Herr Hölzle, Herr Ulmer, Herr Greis: Als Sie am Dienstagmorgen den gedruckten SÜDKURIER aufgeschlagen haben….

Daniel Hölzle: ….war ich ehrlich gesagt erschüttert. Was ich über ein Thema lesen musste, das uns als Handel so stark betrifft, fand ich nicht in Ordnung. „Verlängert die Atempause“, war da zu lesen, und es ging mal wieder gegen die Autofahrer. Da werden Klimaschutz, Verkehr und Handel in Zusammenhängen verknüpft, die so viel zu sehr vereinfacht sind. Das kann ich so nicht stehen lassen.

Ekkehard Greis: Besucher sollen Stress haben, wenn sie mit dem Auto nach Konstanz kommen! Das verstehe ich nicht. Wenn Autofahrer Stress haben, wirkt sich das in der Regel auch negativ auf andere Verkehrsteilnehmer aus. Wir müssen dem Autofahrer fußläufig erreichbare Alternativen zu den Parkplätzen in der Innenstadt anbieten – und damit meine ich das Döbele und keine weit entfernten Standorte –, dann reduziert sich der Verkehr auf dem Altstadtring automatisch.

Christian Ulmer: Die „Atempause“, von der da die Rede ist, hat schwere Folgen für viele Unternehmen und noch viel mehr Arbeitnehmer in der Stadt. Und ob der erzwungene Stillstand nachhaltig für die Umwelt gut ist, kann niemand sagen. Bei der Forderung „Verlängert die Atempause“ ist mir der Kragen geplatzt!

Den Gegensatz zwischen Handel und Umweltschutz gibt es aus Ihrer Sicht also nicht?

Daniel Hölzle, Ekkehard Greis, Christian Ulmer (gleichzeitig): Absolut nicht, im Gegenteil!

Hölzle: Wenn man sich die Zahlen ansieht, dann sieht man, dass gerade im Handel schon wesentliche Teile der Klimaeinsparungen bereits vollzogen sind. Wir arbeiten mit großer Akribie an den Themen, bis hinein in die Weiterentwicklung der Sortimente. Was aber immer nur aufgerufen wird, ist dieser eine Punkt: Verkehr. Der wird komplett dem Handel zur Last gelegt.

Daniel Hölzle (Archivbild)
Daniel Hölzle führt die Apotheke seiner Familie weiter und engagiert sich als Vorsitzender des Treffpunkts, der Interessenvertretung von Händlern, Wirten und anderen Unternehmern in Konstanz. (Archivbild) | Bild: Bernd Kern

Ulmer: Der Handel ist nicht der einzige Verursacher von Verkehr. Auch Praxen, Büros, die Stadtverwaltung und andere Betriebe werden angefahren. Leider hat man es in den vergangenen Jahren versäumt, die Infrastruktur drumherum darauf auszulegen.

Der Vorwurf, der Handel sei wie damals in den 70er Jahren fundamental gegen Verkehrsberuhigung und Fußgängerzonen, trifft also nicht zu?

Hölzle: Wir haben längst die Erkenntnis, dass es gut ist, wenn sich die Menschen frei bewegen können. Ich finde es viel merkwürdiger, was da für ein extremes Gegenbild aufgebaut wird, wonach die Autos alle vollständig und zu hundert Prozent aus den Städten verbannt werden sollen. Wir haben doch dieses Zentrumskonzept, das von einer lebendigen Stadt ausgeht. Das funktioniert doch nicht mit Absperren. Oder vielleicht auch noch nicht. Es gibt nun einmal das Bedürfnis, auch einen größeren Einkauf zu transportieren, und nicht jeder kann Rad oder Bus fahren. Es gibt genügend Gründe, warum eine Stadt auch mit dem Auto erreichbar sein muss. Wer wiederum einen ganzen Tag in der Stadt verbringen will, für den ist es sinnvoll, das Auto außerhalb zu parken…

Greis: …und für einen Kunden, der für zwei Stunden etwas einkauft, eben nicht. Es ist nicht klug, ihn erst um die Stadt herumfahren zu lassen und ihn dann mit dem Bus oder dem Schiff zurückzutransportieren. Die Besucher, die hier einen Tag verbringen, die können wir aufs Schänzle (Brückenkopf Nord) verweisen. Die anderen aber nicht.

