Wenn Stephan Grumbt in seinem Rollstuhl durch die Innenstadt fährt, dann darf er es nicht eilig haben. Hier ein Schwätzchen, da ein Gruß. Kaum einer in Konstanz kennt ihn nicht, den Behindertenbeauftragten, der selbst ein Kind dieser Stadt ist.

Neulich erst war er an der Fasnacht wieder mit seinem zur „Mobilen Kamelerbar“ umfunktionierten Elektrorolli unterwegs.

Stephan Grumbt bei der Fasnacht mit seiner mobilen Kamelerbar.
Stephan Grumbt bei der Fasnacht mit seiner mobilen Kamelerbar. | Bild: privat

Was viele aber nicht wissen: Stephan Grumbt ist erst seit etwas mehr als zehn Jahren auf den Rollstuhl angewiesen.

Davor führte er ein bewegtes Leben voller Action und Energie

Seine Kindheit verbringt der Konstanzer im Paradies – im wahrsten Wortsinn. Im Sommer bestimmt der Wassersport sein Leben, im Winter wagt er sich in voller Eishockeymontur aufs glatte Parkett. „Während die anderen im Tanzkurs waren, bin ich mit meinen Freunden vom Konstanzer Eishockeyclub in der Neugasse an der Tanzschule vorbeigewackelt, mit einer schweren Tasche auf dem Fahrrad und mit nassgefrorenen Haaren“, erinnert sich der heute 53-Jährige.

Kurz vor dem 18. Geburtstag packt er nach einem Streit mit dem Vater seine Siebensachen und fliegt nach Ibiza.

„Er hat gemeint: Solange du die Füße unter meinen Tisch steckst… Das war für mich die Aufforderung zu gehen. Ich habe geantwortet: Okay, dann bin ich weg.“

Als Surf- und Segellehrer sowie im Animationsteam arbeitet er zweieinhalb Saisons für einen Ferienclub.

Stephan Grumbt 1987 in jungen Jahren als Surflehrer auf Ibiza.
Stephan Grumbt 1987 in jungen Jahren als Surflehrer auf Ibiza. | Bild: privat

Eines Tages bekommt er ein Jobangebot als Quereinsteiger beim Schweizer Logistikunternehmen Hupac. „Ich hatte die Wahl: Entweder entscheide ich mich fest für ein Leben auf dem Meer mit der Unterhaltung von Leuten, oder ich versuche den Einstieg in ein bürgerliches Leben“, sagt Grumbt.

Er entscheidet sich dieses Mal gegen das Abenteuer – und macht doch alles richtig

Der Konstanzer ist fortan rund um den Globus im Einsatz: in Chiasso, Mailand, Rotterdam, Hamburg, Antwerpen, den USA. „Ich konnte meine Liebe zur See und der weiten Welt mit dem Beruf kombinieren“, erklärt Grumbt, der noch heute von zu Hause aus als einer der dienstältesten Mitarbeiter für Hupac tätig ist.

Nebenbei ist das Energiebündel mit den schulterlangen Haaren und den blauen Augen mehr als zehn Jahre lang in der Schweiz Mitgesellschafter eines Unternehmens, das Konzertveranstalter bei der Durchführung vor Ort unterstützt.

Der Konstanzer trifft alle Weltstars jener Zeit: ACDC, U2, die Rolling Stones, Madonna, Guns’n’Roses, Tina Turner, Dire Straits, Phil Collins.

Stephan Grumbt als Strahlemann.
Stephan Grumbt als Strahlemann. | Bild: privat

Auf einer seiner vielen Reisen lernt Grumbt den Rugbysport kennen und lieben, dessen Philosophie ihn seit jeher fasziniert und die nun sein ganzes Leben bestimmt.

„Rugby hat so viele Attribute, die mir schon immer wichtig waren: Respekt, Toleranz, Regeln, an die man sich halten muss.“

1996 ist er einer der Mitbegründer des Konstanzer Rugby Clubs. Zu jener Zeit genießt er seine große Freiheit, hält aber trotzdem feste Werte für ganz wichtig. „Rugby ist ein körperlicher Sport, bei dem man auch mal ein bisschen härter einsteigen kann, aber er ist immer fair.“

Stephan Grumbt (vorne, Zweiter von links) als Rugbyspieler.
Stephan Grumbt (vorne, Zweiter von links) als Rugbyspieler. | Bild: privat

Sein Kampfgeist hilft dem Sportler auch in der dunkelsten Stunde

1997, Stephan Grumbt ist 32 Jahre alt und in der Blüte seines Lebens, spürt er immer wieder ein seltsames Kribbeln in Füßen und Fingern. Er geht zum Arzt und erfährt die bittere Diagnose: Multiple Sklerose, eine entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems.

