Jugendliche für Politik zu begeistern, ist heute ein gutes Stück einfacher geworden: Freitags auf die Straße mit Fridays for Future, keine Schule, Masseneuphorie und das Gefühl Teil einer großen Bewegung zu sein – gegen eine Klimakatastrophe, die die Menschheit bedroht zum Beispiel.

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Als Antje Behler mit 15 Jahren das erste Mal Politik in ihrem Dorf nahe Rottweil machte, war sie ganz allein. Ihr Wille, etwas zu bewegen und zu kämpfen – wenn man es genau nimmt, erwuchs dieser Wille aus einer Verwunderung. Über das Projekt Stuttgart-21.

„Ich fand es seltsam, dass nur die Grünen und die Linken dagegen waren“, erinnert sie sich. Die Partei war ihr egal, sagt sie: Antje Behler fand das Projekt Stuttgart 21 schlecht und spürte den Drang, etwas dagegen tun zu müssen. Sie recherchierte ein wenig im Internet – und stieß auf eine Flyer-Aktion von Campact.

Vom Teenie mit Flyer-Aktion zur Politikerin im Kreistag

Kurzerhand bestellte sie sich einen Packen der roten Flyer – und zog damit durchs Dorf. An jede Tür hängte sie die Parolen. „Meine Eltern waren bestimmt überrascht, aber sie fanden es sicher gut“, sagt sie.

Heute, neun Jahre später, will sie für die Linkspartei in den Landtag ziehen. Dazwischen lagen Kämpfe im Studierendenparlament, eine erfolgreiche Kandidatur für den Kreistag und die Entscheidung, in Konstanz leben zu wollen.

Antje Behler stellt Plakate auf.
Antje Behler stellt Plakate auf. | Bild: Daniel Färber

Zum Gespräch mit dem SÜDKURIER ist sie mit Filzhut, schwarzem Mantel und Mehrweg-Kaffee-Becher ausgerüstet. Ein Spaziergang entlang des Sees und der Kunstgrenze.

Es hat den ganzen Tag geregnet, doch als von Klein-Venedig aus das Ufer des Bodensees sichtbar wird, ist mit der Sonne ein Regenbogen da. Behler bleibt stehen. „Es ist jedes Mal schön und beruhigend, den See zu sehen“, sagt sie.

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Ja, Konstanz, Radolfzell und die kleineren Gemeinden, es ist eine wunderschöne Gegend. „Und sehr privilegiert“, sagt Behler, „dem sollte man sich immer bewusst sein.“

Privilegiert zu sein, Vorteile zu haben, das impliziert, dass andere Nachteile haben. Dass sie sich zum Beispiel die Wohnungen am Bodensee nicht leisten können. Oder, dass sie zwölf Jahre alt sind und keinen eigenen Laptop besitzen – und so beim Homeschooling abgehängt werden.

Beim Thema Bildung muss dringend gehandelt werden

Dafür zu kämpfen, dass alle die gleichen Chancen haben, hat sich Antje Behler verschrieben. Bildung ist ihr besonders wichtig, denn: „Im Kindergarten und der Schule beginnen die Ungleichheiten.“ Die Corona-Pandemie hat die Mängel am Schulsystem von Baden-Württemberg noch einmal so richtig deutlich gemacht, findet die Linken-Politikerin.

Die Landtagskandidatin Antje Behler (Linke) am See beim Gespräch mit SK.
Die Landtagskandidatin Antje Behler (Linke) am See beim Gespräch mit SK. | Bild: Eva Marie Stegmann

Sie studiert Lehramt und kurz vor dem zweiten Lockdown unterrichtete sie in einem Gymnasium im Landkreis. „Es war auffällig: Einige Schüler sind teilweise komplett abgetaucht. Wenn die Eltern nicht hinterher sein können, weil beide arbeiten müssen, funktionierte das Homeschooling nicht.“

Viele Schüler hätten Stoff, der vorm Lockdown gelehrt wurde, komplett vergessen. „Und wenn ein Kind keinen eigenen Laptop hat – was sich nicht jeder leisten kann! – ist es doch klar, dass es hinterherhinkt.“ Als Referendarin wäre sie gern individuell auf die Versäumnisse eingegangen – aber gleichzeitig war da der Druck, den Lehrplan durchzuziehen.

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Behler will sich deshalb dafür einsetzen, dass das Corona-Schuljahr ein Nulljahr wird. Und sie will dringend nachbessern: Die Schulen sollen dafür sorgen, dass jedes Kind die technische Ausstattung bekommt, zum Beispiel einen Laptop. „Die Geräte könnten am Anfang des Jahres ausgeliehen und am Ende des Jahres zurückgefordert werden“, schlägt sie vor.

Erfolge der Kultusministerin? Darüber lacht Antje Behler

Wichtig ist, dass Schulbücher und alles was dazu gehört kostenlos sind. „Bildung ist Menschenrecht“, sagt sie. Und, dass es eine Offensive für mehr Erzieherinnen, Lehrkräfte und Schulsozialarbeit braucht. Glaubt sie, dass sie eine bessere Kultusministerin wäre als Susanne Eisenmann? Behler lacht. „Natürlich – die Messlatte liegt nicht hoch.“

Das klingt kämpferisch und Behler ist eine, die kämpft für ihre Überzeugungen. Aber das bedeutet nicht, dass sie alles anzweifelt, was die aktuell Regierenden machen. „Im Kreistag geht es sehr viel um Konsens und die Sache. So würde ich auch im Landtag agieren wollen. Die Zeiten, dass die Linken als bloße Dagegen-Partei gesehen wird, sind längst vorbei.“

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