Noch bevor die Tierbesitzer an diesem Morgen zu sehen sind, ist ihr Schluchzen zu hören. Für zwei Mädchen beginnt der Tag mit einem Verlust. Tränen haben sich den Weg auf ihre Wangen gebahnt, mit gesenktem Kopf laufen sie am Wartezimmer vorbei. Hinter ihnen sind die Eltern, die mit Tränen in den Augen ihren Töchtern über den Kopf streichen. Schnellen Schrittes läuft die Familie in einen der Räume der Tierarztpraxis. Dort liegt ihr Familienhund, der vor wenigen Minuten gestorben ist. Solche Momente erlebt Natalie Wilhelm regelmäßig. Die Tierärztin führt eine Praxis in Radolfzell und begleitet dort Vierbeiner auch bis zu ihrem Tod. Danach beginnt die Qual der Wahl. Denn wie ein Tier bestattet werden soll, ist dem Besitzer überlassen.

Haustiere dürfen im eigenen Garten beerdigt werden

In ihrer Praxis erlebt Natalie Wilhelm, dass Tierbesitzer sich unterschiedlich entscheiden: "Heutzutage möchte etwa die Hälfte der Betroffenen, dass ihr Tier eingeäschert wird." Nach wie vor würden 20 bis 30 Prozent den Körper ihres toten Tieres in eine Tierkörperbeseitigungsanlage geben. Eine Sammelstelle gibt es in Orsingen, zu Tiermehl oder Tierfett verarbeitet werden die Körper dann in Warthausen bei Biberach. Das ist laut Benedikt Graf, Pressesprecher des Landratsamts Konstanz, grundsätzlich verpflichtend, eine Ausnahme gebe es aber für einzelne Tiere wie Katzen, Hunde oder Meerschweinchen. Die dürften im eigenen Garten oder auf eigenem, größerem Grundstück begraben werden. Das gilt, wenn das Gelände sich nicht im Wasserschutzgebiet befindet. „Die Tierkörper müssen so tief liegen, dass sie von mindestens 50 Zentimeter Erdschicht bedeckt sind“, ergänzt Graf.

Nur wenige Meter vom Friedhof für Menschen entfernt, liegen in Singen auch Tiere begraben.
Nur wenige Meter vom Friedhof für Menschen entfernt, liegen in Singen auch Tiere begraben. | Bild: Arndt, Isabelle
Birgit Hafner hat 2015 den Tierfriedhof in Singen übernommen, hier liegen besonders Hunde, Katzen, Kaninchen und Meerschweinchen begraben.
Birgit Hafner hat 2015 den Tierfriedhof in Singen übernommen, hier liegen besonders Hunde, Katzen, Kaninchen und Meerschweinchen begraben. | Bild: Arndt, Isabelle

Die meisten Tierbesitzer wünschen sich eine Bestattung

Ein Großteil der Tierbesitzer entscheidet sich laut der Tierärztin für Bestattungen. Wer keinen passenden Garten hat, wendet sich beispielsweise an Birgit Hafner. Sie führt den Tierfriedhof in Singen. Wenige Meter von verstorbenen Menschen liegen hier einige ihrer Vierbeiner begraben. Hafner schätzt die Zahl auf 250 bis 300 Tiere – genau kann sie das nicht sagen, weil sie den Tierfriedhof vor drei Jahren übernahm. Die Tiere liegen mindestens zehn Jahre. So lange zahlen die Besitzer zum Beispiel für eine Katze jährlich 50 Euro, dazu kommen 120 Euro für die Beisetzung mit Ausheben, Trauerfeier und Grabeinfassung. „Wir bestatten jeden Tag und am Wochenende ganztägig“, erklärt Hafner, die als Betriebswirtin lange in der Medizinbranche arbeitete. „Man denkt, dass ein Tierfriedhof für alte Menschen ist, aber das ist nicht so“, sagt sie. Ein junges Paar habe hier etwa sein Kaninchen begraben.

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In diesem Pavillon bietet Birgit Hafner eine kleine Trauerzeremonie für die Vierbeiner, die auf ihrem Tierfriedhof beerdigt werden. Hier mit ihrer eigenen Hündin.
In diesem Pavillon bietet Birgit Hafner eine kleine Trauerzeremonie für die Vierbeiner, die auf ihrem Tierfriedhof beerdigt werden. Hier mit ihrer eigenen Hündin. | Bild: Arndt, Isabelle

