Der Beschluss des Gemeinderates, die Hallengebühren für den Trainingsbetrieb im Erwachsenensport von April 2021 an bis 2023 stufenweise „anzupassen“ und erstmals Gebühren für den Kinder- und Jugendsport einzuführen, hat beim Turn- und Sportverein Böhringen für blankes Entsetzen gesorgt. Die IG Sport hatte in einem Rundschreiben die Erhöhung verdeutlicht. Tobias Klumpp, Vorsitzender des Böhringer Turn-und Sportvereins hat gerechnet: Demnach müsste der Verein mit seinen fast 1000 Mitgliedern, würde er sein Angebot wie vor der Pandemie im Jahr 2019 aufrecht erhalten wollen, im Jahr 2023 insgesamt 13.000 Euro jährlich mehr an Hallengebühren bezahlen.

Dem TUS Böhringen droht das Aus

Bisher beliefen sich diese auf knapp 2000 Euro. „Unserem Verein in jetziger Größe droht das Aus. Wir werden uns das nicht leisten können“, macht Tobias Klumpp deutlich. „Es werden Angebote aus den Bereichen Kleinkinder, Jugendsport, Wettkampfsport, Senioren- und Gesundheitssport wegfallen müssen. Erfolgreiche langjährige Jugendarbeit wird damit bestraft und unmöglich gemacht“, sagt der Vorsitzende in einem Brandbrief an die Fraktionen und an Oberbürgermeister Martin Staab.

„Unserem Verein in jetziger Größe droht das Aus. Wir werden uns das nicht leisten können“: Tobias Klumpp, Turn- und Sportverein Böhringen.
„Unserem Verein in jetziger Größe droht das Aus. Wir werden uns das nicht leisten können“: Tobias Klumpp, Turn- und Sportverein Böhringen.

Für dieses Thema war eigens eine Arbeitsgruppe eingesetzt worden, der Finanzausschuss hatte den Beschlussvorschlag der Verwaltung vorbesprochen und der Gemeinderat verabschiedete jüngst die Erhöhung ohne Diskussion. Auch mit dieser sollen die Stadtfinanzen sicherer werden. Der Beschluss sieht vor, die Hallenbenutzungsgebühren für die Erwachsenen in den zwölf Hallen im Stadtgebiet ab 1. April 2021 in drei Stufen bis 2023 um 160 Prozent zu erhöhen. Bei der Neu-Einführung von Gebühren im Jugendbereich wurden 50 Prozent der Erwachsenen-Gebühr angesetzt.

Wichtige Fünf-Prozent-Marke

Ziel ist eine fünfprozentige Kostendeckung des Aufwands. Die Fünf-Prozent-Marke, so argumentierte die Verwaltung, habe zudem einen steuerlichen Hintergrund. Nur wenn ein Kostendeckungsgrad in dieser Höhe erreicht werde, bestehe die Berechtigung zum Vorsteuerabzug. Dieser sei von besonderer Bedeutung für den Neubau der Markolfhalle und die Sanierungen der Mehrzweckhallen in Liggeringen und Stahringen. Beim Neubau der Markolfhalle könne auf diese Weise ein Vorsteuerabzugsanteil in Höhe von 73 Prozent erreicht werden. Bei Baukosten von 10,7 Millionen, so rechnete die Verwaltung vor, bedeute dies ein Vorsteuerabzug in Höhe von 1,25 Millionen Euro. Ohne Erhöhung der Gebühren im Jugendbereich würde die Differenz 359.908 Euro betragen.

