Ein überaus positives Fazit zog der Chef des Organisationskomitees der „Internationalen Bodenseewoche“, Andreas Giger, nach vier ereignisreichen Tagen, allerdings mit einer Einschränkung: „Die Windverhältnisse waren nicht optimal.“ Deshalb waren die etwa 600 Segler auf nahezu 160 Yachten, verteilt auf fünf Regattabahnen im Konstanzer Trichter, vorwiegend zu Passivität verurteilt. So hätte es nicht kommen müssen, kritisiert Adrian Schmidlin, an Bord der „So long“ mehrfacher Teilnehmer und Obmann der 22-qm-Schärenkreuzer.

So bemängelt Schmidlin, dass die Bodenseewoche nur noch seglerisches Mittelmaß biete und die Durchführung der Wettfahrten desaströs verlaufen sei. „Eine in allen Belangen unflexible Wettfahrtleitung schickte uns bei 0,5 Beaufort auf das Wasser, bei 0,5 Beaufort starteten sie, nach drei Stunden mühsamen Segelns, ebenfalls bei 0,5 Beaufort, schießen sie ab“, kritisiert Schmidlin.

Holger Zopf, Regattaobmann bei der SV Bottighofen, und Michael Schrake, Wettfahrtleiter auf dem Startschiff, nehmen in einer gemeinsamen Erklärung dazu Stellung: „Es gab keinen Einwand gegen den Wunsch der Mehrheit für Leichtwindläufe bei der Steuerleutebesprechung am Samstag. Und bei den gefühlten drei Stunden Laufzeit bis zum Abbruch handelte es sich um circa 60 Minuten.“

Auf dem Schärenkreuzer unterwegs: Bodenseewoche-Kritiker Adrian Schmidlin mit seinem Team in Aktion bei der Bodenseewoche 2015.<sup></sup>Archivbild: Jürgen Rössler</span>
Auf dem Schärenkreuzer unterwegs: Bodenseewoche-Kritiker Adrian Schmidlin mit seinem Team in Aktion bei der Bodenseewoche 2015.Archivbild: Jürgen Rössler

Doch die heftigste Kritik handelten sich die Organisatoren dafür ein, schon jeweils um 16 Uhr die Regatten beendet zu haben, obwohl gegen 17 Uhr nochmals Wind aufgekommen sei. Bei anderen Regatten, so Schmidlin, werde bis Sonnenuntergang gesegelt. „Warum bei der Bodenseewoche nicht? Sind die Segler an der Bodenseewoche zu faul? Wollen sie lieber ein Bier trinken gehen als segeln?“, fragt er etwas provokant. „Der abendliche Wind kam am Freitag und Samstag deutlich nach 18 Uhr", räumt Christian Rau, der seit Jahren die Wettfahrtleitungen während der Bodenseewoche koordiniert, zwar ein.

"Bei einer Meisterschaft würde ich immer versuchen, längstmöglich die Option zum Segeln aufrecht zu erhalten. Aber die Bodenseewoche besteht nicht nur aus Segeln, sondern auch aus anderen Sportarten, und daraus ergeben sich Zwänge. Für die 3 Miles of Constance beispielsweise müssen am Samstag in der ganzen Bucht neue Bojen gelegt werden, was mehrere Regattabahnen behindern würde.“ Auch Andreas Löwe, Vizepräsident des Deutschen Seglerverbandes, unterstreicht: „Aus meiner Sicht gab es kein Desaster.“

Die gute Stimmung auf der Festmeile sowie im Festzelt bis tief in die Nacht hinein zeigte, dass sich der Mangel an Wind nicht negativ auf die Laune der Regattateilnehmer auswirkte. Und dass für viele Segler bei der Bodenseewoche offenbar das gesellige Zusammensein nahezu ebenso wichtig ist wie der sportliche Vergleich.

Auch die Verantwortlichen für die Ein- und Ausfahrt in den Hafen werden von Schmidlin ins Visier genommen: Sie hätten Boote lange an der Einfahrt gehindert. „Wir sind hier nicht in der privaten Hafenanlage eines Segelclubs, sondern in einer öffentlichen Anlage mit Berufsschifffahrt, die Vorrang hat“, weist Rau die Kritik zurück. Hafenmeister Mario Streibert, der sich an einen Zwischenfall erinnert, bei dem er beschimpft worden sei, betont, auf viel Verständnis gestoßen zu sein.

Christian Rau rät: „Wer sich nicht an die Spielregeln halten will, sollte der Veranstaltung fernbleiben.“ Schmidlin: „Ich ziehe die ersten Konsequenzen und streiche die Bodenseewoche vorerst aus dem Regattakalender der 22-qm-Schärenkreuzer.“ Bei der Bodenseewoche 2018 war laut Wettfahrtleitung nur ein 22-qm-Schärenkreuzer im Teilnehmerfeld – Adrian Schmidlin mit seiner „So long“.

Wassersport und Geselligkeit

  • Die Anfänge: Es waren Segler und Motorbootfahrer, die im Jahr 1909 die Internationale Bodenseewoche ins Leben riefen. Schon bald entwickelte sich die Veranstaltung zu einem bedeutsamen gesellschaftlichen Ereignis in der Region. Wassersport war damals noch geprägt vom Großbürgertum, von Industriellen und Adeligen, für die die Bodenseewoche zum Treffpunkt wurde. Der Sport hingegen wurde in den Hintergrund gedrängt, denn es ging eher darum, das Bodenseeambiente unter Gleichgesinnten und Gleichgestellten zu genießen. Die Bodenseewoche wurde wechselnd in unterschiedlichen Städten am Bodensee mit Segel- und Ruderregatten sowie Motorbootrennen ausgetragen und hatte deutschlandweit einen guten Ruf. Nach logistischen Problemen wurde die Veranstaltung 1972 eingestellt.
  • Im Jahr 2009 kam es zum Neustart der Bodenseewoche in Konstanz. Das Ziel: Sportliches und Geselliges verbinden und dem Publikum eine breite Palette des Wassersports präsentieren. Dabei stehen die etwa 600 Segler auf nahezu 160 Yachten im Mittelpunkt. Aber auch die abendlichen Ruderregatten erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Bei der Bodenseewoche 2018 waren nahezu 400 ehrenamtliche Helfer aus 17 Wassersportvereinen im Einsatz. Etwa 30 000 Besucher, so Schätzungen des Veranstalters, verfolgten das Geschehen. Das Jahresbudget der Veranstaltung beträgt etwa 300 000 Euro. (jr)