Gibt es Städte, die Sie als Vorbild sehen, wenn es um ein handelsfreundliches Umfeld geht?

Greis: Ravensburg.

Ulmer: Dort hat man es frühzeitig verstanden, die Parkhäuser rund um die Altstadt zu platzieren und so den Verkehr draußen zu halten. Und – in Konstanz haben wir ja auch kein unlösbares Verkehrsproblem. Es gibt hier keinen Dauerstau. Wir haben manchmal viel Verkehr auf der Bodanstraße. Was wir aber haben: Seit 20 Jahren eine unselige Diskussion über das Parken am Döbele. Wenn wir da seit 10 oder 15 Jahren 1000 Parkplätze hätten, hätten wir uns in den vergangenen starken Jahren viele Stautage erspart. Wir sind auch nicht gegen einen autofreien Stephansplatz, überhaupt nicht. Wenn – eine Alternative vorhanden ist.

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Auch aus diversen Leserbriefen im SÜDKURIER kann man den Eindruck gewinnen, dass es in Teilen der Bevölkerung eine ablehnende Haltung gegenüber dem Handel gibt. Wie erklären Sie sich das?

Greis: Diese Personen sollten sich einmal klar werden, warum Konstanz eine so toll sanierte Altstadt hat. Das ist nicht so, weil es die Stadtverwaltung macht, sondern weil es dem Handel in den letzten Jahren gut ging und die Hausbesitzer ihre Immobilien in Schuss halten können. Entweder es sind Eigentümer oder Pächter, die das mit ihren hohen Pachten möglich machen. Schauen Sie in andere Städte, wo es dem Handel nicht gut geht, da verfallen die Innenstädte.

Hölzle: Manche Menschen sehen vielleicht auch gar nicht, wie gesund unsere Stadt ist. Wir haben hier neben dem Handel die Verwaltung, Gastronomie, Kultur, andere Dienstleistungen und auch noch zu einem hohen Teil Wohnen. Was vielleicht selbstverständlich wirkt, ist tatsächlich etwas ganz Besonderes. Wir haben Leben in der Stadt! Woanders ist es nach Ladenschluss tot.

Da hatten wir ja jetzt einen kleinen Vorgeschmack durch Corona

Hölzle: Genau. Und jetzt sollten wir uns fragen: Will man das? Ich bin dafür, dass wir unsere Stadt feiern. Dazu gehört ganz klar der Handel.

Greis: Das war die Idee des Zentrenkonzepts. Als der Gemeinderat vor 20 Jahren beschlossen hat, dass es hier keinen Handel auf der grünen Wiese geben soll, war das großartig. Es hätte uns als Stadt nichts Besseres passieren können. Nur leider ist die Stadt mit dem Ausbau der Infrastruktur nicht hinterhergekommen.

Ekkehard Greis (Archivbild)
Ekkehard Greis führt ein Werbetechnik-Unternehmen und ist ebenfalls seit vielen Jahren im Treffpunkt aktiv. (Archivbild) | Bild: Scherrer, Aurelia

Hölzle: Wir dürfen aber auch nicht den Fehler machen, die paar Spitzentage im Jahr als absoluten Maßstab zu nehmen. Wir haben jetzt gemerkt, wie sehr die persönliche Begegnung und die soziale Kommunikation in den Läden fehlen.

„Der Handel“, das sind für viele Konstanzer die Gesichter von einigen Engagierten Selbstständigen oder Freiberuflern wie Ihnen. Sie sagen aber immer: Der Handel ist eigentlich viel mehr. Wird der Wirtschaftszweig unterschätzt?

Ulmer: Handel, Hotellerie und Gastronomie stehen hier in Konstanz für rund 10.000 Arbeitsplätze und gut ein Drittel der Gewerbesteuer-Einnahmen ein. Was wir tun, hat eine große Auswirkung auf alle. Wir sichern Existenzen und ermöglichen Angebote der Stadt. Vielen ist sicher nicht klar, wie wichtig dieser Teil der Wertschöpfung ist. Und das um so mehr, als wir heute ja ganz andere Verhaltensmuster haben.

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Viele kommen nach Konstanz, um einzukaufen, zu bummeln, zu genießen. Da hängt alles voneinander ab. Wir sind für den Tourismus wichtig, für die Gastronomie, und wir sind ein zuverlässiger Auftraggeber zum Beispiel für hiesige Handwerker. Wir haben hier ja noch viele inhabergeführte Geschäfte, deren Inhaber sich der Stadt verpflichtet fühlen. Da entsteht ein Kreislauf von unschätzbarem Wert.