Doch statt mit dem Schicksal zu hadern, kommt schnell „der Rugbyspieler in mir durch“, wie Grumbt heute sagt.

Stephan Grumbt mit der Siegerzigarre nach einem Erfolg mit dem Team des Rugby Club Konstanz.
Stephan Grumbt mit der Siegerzigarre nach einem Erfolg mit dem Team des Rugby Club Konstanz. | Bild: privat

Er zieht sich an seinen Lieblingsort im Stadtgarten zurück, blickt auf das Wasser des Bodensees – und schmiedet einen neuen Lebensplan. „Ich war damals schon im Beruf so gefordert, immer eine Alternative zu finden, wenn etwas nicht funktioniert“, sagt Grumbt.

„Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals eine sogenannte Depriphase gehabt zu haben, auch kamen mir nie Gedanken zu einem Schlussstrich in den Sinn.“

Stephan Grumbt nimmt sein neues Leben an, auch wenn es kaum mehr etwas mit dem der Vergangenheit gemeinsam hat. „Es ist halt anders, gewisse Dinge gehen einfach nicht mehr“, sagt er.

Anfangs verläuft die Krankheit in Schüben, doch dann wird sie chronisch – und der einstige Kraftprotz kann nicht mehr aus eigener Kraft stehen. „Früher hätte es einen Orkan gebraucht, um mich umzuwerfen, heute genügt ein Luftzug“, sagt Grumbt, der seit 2008 auf einen Rollstuhl angewiesen ist.

„Mein Motto ist: Begegne den Menschen auf Augenhöhe, da habe ich jetzt körperliche Probleme“, sagt er zu seiner „neuen Perspektive“ und lacht. Eben noch war er ein 1,88 Meter großer Athlet, und nun schauen viele Menschen unbewusst über ihn hinweg.

„Natürlich hadere auch ich manchmal mit den Dingen, aber es ist noch nicht vorbei. Ich habe große Ziele.“

Seine Bestimmung findet er mittlerweile im Ehrenamt. Als Behindertenbeauftragter der Stadt Konstanz setzt Stephan Grumbt sich für Menschen mit Handicap so ein, wie er früher als Spieler in Deutschland, der Schweiz und Schottland auf dem Rugbyfeld gekämpft hat: hart, aber immer fair.

„Es ist für mich eine Herzensaufgabe, und ich sehe es als meine Pflicht, anderen zu helfen. Ich bin ein extrovertierter Typ. Mit dem Ehrenamt kann ich was erreichen für die Gesellschaft.“

Er hat es geschafft, seinem schwersten Schicksalsschlag etwas Positives abzugewinnen. „Die Diagnose war vielleicht auch eine Initialzündung, um meine Kräfte auf etwas Sinnvolles zu konzentrieren“, erklärt er. Heute ist der Konstanzer ganz mit sich im Reinen, wenn er sagt: „So wie ich bin, geht’s mir gut.“

Am heutigen Sonntag feiert Stephan Grumbt seinen 54. Geburtstag. Was er früher in seiner jugendlichen Sorglosigkeit nicht wollte, das kann er heute wegen der Multiplen Sklerose schlichtweg nicht: weit in die Zukunft blicken. „Keiner weiß, wie die Krankheit verläuft, ich habe keine Ahnung, wie es weitergeht. Es kann jederzeit schlechter werden, aber darüber reden wir erst, wenn es so weit ist“, sagt er und fährt fort:

„Keine Angst: Ich bin auch darauf vorbereitet. Die Gedanken sind irgendwo abgelegt, und ich weiß, wo der Schlüssel für die Schublade ist.“

Auch wenn die Zukunft noch so unsicher sein sollte, steht doch eines fest: Ein Rugbyspieler ergibt sich nicht seinem Schicksal, auch nicht, wenn er im Rollstuhl sitzt.

„Aufgeben geht gar nicht“, sagt Stephan Grumbt, „ich mache eine gute Figur bis zum Schluss. Und Schluss ist erst, wenn der Schiedsrichter abpfeift.“