„Obwohl die Gebühren seit 2002 nicht angepasst wurden, ist die enorme Erhöhung für die Vereine so nicht tragbar“: Axel Tabertshofer, IG Sport
„Obwohl die Gebühren seit 2002 nicht angepasst wurden, ist die enorme Erhöhung für die Vereine so nicht tragbar“: Axel Tabertshofer, IG Sport | Bild: Becker, Georg

Die Vereine erfuhren vom Ausmaß der Gebührenerhöhung erstmals nach dem Gemeinderatsbeschluss durch eine Information der IG Sport. Die Beschlussvorlage war erst ein Tag vor der Sitzung im Bürgerinformationssystem zugänglich. „Obwohl die Gebühren seit 2002 nicht angepasst wurden, ist die enorme Erhöhung bei den Erwachsenen und die Neueinführung bei Jugendlichen für die Vereine so nicht tragbar“, schreibt der IG-Sport-Vorsitzende Axel Tabertshofer und versichert: „Wir als IG Sport werden uns vehement für eine höhere Sportförderung speziell im Jugendbereich einsetzen, um die neuen Belastungen etwas auszugleichen.“ Schon im Weihnachtsbrief wenige Tage zuvor hatte er mitgeteilt, dass Gebühren für das Jugendtraining anstehen, aber von der Stadt ein Ausgleich dieser Erhöhungen angedacht sei, der allerdings erst im nächsten oder übernächsten Haushalt erreicht werden könne.

„Das können wir nicht tragen. Was die Stadt vorhat, ist absolut in die falsche Richtung weisend“: Annette Neitsch, Vorsitzende Turnverein Radolfzell
„Das können wir nicht tragen. Was die Stadt vorhat, ist absolut in die falsche Richtung weisend“: Annette Neitsch, Vorsitzende Turnverein Radolfzell

Peter Kessler, Vorsitzender des Turnvereins Güttingen mit 600 Mitgliedern und etwa 50 Prozent Jugend reagierte auf Nachfrage gelassen. „Wir haben aus einer Sitzung der IG Sport die Zusage der Stadt mitgenommen, dass die Vereine nicht mehr belastet werden sollen als bisher. Darauf vertrauen wir.“ Andernfalls sähe er mit 5000 Euro Mehrkosten deutliche Belastungen auf den Verein zukommen. „Wir müssten die Beiträge um 25 Prozent erhöhen“, ergänzt Kessler.

Annette Neitsch, Vorsitzende des Turnvereins Radolfzell, zeigte sich hingegen sehr besorgt. Ihre Hochrechnung sieht den Verein in drei Jahren bei einer Mietzahlung von etwa 15.700 Euro. „Das können wir nicht tragen. Was die Stadt vorhat, ist absolut in die falsche Richtung weisend. Die Gemeinde ist auf die Arbeit der Vereine – hier die Schlagworte Jugendarbeit und Gesundheitsprävention – angewiesen. Somit ist das Steuerrecht in diesem Zusammenhang der falsche Ansatz. In einer Zeit, in der die Vereine selbst große Sorgen haben, wie sie ihren Betrieb und das Angebot für ihre Mitglieder aufrechterhalten können, zeigen Gebührenerhöhungen in diesem Umfang keine Unterstützung für das Ehrenamt.“

Tobias Klumpp sieht den TUS Böhringen mit seiner langjährigen, erfolgreichen und vielschichtigen Kinder-und Jugendarbeit im Verhältnis zu anderen Vereinen um ein Vielfaches stärker betroffen. Zu den 72.000 Euro, die die Stadt durch die Erhöhung einnehmen will, soll allein der TUS Böhringen ein Siebtel beisteuern. „Wir verstehen die Notwendigkeit der Haushaltssanierung und würden auch moderate Erhöhungen unterstützen, aber nicht um 160 Prozent in zwei Jahren und im Vergleich zu Nachbarstädten unverhältnismäßig hoch. Unser Protest richtet sich vor allem gegen die Gebühren im Jugendbereich„, macht der TUS-Vorstand deutlich. „Eine mündlich in Aussicht gestellte, aber bisher völlig undefinierte Kompensation ab vielleicht 2023 gibt keinerlei Planungssicherheit. Schon gar nicht in diesen unsicheren Zeiten. Insbesondere ärgert uns die Nicht-Beteiligung und Nicht-Information der Vereine, was nicht gerade das Vertrauen stärkt, und das schlechte Timing kurz vor Weihnachten – die Bürger haben genug andere Sorgen mit der anhaltenden Pandemie.“