Die Pfingstferien sind zu Ende. Heute beginnt die Schule wieder, traditionell der Endspurt vor den Sommerferien. In diesem Jahr ist alles anders. Sitzen bleiben darf niemand. Wer mag, wird versetzt. Wer nicht mag, darf die Stufe wiederholen. Noten gibt‘s im zweiten Halbjahr, das kurz vor der Schulschließung begann, nicht.

Stück für Stück zurück zur Normalität

Seit Mitte März befinden sich alle Schüler, mit Ausnahme der aus den Abschlussklassen und Kursstufen, die bereits im Mai wieder einstiegen, im Home-Schooling; Grundschulen sollen bis Ende Juni vollständig und Abstandsgebote öffnen. Das Unterrichten übers Internet lief mal besser, mal schlechter. Vorbereitet war darauf niemand, weder in Deutschland noch in anderen Ländern. Wichtig ist spätestens ab jetzt, daraus zu lernen und die Schulen besser digital auszustatten.

Schulen wurden alleingelassen

„Wir alle erleben diese Situation zum ersten Mal und wissen nicht, was richtig und was falsch ist“, sagt Hanna Schönfeld, Direktorin des Ellenrieder Gymnasiums. Damit hat sie vor allem eines: nämlich recht. Das Kultusministerium mit Susanne Eisenmann (CDU) an der Spitze hat die Schulen auf der Suche nach Wegen weitgehend alleingelassen.

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Der Elternbeirat des Ellenrieder-Gymnasiums drückt es so aus: „Das Krisenmanagement des Kultusministeriums ist unseres Erachtens absolut mangelhaft. Wir hätten mehr erwartet. So hat man fast das Gefühl, man sitze dort die Situation aus, weil die Entwicklung schlüssiger Konzepte nicht mit der Situation an den Schulen zu vereinbaren ist. Nicht umsetzbar, weil in der Bildungspolitik immer gespart und zu wenig investiert wurde. Es gab weder eine Entwicklung einer sicheren Lernplattform, noch wurden Lehrkräfte entsprechend flächendeckend fortgebildet oder Schüler und Lehrer mit Technik ausgestattet. Erschwerend kommt hinzu, dass die Versorgung mit Lehrkräften an den Schulen von jeher zu knapp bemessen ist.“

Einheitliche Lösungen? Fehlanzeige

Schulen erhielten, wenn überhaupt, Empfehlungen an die Hand und sollten mal machen. Das Ergebnis waren in aller Regel engagierte Schulleiter und Lehrer, die im besten Wissen und Gewissen drauflos werkelten und hofften, dass am Ende alles gut wird. Einheitliche Lösungen gab es nicht.

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Kinder haben ein Recht auf Bildung und Schutz. Die Corona-Krise hat gezeigt, dass die Politik keine schlüssigen Ideen und Maßnahmen zur Verfügung hatte, um dieses Recht zu schützen und mit Leben zu füllen. Susanne Eisenmann versprach, dass jeder Schüler bis zu den Sommerferien noch mindestens zwei Wochen Frontalunterricht erhalten werde.

Rollierendes System sechs Wochen lang

Die Realität sieht am Beispiel des Ellenrieders so aus: Die fünften und sechsten Klassen sind heute Morgen zurückgekehrt, sie kommen eine Woche lang jeweils vormittags oder nachmittags für vier Stunden in die Schule und begeben sich dann wieder zwei Wochen ins Home-Schooling. Kommende Woche dasselbe Prozedere mit den Klassen sieben und acht, anschließend mit den Klassen neun und zehn. Und dann wieder von vorn, bis zu den Sommerferien. Die einzelnen Klassen treffen sich jeweils zu bestimmten Zeiten an bestimmten Eingängen des Gebäudes und werden mit Mundschutz in ihre Klassenzimmer geführt. So sollen alle Schüler in den verbleibenden sechs Wochen bis zu den Sommerferien zwei Wochen Unterricht haben.

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16 Wochenstunden – das sind ungefähr halb so viele wie üblich. Unterrichtet wird nur in den Hauptfächern. Lehrer haben bereits angekündigt, dass es ihnen auch darum ginge, mit den Kindern und Jugendlichen über die Erfahrungen der vergangenen drei Monate zu reden. Das ist pädagogisch gesehen ein hehrer Ansatz, hat mit dem von der Ministerin versprochenen Unterricht jedoch nicht viel gemein. Ein Beispiel, dass die Realität an der Basis nichts mit der Traumwelt von Stuttgart zu tun hat. Es fehlt an Lehrern, die aufgrund der Abstandsvorschriften geteilten Klassen zu betreuen; es fehlt an Räumlichkeiten, die geteilten Klassen unterzubringen. Und so werden auch Turnhallen als Klassenzimmer genutzt.

Was draußen erlaubt ist, ist drinnen verboten

Und was machen die Kinder und Jugendlichen, wenn sie nicht viermal 45 Minuten mit Abstand zueinander Unterricht im Schulgebäude haben? Sie treffen sich in großen Gruppen auf dem Bolzplatz, spielen Basketball oder Beachvolleyball oder gehen mit ihrer Clique zum Baden oder in die Eisdiele– was übrigens alles wieder erlaubt ist.

Wirtschaft wird gehört, Eltern nicht

Carsten Rees, der Vorsitzende des Landeselternbeirats, hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann vor zwei Wochen einen Brandbrief geschrieben. Unter anderem steht hier: „Die Kultusministerin hat es bisher vermieden, die Elternschaft in den Prozess der Corona-Politik des Kultusministeriums einzubeziehen. Die Wirtschaft wird gehört – die Eltern nicht. Das ist dann noch nicht einmal mehr Politik des Gehört-Werdens, das ist eine Politik des Ignorierens.“ Besser kann man es nicht ausdrücken. Die Planungen für das nächste Schuljahr laufen bereits. Bleibt zu hoffen, dass das Ministerium gelernt hat und die Erfahrungen vor Ort miteinbezieht.

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