Was macht eine gute Reitschule aus? Ist das Hobby Reiten zu gefährlich für mein Kind? Das fragen sich Eltern, deren Kinder gern reiten lernen wollen. Sieglinde Müller vom Unterbühlhof bei Öhningen auf der Höri nimmt diese Fragen sehr ernst. Sie hat 18 Lehrpferde im Stall und unterrichtet mit ihren zwei Mitarbeitern und drei Auszubildenden rund 100 Reitschüler in der Woche.

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Das Thema Sicherheit ist ihrer Meinung nach unabdingbar verknüpft mit dem Thema der artgerechten Pferdehaltung. „Dazu muss man sich anschauen, was das Pferd für ein Wesen ist. Es ist ein Lauftier, ein Fluchttier und ein Herdentier“, erklärt sie. Falsche Haltung führe dazu, dass ein Pferd sich so verhält, dass gefährliche Situationen entstehen und Unfälle passieren. „Wenn ein Pferd 23 Stunden in der Box steht und dann für eine Stunde bewegt wird, braucht man sich nicht wundern, dass es losrennt“, nennt sie ein Beispiel. Pferde seien Herdentiere, sie verkümmerten allein in der Box. Außerdem sei es wichtig, dass die Pferde Umweltreizen ausgesetzt werden. Sie müssten sich draußen bewegen, Geräusche, Wind und Bewegung kennenlernen, um nicht bei jedem Reiz zu erschrecken.

Freiheit, Energie und Lebensfreude

Pferde in der Wildnis seien den ganzen Tag unterwegs, sie seien immer in Bewegung. Die Aktivstallhaltung, wie sie auf dem Unterbühlhof praktiziert wird, käme diesem Grundbedürfnis am nächsten. Die Tiere leben in der Herde, bewegen sich frei im Stall und auf die Weide. Sie haben einen Bereich zum Schlafen, zum Fressen und können selbstständig auf die Weide gehen. Und wirklich, wenn man als Fremde den Aktivstall betritt, reagieren die Pferde erst einmal – gar nicht. Sie sind ruhig und entspannt. Wenn man länger stehen bleibt, und sich unterhält, kommt das eine oder andere vorbei, um mal zu gucken, wer da steht. Wenn ein Pferd neu in die Herde komme, verändere sich die Rangordnung und das müsse unter Aufsicht nach Pferdeart ausgefochten werden, erklärt Müller. Doch auch das gehöre zum Pferdeleben.

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Zum Glück gebe es immer mehr Reitställe, die sich das bewusst machen und ihren Pferden die Möglichkeit geben, sich in der Herde draußen zu bewegen. „Da tut sich einiges in der Pferdewelt und es findet ein Umdenken statt“, so die Pädagogin und Reitlehrerin. Sie ist der Meinung, und die Rückmeldungen von Reiter bestätigen es ihr, dass zufriedene, ausgelichene Tiere entscheidend dazu beitragen, Unfälle zu vermeiden. Ein Pferd stehe für Freiheit, Energie und Lebensfreude. „Eltern, die den Reitunterricht für ihre Kinder bezahlen, entscheiden mit, wie ein Tier gehalten wird, was und wen sie unterstützen“, so ihr Appell.

Der zweite Punkt neben der Haltung sei die gute und abwechslungsreiche Grundausbildung von Pferd und Reiter. Sie ist in den Richtlinien der deutschen reiterlichen Vereinigung beschrieben, werde aber selten gelebt. Fütterung und Haltung gehören genauso dazu, wie das Reiten. Gleichzeitig sei auch in der Ausbildung ein ganzheitlicher Ansatz wichtig. Eine Reitstunde dauere bei ihr drei Stunden, dazu gehörten auch Putzen, Satteln und Aufhalftern. Dabei gelte das Prinzip: „Ich helfe Dir, es selbst zu tun“, erklärt Sieglinde Müller. Das soziale Miteinander sei genauso wichtig wie das Reiten. Die Kinder sollen sich gegenseitig unterstützen und sehen, wo Hilfe benötigt wird. Sie werden auf dem Unterbühlhof von Grund auf an das Pferd herangeführt. Das beginnt schon mit einer Ponyspielgruppe für Kinder zwischen drei und sechs Jahren, in der das spielerische Heranführen an das Pferd und das Reiten im Vordergrund steht.