Wir würden Sie sich in der Lage, in der es dem Handel nicht so gut geht aufgrund der Corona-Krise, von der Stadt, von der Politik, vom Oberbürgermeister wünschen?

Ulmer: Das passt zum Thema Image. Unsere Arbeit und die Arbeit unserer Mitarbeiter wird von Teilen des Gemeinderats und der Stadtverwaltung schlichtweg nicht geschätzt. Da fehlt bei einigen das Verständnis, wie wichtig das Dreigestirn aus Handel, Gastronomie, Hotellerie für die Stadt ist. Wir würden uns wünschen, dass eine Stadtverwaltung, ein Gemeinderat, ein Oberbürgermeister sagt: Ihr habt es gerade schwer, jetzt ziehen wir das Bild von Euch in der Stadt mal gerade.

Christian Ulmer (Archivbild)
Christian Ulmer führt das gleichnamige, seit 1996 von der Familie geführte Modegeschäft mit mehreren Filialen in Konstanz. (Archivbild) | Bild: Scherrer, Aurelia

Greis: Dass ein Oberbürgermeister mal hinsteht und sagt: Konstanzer, jetzt seht ihr, wie sehr wir den Handel brauchen, jetzt unterstützt ihn. Den Satz „Wir brauchen den Handel“ würde ich vom Oberbürgermeister gerne mal hören. Öffentlich.

Aber die Marketing und Tourismus Konstanz (MTK) unterstützt doch mit vielen Kampagnen, so wie es das SÜDKURIER Medienhaus ja auch tut?

Greis: Wir starten auf eigene Initiative die größte Gutschein-Aktion, die es in einer Stadt wohl je gegeben hat. Das machen wir als Treffpunkt, das ist unser eigener Beitrag zur funktionierenden Stadt.

Ulmer: Wir verteilen 62.000 Einkaufsgutscheine von je 10 Euro über den SÜDKURIER und den Konstanzer Anzeiger. Die können die Konstanzer einlösen, wenn sie für mindestens 50 Euro einkaufen. So viel auch zu der so oft gestellten Frage, was der Handel eigentlich für die Konstanzer tut.

Hölzle: Die Gutschein-Aktion haben wir übrigens, wie viele andere Initiativen ebenso, bewusst auch für Treffpunkt-Nichtmitglieder geöffnet. Wir lösen es selbst schon ein, wenn gefordert wird, man solle doch zusammenstehen.

Trotzdem sagen Kritiker immer wieder, der Handel müsse mehr für die Konstanzer tun?

Ulmer: Da stelle ich die Gegenfrage – was soll das denn sein?

Das sagen die Kritiker nicht so genau.

Ulmer: Eben. Was ist denn unsere Rolle? Wir stellen ein tolles Sortiment zur Verfügung, von dem neulich mal wieder jemand sagte, dass es zwischen München, Stuttgart und Zürich einmalig ist. Wir bieten wirklich hohes Beratungsniveau. Das alles können wir uns leisten, weil es einigermaßen funktioniert. Darum tut er mir auch so weh, dass wir im Moment mit Notbesetzungen durch die schweren Zeiten gehen müssen. Wir machen jeden Tag Verluste. Das ist bitter, und das macht uns auch traurig.

Was wünschen Sie sich ab morgen von den Konstanzern?

Hölzle: Ich wünsche mir, dass unsere Konstanzer gerade jetzt in ihre Konstanzer Innenstadt kommen und sie neu für sich entdecken. Es lohnt sich, auch jetzt zu uns zu kommen.

Daniel Hölzle (links), Vorsitzender des Treffpunkt, im Gespräch mit den SÜDKURIER-Redakteuren Jörg-Peter Rau und Eva Marie Stegmann, aus der Distanz dabei waren auch noch Ekkehard Greis und Christian Ulmer.
Daniel Hölzle (links), Vorsitzender des Treffpunkt, im Gespräch mit den SÜDKURIER-Redakteuren Jörg-Peter Rau und Eva Marie Stegmann, aus der Distanz dabei waren auch noch Ekkehard Greis und Christian Ulmer. | Bild: Claudia Rindt
Fragen: Eva Marie Stegmann und Jörg-Peter Rau