Letzte Ruhe kostet neben Geld auch viel Zeit

Menschen lassen sich die letzte Ruhe ihres Tieres etwas kosten, auch Zeit. Laub wird gefegt und Blümchen werden gegossen – einige Kunden sind laut Hafner täglich vor Ort. Häufig steht ein Bild des Vierbeiners auf dem kleinen Fleckchen Erde, auch ein Kreuz ist hier und da zu finden. Dass Birgit Hafner nun einen Tierfriedhof führt, sei Zufall. Auf der Suche nach einer Kapitalanlage stieß sie auf das Grundstück. „Der Tierfriedhof musste nicht übernommen werden“, erinnert sie sich. Hafner besitzt selbst zwei Hunde und zehn Papageien, aus Verbundenheit habe sie sich für den Friedhof entschieden. Dass sie dafür täglich mit toten Tieren zu tun hat, habe ihr anfangs schlaflose Nächte beschert. Doch die Berührungsängste seien schnell überwunden gewesen. Und ein Ritual habe sie gleich etabliert: „Kein Tierchen wird ohne die Regenbogenbrücke beerdigt.“ Dabei handelt es sich um eine Geschichte, mit der das Tier über die sogenannte Regenbogenbrücke in den Tod begleitet wird.

Dieser Hund wurde mit seinem Spielzeug und einer roten Rose begraben.
Dieser Hund wurde mit seinem Spielzeug und einer roten Rose begraben. | Bild: Arndt, Isabelle
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Anders als beim Menschen darf die Asche eines Tieres mit nach Hause

Wer sein Haustier lieber bei sich haben möchte, kann es einäschern lassen. „Bei einem Tier darf man die Asche mit nach Hause nehmen und auch verstreuen“, erklärt Stefan Schindler. Er hat das Tierkrematorium Schwarzwald in Schramberg gegründet, in Radolfzell gibt es eine Außenstelle. Auslöser sei der Tod seines Hundes vor 13 Jahren gewesen, damals habe er für eine Einäscherung acht Stunden lang fahren müssen. Vier Jahre nach seinem Entschluss, das selbst in die Hand zu nehmen, habe er die Baugenehmigung für sein Krematorium erhalten. Heute nutzen Menschen aus ganz Süddeutschland das Angebot von sechs Vollzeitkräften und drei Aushilfen, wie Schindler erzählt. Eine Einäscherung werde häufiger nachgefragt als noch vor ein paar Jahren, sagt Tierärztin Natalie Wilhelm. Menschen seien heute stärker mit ihren Tieren verbunden und das Kremieren sei einfacher und bekannter geworden. Wenn Tiere eingeäschert werden sollen, werden sie in der Praxis von Natalie Wilhelm gekühlt und dann abgeholt.

„Hauptsache mein Tier wird nicht weggeschmissen“, sei eine Aussage, die Schindler häufig höre. Der Preis für eine Einäscherung richtet sich nach dem Gewicht eines Tieres und reicht von 60 bis über 350 Euro – für einen mittelgroßen Hund muss man laut Schindler mit 300 Euro rechnen. Bei einer Einzeleinäscherung können Tierbesitzer nach drei bis fünf Tagen die Asche ihres Vierbeiners abholen. Für die Aufbewahrung braucht es nicht einmal eine Urne: „Wir hatten schon alles, vom Tupperle bis zur Leckerlidose.“ Eine Sammeleinäscherung ist günstiger, dann wird die Asche beim Krematorium beigesetzt.

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Tierärztin wünscht dem Tier seine gewohnte Gesellschaft

Für die letzten Minuten im Leben eines Tieres, das eingeschläfert werden muss, wünscht die Tierärztin ihm Gesellschaft: „Wir haben es ganz gerne, wenn die Besitzer dabei sind“, erklärt Natalie Wilhelm. Das helfe dem Tier, ruhig einzuschlafen, und dem Menschen, damit umzugehen. Eingeschläfert würden Tiere, um ihnen einen Leidensweg zu verkürzen. Wilhelm nennt ein krankes Tier als Beispiel, das nicht mehr gesund werden kann, oder sehr alte Tiere, die beispielsweise nicht mehr aufstehen können oder an Demenz leiden. Wenn ein Tier stirbt, gehört Trauer für die Tierärztin dazu: „Es wäre seltsam, wenn man nicht traurig wäre. Das ist doch ein Familienmitglied, das hier eingeschläfert wird.“

 

Damit Tiere sich nicht vermehren wie die Karnickel

Tierbabys sind niedlich, können aber schnell selbst für Nachwuchs sorgen. „Viele Tiere vermehren sich aus Unwissenheit der Besitzer“, sagt Tierärztin Natalie Wilhelm von der Kleintierpraxis Wilhelm in Radolfzell. Mit Marion Schmoll von der Katzenhilfe Radolfzell erklärt sie, was Tierbesitzer zur Fortpflanzung ihrer Vierbeiner wissen sollten:
 

  • Wie Tiere sich fortpflanzen: „Besonders wenn die Tiere klein sind, ist das teilweise ein Einschätzen und Übungssache“, sagt Tierärztin Natalie Wilhelm über das Geschlecht eines Haustiers – das sei vielen nämlich nicht bekannt. Am Beispiel eines Kaninchens erklärt sie, wie schwierig das sein kann: Entscheidend sei der Abstand zur Afteröffnung und da gehe es um Millimeter. Doch nicht nur körperliche Unklarheiten tragen zu ungewolltem Nachwuchs bei: Viele Tiere seien schon in jungem Alter in der Lage, Nachwuchs zu zeugen oder zu bekommen. Pro Wurf würden dann meist zwischen drei und sechs Tierbabys geboren. Und während die Zeit der Empfängnis bei Frauen mit den Wechseljahren begrenzt ist, gebe es bei Tieren keine Menopause.
     