Pferdepflege und Streicheleinheiten gehören auch dazu: Shana Hartmann mit Asterix.
Pferdepflege und Streicheleinheiten gehören auch dazu: Shana Hartmann mit Asterix. | Bild: Tesche, Sabine

Sieglinde Müller hat einen sehr großen Zulauf. Wichtig sei, dass jedes Kind oder auch jeder Erwachsene das Pferd bekommt, das zu ihm passe. Die kleinen Kinder arbeiten mit Ponys. Wichtig sei auch die Qualität der Schulpferde. Sie sollten auf leichte Hilfen, wie Schenkeldruck reagieren und nicht stumpf hinter dem Vorderpferd herzotteln. Der Korrekturberitt, bei dem die Reitlehrer mit den Pferden arbeiten, und ein guter Reitunterricht, sorgen dafür, dass die Pferde sensibel bleiben.

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Die Abwechslung in der Reitausbildung für Pferd und Reiter komme dadurch, dass sich der Verein nicht auf eine Disziplin festlegt. In Form von Themenwochen werden verschiedene Disziplinen wie Dressur, Springen, Trail, Bodenarbeit, Geländereiten, Horsemanship Aufgaben oder Wanderreiten erarbeitet. Platz- und Geländetraining wechseln wöchentlich. Die Schüler können die entsprechenden Reitabzeichen der deutschen reiterlichen Vereinigung ablegen. Dort würden auch die Regeln vermittelt, die gelten, wenn man im Gelände reitet. Das Reiten solle Freude machen, der Reiter müsse sich auf dem Hof wohlfühlen. Auch das sei ein entscheidendes Kriterium bei der Wahl des Hofes: Die Chemie muss stimmen. Zum Spaß am Sport tragen auf dem Hof bei Öhningen auch Ausritte und Ausflüge an den Bodensee zum Baden oder zur Eisdiele bei.

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Reitlehrer muss auch Pädagoge sein

Beim Reiten lernen, müsse nicht nur das Pferd arbeiten, sondern der Mensch müsse an sich arbeiten, erklärt Müller. Das Pferd sei ein Spiegel des Menschen und 50 Prozent beim Reiten sei die Beziehung zum Pferd. „Ein Pferd ist kein Fahrrad, auf das ich mich draufsetze und wenn es nicht mehr funktioniert, kommt es weg“, bringt es Müller auf den Punkt. Der Reitlehrer müsse auch ein guter Pädagoge sei. Er sollte auf seine Schüler eingehen können und sehen, was der Einzelne braucht. Dabei seien Erwachsene manchmal die schwierigeren Schüler, weil sie sich ihre Haltung, auch die innere, über Jahre antrainiert hätten.

Auch Kinder können beim Umgang mit dem Pferd viel lernen: die Motorik wird geschult, der Gleichgewichtssinn, sie lernen Verantwortung zu tragen und auf ein anderes Wesen einzugehen. Es werden alle Sinne angesprochen. Deshalb kann Reiten für Kinder ein erfüllendes Hobby sein.

