleich für die Betriebe. Das hätte uns bis ins Mark getroffen. Damit hätten wir dann tatsächlich viele der Landwirtschaftlichen Betriebe verloren“, argumentiert der Grünen-Politiker, der Mitte der 1980-er Jahre den Helchenhof seiner Familie in der fünften Generation übernahm und auf Bio umstellte.

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Hahn hatte sich gegen Initiative „Pro-Biene“ gestellt

Hahn bezeichnet es als „großes politisches Risiko“, sich 2019 als grüner Politiker nicht auf die Seite von „Pro Biene“ gestellt zu haben. Dennoch habe er sich dagegen gewandt, weil er das „Bauernsterben“ damit verhindern wollte, und vertraut jetzt auf die Wirksamkeit des neuen Gesetzes. Eckpunkte der Forderungen von „Pro Biene“ seien natürlich darin erhalten, sonst hätte die Initiative ja weitergemacht, so Hahn.

Antonia Kitt ist die Vorsitzende des Vereins „Lernort Bauernhof“ im Bodenseekreis. Der Obsthof Kitt ist ein zertifizierter Betrieb mit integrierter Produktion, und leistet seit Jahren Anstrengungen zum Erhalt des Artenschutz wie Bienen und Insekten.
Antonia Kitt ist die Vorsitzende des Vereins „Lernort Bauernhof“ im Bodenseekreis. Der Obsthof Kitt ist ein zertifizierter Betrieb mit integrierter Produktion, und leistet seit Jahren Anstrengungen zum Erhalt des Artenschutz wie Bienen und Insekten. | Bild: Stef Manzini

Antonia Kitt, Vorsitzende des Vereins „Lernort Bauernhof“, hatte sich 2019 ganz aktiv gegen „Pro Biene“ ausgesprochen, und auf vielen Veranstaltungen dafür geworben, die langjährigen Maßnahmen zur Erhaltung des Lebensraumes für Bienen und des Artenschutzes der konventionellen Landwirte am Bodensee anzuerkennen. Kitt ist sich sicher, dass sich das Volksbegehren „Pro Biene“ nicht durchgesetzt hätte, und damit auch das neue Gesetz gar nicht nötig gewesen wäre. Der Politiker Hahn ist vom Gegenteil überzeugt.

Bundesbahn muss Pestizide laut Hahn massiv reduzieren

„Mit dem jetzt beschlossenen Biodiversitätsgesetz zwingen wir zum Beispiel die Bundesbahn, als größten Pflanzenschutzmittel-Ausbringer zum Reduzieren, und schieben gleichzeitig eine Technologieförderung in den Landwirtschaften an“. Beispielsweise könne mit neuen Düsen an der Spritze bis zu 30 Prozent der Menge des Pestizids reduzieren, erklärt der Vorsitzende des Agrarausschusses des Landtags.

Glyphosat sei besser als Unkraut hacken, sagt Kitt

Einmal im Jahr ganz gezielt Glyphosat unter den Baumreihen ihrer Apfelbäume auszubringen, zum Schutz der Pflanzungen vor Unkraut, ist für Antonia Kitt umweltfreundlicher, als durch hacken das Unkraut zu bekämpfen. „Gerade durch das Hacken vernichtet man die Bodenlebewesen“, erklärt die Landwirtin.

Kitts geben gezielt einmal jährlich Glyphosat als Pflanzenschutz unter ihre Obstbäume aus, dass wäre besser für den Artenschutz als Unkraut zu hacken, da dabei viele Bodenlebewesen umkämen, sagen die Obstbauern. Beim professionell hacken mit Maschinen wird der Boden circa zwei- bis drei Zentimeter tief bearbeitet. (Anmerkung der Redaktion)
Kitts geben gezielt einmal jährlich Glyphosat als Pflanzenschutz unter ihre Obstbäume aus, dass wäre besser für den Artenschutz als Unkraut zu hacken, da dabei viele Bodenlebewesen umkämen, sagen die Obstbauern. Beim professionell hacken mit Maschinen wird der Boden circa zwei- bis drei Zentimeter tief bearbeitet. (Anmerkung der Redaktion) | Bild: Stef Manzini

Beim maschinellen Hacken wird im Obstbau der Boden etwa zwei bis drei Zentimeter tief umgearbeitet. Da aber das neue Gesetz zur Biodiversität den Schwerpunkt auf die Pflanzenschutzmittelminderung lege, triebe die grüne Politik Bauernhöfe wie den ihren quasi vor sich her, sagt Kitt.

Beider Fazit: Kommunikation ist dringend nötig

„Nicht die Grünen, sondern die Gesellschaft tut das“, widerspricht Hahn. Man müsse den gesellschaftlichen Wandel hin zu Artenschutz und biologisch erzeugten Produkten Rechnung tragen. Der Agrarpolitiker gibt aber zu: „Der Verzicht auf Pflanzenschutz hat in Bezug auf Biodiversität nicht die Erlöserfunktion, wie viele denken“. Blühstreifen mit Wildpflanzen als Nahrung und Lebensraum für Insekten wären weit wichtiger. Wenigstens hier waren sich Politiker und Landwirtin zum Schluss einmal einig, wie auch darin, dass weitere Kommunikation dringend nötig ist.

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