Wenn Marie-Luise Hildebrand auf der Baustelle mit anpackt, erntet die 22-Jährige zunächst oft erstaunte Blicke. Frauen im Handwerk sind noch immer recht selten – laut dem Statistischen Bundesamt waren im Jahr 2019 nur 11,7 Prozent der Erwerbstätigen in Hand­werks­be­ru­fen weiblich. Marie-Luise Hildebrand ist Landschaftsgärtnerin, arbeitet im Pflasterbetrieb ihres Vaters – und konnte mittlerweile trotz der anfänglichen Überraschung viele Kunden im Kreis von ihrem Geschick überzeugen.

Verschiedene Praktika und dann erst Gartenbau

Klar vorgezeichnet sei der Weg zur Landschaftsgärtnerin nicht gewesen, erzählt Marie Hildebrand im Büro, das mit Blumen geschmückt ist. „Seit Marie hier arbeitet, ist es viel dekorativer geworden“, sagt Dieter Hildebrand schmunzelnd. 1989 hat der Straßenbaumeister seine Firma in Böhringen gegründet.

Während ihrer Schulzeit habe sie ihrem Vater an Wochenenden und in den Ferien gerne geholfen, erzählt die junge Frau. Doch als es nach dem Realschulabschluss daran gegangen sei, einen Beruf zu wählen, sei sie etwas unschlüssig gewesen und habe verschiedene Praktika gemacht, um herauszufinden, was ihr liegt.

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Sie habe beim Zahnarzt gearbeitet, bei einer Hebamme, im Büro und bei verschiedenen Landschaftsgärtnern. Schließlich fiel die Wahl auf den Gartenbau. „Ich hatte schon Respekt davor“, erzählt sie in der Rückschau. „Aber ich habe den Beruf lieben gelernt.“

Ihre Ausbildung hat sie in einem Betrieb in Sipplingen absolviert, in dem eine Juniorchefin und andere Frauen beschäftigt waren. „Das war ein Vorteil für mich, weil ich mich mit ihnen austauschen konnte“, begründet sie ihre Wahl.

Frauen in der Klasse in der Unterzahl

In der Berufsschulklasse war sie eines von drei Mädchen, die gemeinsam mit 20 jungen Männern gelernt haben. „Das waren sehr witzige Jungs“, erzählt sie. Alle hätten ihre Ausbildung zielstrebig verfolgt. Sie habe sich als Mädchen dort sehr wohl gefühlt. Frauenfeindliche Sprüche oder unangenehme Erfahrungen habe sie nicht gemacht. In der Klasse habe sie auch ihren Freund kennengelernt, der seit Kurzem ebenfalls im elterlichen Betrieb arbeitet.

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Sowohl den Lernstoff als auch die körperliche Arbeit, die während der Ausbildung zu leisten sind, habe sie als Herausforderung erlebt. „Man muss sich viel Wissen über Pflanzen aneignen. Von den meisten Unterrichts-Inhalten hat man in der Schule noch nichts gehört“, erinnert sich Marie Hildebrand. Auch die ganztägige Arbeit als Gärtnerin sei zu Beginn nicht leicht gewesen. „Man lernt jeden Muskel seines Körpers kennen“, erzählt sie. Abends sei sie mit Muskelkater oft früh ins Bett gefallen.

Sie hat viel Erfahrung gesammelt

Natürlich hätten Männer mehr Kraft als Frauen, sagt sie. Auch was die technischen Fähigkeiten angeht, seien Männer, die schon viel repariert hatten und teilweise Traktor fahren konnten, den Frauen ein Stück voraus gewesen. „Aber das kann man alles lernen“, sagt sie. Inzwischen hat sie ihren Lastwagen-Führerschein in der Tasche und zahlreiche Gärten angelegt.

Der LKW-Führerschein von Marie-Luise Hildebrand ist noch ganz frisch. Vater Dieter Hildebrand ist stolz auf seine Tochter, die in seiner ...
Der LKW-Führerschein von Marie-Luise Hildebrand ist noch ganz frisch. Vater Dieter Hildebrand ist stolz auf seine Tochter, die in seiner Baufirma ordentlich mitanpackt. Gemeinsam sind sie ein starkes Gartenbauteam – er übernimmt die Pflasterarbeiten, sie die Bepflanzung. | Bild: Natalie Reiser

Vater Dieter Hildebrand ist voll des Lobes für seine Tochter. Die Zusammenarbeit empfinde er als optimale Ergänzung. Sie sei für die kreativen Ideen und die Planung der Gestaltung verantwortlich. Außerdem bringe sie das Wissen um die Pflanzen mit. Er lege Wege und Rohre, baue Terrassen und Zisternen.

Auch die Kommunikation in der Firma, in der außer Marie nur Männer arbeiten, habe sich verändert. „Alles wird ein bisschen positiver. Die Mischung macht es einfach“, findet der Vater.

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Balance zwischen Büro und Baustelle

Was für Frauen im Handwerk allerdings schwierig bleibe: „Ein Sack Zement wiegt einfach 40 Kilogramm und das ist für eine Frau zu schwer“, gibt Hildebrand zu Bedenken. Bei vielen käme früher oder später der Kinderwunsch hinzu.

Auf längere Sicht sei es für eine Frau besser, die Arbeitszeit aufzuteilen und sowohl im Büro als auch auf der Baustelle zu arbeiten, findet er. Marie Hildebrand macht das seit einiger Zeit so. Mit dieser Aufteilung komme sie bestens klar. Nun habe sie viel Freude an ihrem Beruf, fühle sich körperlich fit und nicht überfordert.

Ihr Appell an junge Frauen lautet: „Eine Ausbildung im Handwerk macht Spaß und ist in jedem Fall eine Bereicherung! Auch wenn man nachher vielleicht noch studieren möchte.“

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