In einem Jahr, in der die Fasnacht nur mit wenigen Veranstaltungen aufwarten kann, kommen zwei Figuren der Narrizella Ratoldi eine ganz besondere Bedeutung zu: Den Schnitzwiibern und den Schuelerbueben. Sie befreien die Kinder aus Schulen und Kindergärten – ein Brauchtum, das auch in diesem Jahr stattfinden soll, wenn auch in abgewandelter Form. Dabei rücken die beiden Figuren an der Radolfzeller Fasnacht nur für eine sehr limitierte Zeit ins Rampenlicht, bevor die Häser wieder für ein Jahr im Schrank verschwinden.

Nach dem Wecken zieht sich die Garde um

„Der Schmotzige Dunschtig ist der Haupttag“, erklärt Daniel Hepfer, Huptmaa der Radolfzeller Garde – und gleichzeitig ist es eigentlich in den meisten Jahren auch der einzige Tag für die beiden Traditionsfiguren. Nachdem die Gardisten schon frühmorgens in ihren Uniformen zum Wecken in der Stadt unterwegs sind, schlüpfen sie in die Häser der Schnitzwiiber und Schuelerbueben.

Dann geht es zu den Schulen und Kitas. „Wir sind die Kernfiguren bei der Schülerbefreiung“, so Hepfer. Ziel sei es, dass sich die Kinder und Jugendlichen den Narren anschließen und mit ihnen in Richtung Innenstadt ziehen, wo später die Rathausübernahme stattfindet. „So versucht man, die Kinder, Schüler und Lehrer in die Stadt reinzubekommen“, sagt der Gardehuptmaa. Zudem haben Schnitzwiib und Schuelerbuebe eine erzieherische Funktion: Sie sagen dem Nachwuchs die Narrensprüche vor und animieren sie dazu, sie ebenfalls aufzusagen – wer mitmacht, wird mit Leckereien belohnt.

Echte Obstschnitze werden seltener übergeben

„Früher haben die Schnitzwiiber echte Obstschnitze geworfen“, erzählt Daniel Hepfer – etwa getrocknete Apfel- oder Birnenstücke. „Ab und an hat man die auch noch dabei“, aber mittlerweile würden vor allem Süßigkeiten verteilt werden. Denn die können wirklich geworfen werden, während Fruchtschnitzen direkt verteilt werden müssen, damit sie nicht auf dem Boden landen und schmutzig werden.

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Auf dem Weg zu den Schulen und Kitas würden die Narren zudem auch mal Halt bei Bäckern oder Metzgern entlang der Strecke machen und dort etwa Brezeln oder Wurst mitgenommen, die sie auch an die Kinder verteilen könnten. „Das wird aber immer weniger“, sagt Hepfer – es gebe schließlich auch immer weniger derartige Betriebe.

Eine alte Schnitzwiib-Larve, ebenfalls aus Draht.
Eine alte Schnitzwiib-Larve, ebenfalls aus Draht. | Bild: Marinovic, Laura

Schülerbefreiung 2022 nur im Freien

Trotz Corona soll die Tradition auch in diesem Jahr stattfinden. Die Narren wollen diejenigen Einrichtungen besuchen, die das nicht wegen Corona in diesem Jahr ablehnen. Aber: „Wir gehen nirgendwo rein“, betont Daniel Hepfer. Stattdessen sollen die Narren Masken tragen und im Außenbereich bleiben. Die Süßigkeiten könnten durch die Fenster in die Einrichtungen geworfen werden. „Und wir werden die Sprüche entsprechend lauter sagen“, so Hepfer.

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Nach den Schülerbefreiungen ist die Zeit der Schnitzwiiber und Schuelerbueben dann aber eigentlich auch vorbei: Zur Machtübernahme im Rathaus und zum Narrenbaumstellen ziehen die Gardisten wieder ihre Uniformen an. Nur alle drei Jahre dürfen die Schnitzwiiber- und Schuelerbuebe-Häser den Schrank auch danach noch von außen sehen, dann kommen sie auch am Fasnachtssonntag zum Einsatz. Die Gardisten tragen an diesem Tag nämlich abwechselnd entweder ihre Uniform, die Kleidung der Traditionsfiguren oder eine Mottoverkleidung, erklärt Daniel Hepfer.