Video: Jacqueline Weiß

Fragen und Antworten zum Thema reiten lernen

  1. Auf was muss ich bei der Wahl des Reitstalls achten? Eltern, deren Kinder reiten lernen wollen, sollten sich zuvor über den Reitstall informieren. Oft gibt die Internetseite schon Aufschluss und vermittelt einen ersten Eindruck. Dann kann man eine Schnupperstunde vereinbaren und sich vor Ort ein Bild machen. Der Reitlehrer sollte freundlich und offen sein, Fragen beantworten und bereitwillig Informationen geben.
  2. Was braucht mein Kind als erste Ausrüstung? Ein Kind, das reiten lernen will, braucht fürs Erste feste Schuhe mit Absatz, eine bequeme Hose oder Leggings, ohne dicke Innennähte und einen Helm. Viele Reitställe bieten auch Leihhelme an. Wenn das Kind beim Reiten bleibt, lohnt sich die Investition in eine Reithose und einen Helm. Das Kind sollte ein anliegendes Oberteil tragen, damit der Reitlehrer die Haltung sehen und korrigieren kann. Die Bekleidung sollte dem Wetter angepasst sein. Außerdem sollte kein Schmuck getragen werden, mit dem man irgendwo hängen bleiben kann.
  3. Was kostet eine Reitstunde? Der Preis für eine Reitstunde kann von Verein zu Verein und Stall zu Stall variieren. Eine Reitstunde in der Gruppe ist zwischen 10 und 20 Euro anzusetzen, bei einer Einzelstunde liegt man bei rund 35 Euro. Für diejenigen, die einem Reitverein beitreten, wird es meist günstiger, wobei dann noch ein Jahresbeitrag zu entrichten ist.
  4. Welcher Reitstil ist der Richtige und was sind Hilfen? Es gibt verschiedene Reitstile und in den meisten Reitställen und Reitvereinen wird der englische Stil gelehrt. Er bietet eine gute Grundlage für alle anderen Reitstile. Er ist in die Disziplinen Dressur, Springen und Vielseitigkeit aufgeteilt. Wachsender Beliebtheit erfreut sich das Westernreiten, das sich aus der Arbeit der Cowboys entwickelt hat. Er unterscheidet sich durch die Ausrüstung, wie den Westernsattel und die Hilfengebung. Der Sattel ist durch das Sattelhorn, die breite Sitzfläche und die langen Steigbügel für tagelanges Arbeiten gemacht. Das Pferd muss selbstständig arbeiten und auf kleinste Gewichts- und Schenkelhilfen reagieren. Mit den sogenannten Hilfen wirkt der Reiter auf das Pferd ein. Es gibt Zügel-, Schenkel- und Gewichtshilfen. Gut trainierte Schulpferde reagieren schon auf leichte Hilfen.
  5. Was macht die deutsche reiterlich Vereinigung? Sie ist der Dachverband der Reiter, Züchter, Fahrer und Volitigierer. Die internationale Bezeichnung ist Fédération Équestre Nationale, deshalb die Abkürzung FN. Ihr gehören 17 Landesverbände mit 7090 Reit- und Fahrvereinen an. Sie hat außerdem 58 423 Mitglieder und 3830 Pferdebetriebe sind an den Verband angebunden. Sie gibt Auskunft zu allen Themen des Reitens vom Breiten- bis zum Turniersport und legt die Anforderungen für die Prüfungen in allen Disziplinen fest. Außerdem informiert er über die verschiedenen Stufen der Ausbildung für Reitschüler und über Trainerlizenzen.
  6. Wie ist die Ausbildung geregelt? Alle Fragen rund um Ausbildung und Prüfungen werden in der Ausbildungs- und Prüfungsordnung der Deutschen Reiterlichen Vereinigung beantwortet. Zur Ausbildung gehört das Ablegen eines Abzeichens. Schüler können über 50 Abzeichen in den verschiedenen Disziplinen durch theoretische oder praktische Prüfungen machen. Für Trainer gibt die drei Linzensstufen C, B und A. Wer beruflich mit Pferden arbeitet, kann die Ausbildung zum Pferdewirt machen.
  7. Was passiert in der ersten Reitstunde? Die ersten Reitstunden sind meist Longestunden. Das Pferd geht an einer langen Leine in einem großen Kreis um den Reitlehrer. Schüler und Lehrer können sich dabei ganz auf seinen Sitz konzentrieren. Später wechselt er dann in eine Anfängergruppe.

Eltern finden alle wichtigen Fragen rund ums Reiten lernen auf der Homepage der reiterlichen Vereinigung unter:
www.pferd-aktuell.de