Zürich ist eine der teuersten Städte Europas, Neubauwohnungen in der Innenstadt sind für Normalverdiener eigentlich unerschwinglich. Der Quadratmeter-Preis für eine Mietwohnung liegt zwischen 40 und 60 Euro. Und dennoch gibt es ein Quartier, in dem es gute Wohnungen für kleines Geld gibt. Ein Quartier - hier als Modell zu sehen, das Vorbild für Konstanz und eine Lösung im Kampf gegen die Wohnungsnot sein könnte.

Alle Bilder: Anna Gladkova/ www.annaglad.com

Auf Einladung von Marius Ullmann vom Jungen Forum Konstanz (JFK) hat sich eine Gruppe, bestehend aus Vertretern der Fraktionen des Gemeinderates, der Stadt Konstanz, Architekten und Bürgern nach Zürich-Leutschenbach aufgemacht.

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Dort hat die Stadt selbst etwas gegen die hohen Mieten unternommen und damit auch ein viel beachtetes Wohnmodell geschaffen: Das Hunziker Areal. Anstatt das ehemaliges Fabrikgelände an den Höchstbietenden zu verkaufen, beauftragte die Stadt Zürich eine Genossenschaft mit dem Namen "mehr als wohnen" damit, ein Viertel mit günstigen Wohnungen zu bauen. 15 Euro kalt zahlen die Mieter pro Quadratmeter. Für Schweizer Verhältnisse ein sehr günstiger Preis.

Kleinere Wohnungen, mehr Gemeinschaftsräume

Es gibt Häuser ganz aus Holz oder ganz aus Beton, die Wohnungen sind zwischen 16 und 400 Quadratmeter groß. Das Prinzip: Die eigene Wohnung ist kleiner, die Häuser etwas höher gebaut, dafür gibt es mehr Gemeinschaftsflächen, die geteilt werden.

Es gibt Häuser ganz aus Holz oder ganz aus Beton, die Wohnungen sind zwischen 16 und 400 Quadratmeter groß.

Die gut 1200 Quartiersbewohner wohnen in den unterschiedlichsten Wohnräumen: Vom Studio über ein luxuriöses Loft bis zur 12-Zimmer-Großraumwohnung, in der sich abgeschlossene Apartments mit schalldichter Wohnungstür, eigenem Bad und kleiner Kochzeile befinden.

Andere Räume wie die Küche, der Essbereich, das Wohn- oder Arbeitszimmer werden von allen genutzt; eine Mischung aus Wohngemeinschaft und Wohnen mit Privatsphäre. Dementsprechend verringert sich auch die Miete. Auch ältere Menschen interessieren sich für die Wohnungen. Im Haus gibt es auch eine Senioren-WG.

Satellitenwohnungen - eine neue Form des Wohnens

Eine spezielle, neue Wohnform sind die Satellitenwohnungen. "Sie bieten eine attraktive Möglichkeit für eine Gruppe von Menschen, die zusammenleben, aber gleichzeitig auch eine Rückzugsmöglichkeit möchten", beschreibt die Genossenschaft das Konzept. Für erwachsene Kinder oder ältere Familienangehörige stünden zudem Zusatzzimmer zur Verfügung. So können die Personen zwar eigenständig leben, haben aber dennoch den Familienanschluss.

Ein Fünftel der Wohnungen ist subventioniert. "'mehr als wohnen' gibt Antworten auf veränderte Wohnbedürfnisse und gesellschaftlichen Wandel", so die Genossenschaft. Damit ist das Quartier Vorbild für viele Städte - auch, was die Ökobilanz des Quartiers betrifft. Rund 40 Prozent des gebrauchten Stroms wird durch die auf den Dächern installierte Photovoltaikanlagen produziert.

Rund 40 Prozent des gebrauchten Stroms wird durch die auf den Dächern installierte Photovoltaikanlagen produziert.

Das Gemüse aus dem Gemeinschaftsgarten etwa kann mit einem Gemüseabo von jedem genutzt werden. Auf dem Areal gibt es buchbare Arbeitszimmer für Home Office und Gästezimmer für Besucher. Buchen kann man auch Fahrräder, Lastenfahrräder, E-Bikes und Elektroautos. Ein eigenes Auto zu besitzen, wird schwierig. Für 370 Wohnungen stehen gerade einmal 111 Parkfelder zur Verfügung, davon 23 für Besucher.

Die gut 1500 Mieter organisieren sich und beispielsweise die Freizeitangebote auf dem Areal selbst. Online gibt es eine interne Vernetzungsplattform, auf der Informationen, Waren und Dienstleistungen getauscht, verkauft und verschenkt sowie Veranstaltungen publiziert werden.

"In Zeiten, in denen der Wohnraum in Konstanz nicht nur knapp, sondern langsam zum Luxus wird und neue Quartiere, wie der Hafner, geplant werden, können wir viel von dem Hunziker Areal und den alten Schweizer Traditionen des Genossenschaftsbaus lernen", so Stadträtin Gabriele Weiner (JFK), hier im Bild mit Marius Ullmann. 

Auf dem Hunzikerareal wohnen nicht nur, sondern arbeiten auch rund 150 Bewohner. Es gibt in dem Quartier unter anderem ein Nähatelier, ein Restaurant, eine Bäckerei, eine Kinderarztpraxis, ein Nagelstudio, ein Yoga- und Tanzstudio, einen Friseur, eine Geigenbauerin, ein Grafikatelier und einen Hochzeitsfotografen.

"Für die Bewohner hat das Leben auf dem Hunziker Areal viele Vorteile", so Ullmann. Nicht nur die Bewohner, sondern auch die Stadt profitiere von dem Konzept. "Da die Stadt nur das Baurecht für 80 bis 100 Jahre abgibt, also das Grundstück verpachtet, verfügt sie langfristig über das Land und kann es in der Zukunft auch anders nutzen. Das Geld für die Pacht fließt stabil und regelmäßig in das Stadtbudget ein", so Weiner.

 

Freie Wohnungen

Es gibt auf dem Hunziker-Areal Häuser ganz aus Holz oder ganz aus Beton, die Größe der Wohnungen variiert zwischen 16 und 400 Quadratmetern. Die Angebote dort sind begehrt: Nur zwei Wohnungen sind derzeit nach Angaben der Genossenschaft frei. Darunter ein Wohnatelier mit viereinhalb Zimmern und 98 Quadratmetern. Die Genossenschaft will sie an zwei oder mehrere Personen vermieten, die Wohnen und Arbeiten im Atelier verbinden. Anstatt eines Mietzinsdepots, also einer Kaution, müssen die künftigen Mieter Genossenschaftsanteile im Wert von 250 Franken pro Wohnungsquadratmeter kaufen, die bei einem Auszug zurückerstattet würden. (sap)