  • Warum Experten das steuern wollen: Einerseits gebe es bereits genug und viele herrenlose Tiere, andererseits sei der Paarungstrieb für die Tiere ein großer Stress – deshalb wolle sie die Vermehrung steuern, erklärt Wilhelm. Im Fall von Katzen setze der Kater alles daran, seinen Trieb zu befriedigen. Dafür setze er sich auch Revierkämpfen aus und laufe weite Strecken, wie Marion Schmoll von der Katzenhilfe sagt. Und für junge weibliche Katzen sei es kein Spaß, ständig begattet zu werden – zumal der Paarungsakt schmerzhaft sei. Bei der Zeugung können auch Krankheiten übertragen werden. Wunden, wie ein Kater sie seiner Partnerin mit einem Nackenbiss zufügt, können sich entzünden.
     
  • Warum Vermehrung besonders bei Katzen ein Problem ist: „Kein anderes Tier wird so oft ausgesetzt wie die Katze“, erklärt Marion Schmoll. Sie ist Schriftführerin bei der Katzenhilfe Radolfzell und setzt sich für ein Kastrationsgesetz ein. Damit sollen die Halter in die Pflicht genommen werden, die bislang aus Bequemlichkeit, Unwissen oder Kostengründen ihre Katze nicht kastriert haben. „Nur mit Kastration kann man ungewollte Population verhindern“, sagt Schmoll. Katzen seien besonders vemehrungsfreudig und könnten zwei- bis dreimal pro Jahr zwischen zwei und vier Tiere gebären.
  • Warum Zucht eine Ausnahme ist: Züchter haben für Tierärztin Natalie Wilhelm einen besonderen Platz, aber auch eine besondere Verantwortung. Mit gezielter Fortpflanzung sorgen sie für gesunde Nachkommen und den Erhalt einer Rasse. Aber: „Wenn ein Tier in Mode kommt, kommen auch die Probleme“, sagt Wilhelm und verweist etwa auf den Mops. Die Nase dieses Hundes wurde aus optischen Gründen kurz gezüchtet mit der Folge, dass viele der Tiere nun kaum Luft bekommen. Für eine sinnvolle Zucht brauche es viel Wissen: „Ein Besitzer liebt sein Tier, aber weiß nicht unbedingt, nach welchen Kriterien er züchten sollte“, erklärt die Tierärztin. Um nicht unbewusst Krankheiten und schlechte Gene weiterzugeben, brauche es je nach Tier und Rasse regelmäßig spezielle Untersuchungen. 
  • Wie eine Kastration funktioniert und was sie kostet: Während bei einer Sterilisation lediglich die Samen- oder Eileiter eines Lebewesens durchtrennt werden, geht es bei der Kastration um die Entfernung von Hoden oder Eierstöcken. „In der Tiermedizin wird eigentlich nur kastriert, damit der Trieb verschwindet“, erklärt Wilhelm. Kastriert würden bei Hunden besonders die weiblichen Tiere – das müsse aber jeder Hundehalter selbst entscheiden. Katzen sollen laut der Tierärztin ab einem Alter von sechs Monaten kastriert werden – dann könne man sie auch gleich tätowieren, um sie bei einem Verlust rasch zuordnen zu können. Für eine Kastration rechnet die Katzenhilfe Radolfzell mit Kosten zwischen 80 und 100 Euro beim Kater und 100 bis 150 Euro bei einer Katze. Bei Kaninchen empfiehlt Wilhelm in jedem Fall eine Kastration, da diese Tiere nicht allein gehalten werden sollen und ohne Fortpflanzungstrieb friedlicher miteinander leben würden. Bei Meerschweinchen solle man nach Geschlecht trennen oder die Männchen kastrieren. Bei Hamstern gebe es das Problem kaum, weil sie meist einzeln gehalten würden.
  • Warum die Tierärtzin von Hormonen abrät: Theoretisch könne man bei Tieren auch mit Hormonen verhüten, übliche Verfahren sind eine Hormonspritze oder Anti-Hormone. Diese Verhütungsmethode habe aber Nachteile, erklärt die Tierärztin Natalie Wilhelm: „Mit Hormonen arbeite ich nicht so gerne, weil sie auch Nebenwirkungen haben können.“ Als Beispiel nennt sie eine Scheinschwangerschaft. Dabei fühle und verhalte sich eine Hündin, als ob sie Nachwuchs erwarte, obwohl das nicht der Fall ist.