Frau Pesch, Sie stehen seit 36 Jahren auf der Bühne. Fühlt man sich mittlerweile ein bisschen alt, wenn man sich die aktuelle Musikszene anschaut?

Doro Pesch: Eigentlich gar nicht. Musik hält einen so wahnsinnig jung. Wenn ich an die Jahre mit meiner ersten Band zurückdenke als ich 15 Jahre alt war, da habe ich nicht sonderlich auf meine Gesundheit geachtet. Ich hab geraucht und getrunken. Heute mache ich das alles nicht mehr. Ich mache viel Sport und achte auf eine gesunde und vegane Ernährung. Ich bin heute deutlich fitter als damals und kann ohne Probleme zweieinhalb Stunden auf der Bühne Vollgas gaben. Früher ging mir nach einer Dreiviertelstunde schon mal die Puste aus, da war ich fix und fertig, mit einem roten Kopf, kurz vor Exodus. Aber heute fühle ich mich so wie in den Achzigern.

Wie halten Sie sich denn fit?

Doro Pesch: Wenn ich unterwegs bin, dann gehe ich Joggen und mache Krafttraining. Wenn ich mehr Zeit habe, dann mache ich Kampfsport. Ich bin ein großer Fan von Mixed Martial Arts. Ich habe lange Zeit Wing Chun gemacht, das ist eine chinesische Kampfsportart. Das mache ich zwar immer noch, aber nicht mehr im Verein. Wenn man so viel unterwegs ist, dann ist das immer schwer. Aber an sich ist das ein gutes Zeichen, wenn man immer da wäre, würde es mit der Musik nicht so gut laufen. (lacht)

Sie gehören zu den wenigen Frauen in der Metal-Szene, die sich in dieser Männerdomäne behaupten könnten. Wie haben Sie das als zierliche Blondine hinbekommen?

Doro Pesch: Ich hab da jetzt nicht drauf hingearbeitet. Ich wollte immer schon Musik machen, stand ab 15 Jahren auf der Bühne. Mit der Band Warlock kam dann der große Durchbruch. Ich denke, wir waren einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Es war die Zeit in der Metal und Rock gerade groß im Kommen waren. Ich habe dann für die Judast Priest Tour 1986 meinen Job geschmissen. Ich war Typografin, war gerade auf dem Weg Grafikerin zu werden. Aber Judas Priest waren damals die größte Metal-Band der Welt, es war unglaublich diese Tour zu bekommen.

Der Sechser im Lotto also...

Doro Pesch: Genau. Dem Voraus ging das Monsters of Rock-Festival in Castle Donington in England. Da waren dann alle da, die in der Musikbranche was zu melden hatten, alle Plattenbosse und Journalisten. Da sind wir aufgetreten und haben es wohl ganz gut gemacht. Und von dort aus ging alles los. Wir haben eine kleine Promo-Tour durch die USA gemacht und nach drei Tagen stand für mich fest: Ich bleib hier.

Bild: Veranstalter

Sie leben mittlerweile schon ziemlich lange in den USA.

Doro Pesch: Seit 29 Jahren habe ich die Grüne Karte.

Aber Sie kommen noch oft nach Deutschland. Ist es ein Kulturschock zwischen den beiden Ländern zu pendeln?

Doro Pesch: Nicht mehr ganz so krass wir in den Achzigern. da waren die Unterschiede noch deutlicher. Das war damals eine völlig andere Welt. Was man früher als den Amerikanischen Traum kannte, den gab es wirklich in den Achzigerjahren. Ich muss sagen, in den letzten Jahren ist es gar nicht mehr so schön in den USA. Die Lage hat sich sehr verändert. Es ist nicht mehr so frei, nicht mehr so fröhlich wie früher. Früher war es ein wahnsinns Land. Man hatte alle Möglichkeiten, wurde – vor allem als Musiker, oder auch Schausppieler – von allen Seiten unterstützt. das war großartig. Aber heute ist das leider nicht mehr so und ich muss sagen, man kann auch wo anders schöne Musik machen oder gute Filme drehen. Wenn man heute die Nachrichten anschaut, da ist man danach fix und fertig. So harte Zeiten wie jetzt, das habe ich noch nie erlebt.