Feste Regeln für die Häser

Dabei gibt es über die Häser so einiges zu erzählen. So soll die Verkleidung des Schnitzwiibs die alte Tracht der Radolfzeller Bürgersfrau darstellen und besteht aus einer schwarzen Radhaube mit Stirnband, einem Kattumkleid mit Schürze sowie einem Wiener Schal um die Schultern und einem Korb für die Süßigkeiten. Und für die Stücke gelten ein paar feste Regeln, erklärt Ehrenhuptmaa Thomas Uhl: So dürfe das Kleid maximal zweifarbig sein und die Schürze müsse einfarbig bleiben. Nur der Schal ist bunt.

So setzt sich das Häs des Schnitzwiibs zusammen: Über ein Kleid werden Schürze und Schal gezogen, auf dem Kopf sitzen Radhaube und ...
So setzt sich das Häs des Schnitzwiibs zusammen: Über ein Kleid werden Schürze und Schal gezogen, auf dem Kopf sitzen Radhaube und Stirnband. Handschuhe und Korb dürfen natürlich auch nicht fehlen. | Bild: Marinovic, Laura

Die Larven, also die Masken der Schnitzwiiber, bestehen aus einem bemalten Drahtgewebe und werden schon seit langer Zeit von Gardist Udo Biller selbst hergestellt. Wie es in der Chronik der Garde heißt, wurde um 1960 der Versuch unternommen, die Drahtgazelarven durch Holzlarven zu ersetzen, doch diese seien schwerer und unangenehmer zu tragen gewesen und hätten für Nachteile beim Aufsagen der Narrenverse gesorgt. Darum werden sie heute nicht mehr getragen, sagt Daniel Hepfer.

Schnitzwiib-Larven aus Holz kommen mittlerweile nicht mehr zum Einsatz.
Schnitzwiib-Larven aus Holz kommen mittlerweile nicht mehr zum Einsatz. | Bild: Marinovic, Laura

Schuelerbueben sollen ein neues Häs bekommen

Die Schuelerbueben tragen einen durchgehenden Anzug, wobei es sich bei der aktuellen Version laut Daniel Hepfer um ein Zwischenhäs handelt, das noch ersetzt werden soll. Das habe zwei Gründe: Zum einen stamme der Stoff der aktuellen Häser aus einem Resteverkauf der Firma Schiesser und sei nun nicht mehr verfügbar. Zum anderen sollen die Schuelerbueben wieder traditioneller gekleidet werden. „Wir gehen wieder zurück zu den Ursprüngen“, kündigt Hepfer an. Ehemals sei das Häs dunkelrot, grün und blau gewesen.

Der Schuelerbuebe trägt eine Art Overall, Halstuch, Mütze, Schulranzen und Klepperle in der Hand.
Der Schuelerbuebe trägt eine Art Overall, Halstuch, Mütze, Schulranzen und Klepperle in der Hand. | Bild: Marinovic, Laura

Das Besondere an den Anzügen der Schuelerbueben ist ihre Herstellung: Wie Daniel Hepfer berichtet, muss nämlich jeder neue Schuelerbuebe sein Häs selbst herstellen. Dafür bekomme er den Stoff und ein Schnittmuster zur Verfügung gestellt. Aufgezeichnet werden müsse das Schnittmuster von den Neuzugängen, beim Nähen dürfe aber von handwerklich begabten Bekannten geholfen werden. Zudem tragen die Schuelerbueben eine Strickmütze, ein Tuch um den Hals, Klepperle sowie einen Rucksack, in dem der Süßigkeiten-Nachschub für die Schnitzwiiber transportiert werde, so der Gardehuptmaa.

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Dunkle Schuhe sind Pflicht

Eines eint aber Schuelerbueben und Schnitzwiiber: „Dunkle Schuhe braucht es auf jeden Fall“, betont Thomas Uhl. Und diese Regel wird sehr streng durchgesetzt: Wie Uhl erzählt, habe einmal ein Narr weiße Turnschuhe getragen. Kurzerhand hätten Schnitzwiiber und Schuelerbueben daraufhin an einem Bastelladen Halt gemacht, schwarze Farbe gekauft und die Schuhe noch auf der Straße dunkel gefärbt.