Können Sie sich vorstellen, wieder zurückzuziehen?

Doro Pesch: Nein, ich will nicht umziehen. Ich liebe Amerika nach wie vor. Ich bin eigentlich überall auf der Welt zu hause und am Wohlsten fühle ich mich im Tourbus, jeden Tag in einer anderen Stadt, in einer anderen Halle, immer bei den Fans.

Das würden die meisten als sehr anstrengend empfinden, so ein Leben auf Tour.

Doro Pesch: Ja, es ist auch anstrengend, aber ich habe das irgendwie im Blut. Mein Vater hatte ein Transportunternehmen und war viel unterwegs und ich bin schon als Baby oft mitgefahren, bin quasi aufgewachsen im Lkw. Ich brauche gar kein festes Zuhause. Wenn man mal auf Tour ein schönes Hotel hat, dann freue ich mich auf eine heiße Dusche, das ist das Beste. In den ganzen Clubs gibt es mittlerweile nicht mal mehr warmes Wasser, also gerade auch in den USA ist das so. Und dann muss ich auch im Winter kalt duschen. Manchmal fühle ich mich da wie in einem Boot Camp. (lacht)

Haben sich denn auch Ihre Fans im Lauf der Jahre verändert?

Doro Pesch: Also eins muss man sagen: Die Metal-Fans gehören zu den Allertreusten. Viele Begleiten uns schon seit Jahren und Jahrzehnten und es wird ehrlich gesagt immer schöner und sie wachsen mir immer mehr ans Herz. Aber man merkt auch, dass sich das Publikum verändert hat. Alle sind immer so eingespannt und angespannt. Wenn man früher auf die Bühne ist, war die Stimmung schon am Überkochen, nur weil man jetzt da war. Heute brauchen alle länger um ausgelassen zu sein. Die Musik kann in solchen Zeiten auch helfen, den Alltag abzustreifen. Aber Ausgelassenheit, das gibt es immer seltener. Und das sehe ich für mich als Aufage, diese Momente zu schaffen, dass die Fans diese Ausgelassenheit erleben können.

Bild: Christophe Gateau

In Radolfzell werden Sie in einer, für Ihre Verhältnisse, recht kleinen Halle spielen.

Doro Pesch: Das wird super. Ich liebe kleine, intime Konzerte, man kann den Leuten in die Augen schauen. Das ist ein besonderer Moment. Klar ist es aufregend in Wacken aufzutreten. Ich liebe das Wacken, man sieht dann 80 000 Köpfe, aber nie die Gesichter. Es ist eine Menschenmasse. Aber jeden einzelnen sehen zu können, vielleicht mit einem Tränchen im Auge, wenn man berührt wird, das ist eine Magie, das ist unglaublich. Aber ob groß oder klein, sobald die Musik losgeht, wird man eine Einheit.

Sind Sie denn vor großen Konzerten aufgeregter als vor kleinen?

Doro Pesch: (lacht) Ich bin immer aufgeregt, ich habe immer Lampenfieber und weiche Knie. Egal wie viele Leute auf mich warten. Aber wenn der erste Satz gesungen ist, verschwindet es wie von selbst. Dann ist alles gut.

Fragen: Anna-Maria Schneider
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Zur Person

  • Doro Pesch ist 1964 in Düsseldorf geboren. Ihre Karriere begann in Düsseldorf, wo sie zuerst in Underground-Metal-Bands sang und schließlich mit anderen Musikern die Band Warlock gründete. Eine Frau als Sängerin einer Metal-Band war zu jener Zeit noch recht ungewöhnlich und hob die Band schnell von anderen ab. Die Band löste sich 1988 auf und Doro Pesch macht seitdem alleine Musik.
  • Karten: Für das Konzert am Freitag, 15. November, im Radolfzeller Milchwerk gibt es Karten für 39,75 Euro. Der Vorverkauf läuft auch über die SÜDKURIER-Vorverkaufsstelle in Radolfzell, Schützenstraße 12, Öffnungszeiten sind montags bis freitags von 9 bis 13 Uhr. Oder per Telefon unter (0 800) 999-1777.