Rap und Klassik harmonisch vereint. Deutschrapper Curse trifft in der Konstanzer Schänzlehalle auf die Musiker der Südwestdeutschen Philharmonie.

Sie kann nicht anders. Sie muss aufstehen. Die vergangenen eineinhalb Stunden hat die ältere Dame dem Geschehen in der Schänzle-Halle mit einem freundlich interessierten Gesichtsausdruck zugesehen. Nach jedem Stück hat sie höflich applaudiert. Jetzt, da der letzte Ton des letzten Lieds verklungen ist und die Studenten neben ihr in Geheul ausbrechen – schreien, pfeifen und auf den Tribühnenboden eintrampeln – erhebt sich die Frau. Strahlend wendet sie sich den jungen Leuten zu, klatscht in die Hände und stimmt mit ein: „Zugabe! Zugabe!"

"Rap meets Classic", mit diesem Slogan haben die Veranstalter das Konzertereignis in Konstanz in den vergangenen Monaten beworben. Die Idee: Zwei Musikrichtungen vereinen, die Welten zu trennen scheinen. Auf der einen Seite steht breitbeinig der Rap. Ein Kind der Straße, geboren in den späten Siebziger Jahren, an den Häuserecken der Ghettos von New York und Los Angeles. Musik, zu der sich Breakdancer verrenken und Texte, die lässig zwischen Sprachwitz, Aggression und Selbstbeweihräucherung hin und her hüpfen. Auf der anderen Seite: Die klassische Musik. Eine von strengen Konventionen und technischer Präzision geprägte Ausdrucksform, deren Wurzeln Jahrhunderte zurückreichen. Deutschrapper Curse, Komponist Miki Kekenj und die Südwestdeutsche Philharmonie treten an, diese Gegensätze zu verbinden.

Als wolle man die Bedeutsamkeit dieses Moments untermauern, begrüßt das Orchester das Publikum in der voll besetzten Schänzle-Halle mit der Ouvertüre der Oper "La forza del destino" von Giuseppe Verdi. Ein epischer Auftakt. Danach meint man auch Miki Kekenj eine gewisse Schicksalsschwere anzumerken. Der Komponist des Violinkonzerts "Opus 2 in e-Moll für Violine, Rap und Orchester" trägt ein schwarzes Hemd und weiße Sneakers. Ihm fällt als erstes die Aufgabe zu, die Klänge der Streicher, Blech- und Holzbläser mit Sprechgesang anzureichern. Jeweils am Ende der Zeilen des ersten Satzes, "Mein Utopia", versagt ihm dabei noch die Stimme. Aber Kekenj groovt sich ein.

Die Geige in der einen, das Mikrofon in der anderen Hand, erzählt er im darauf folgenden "Schlaflied" eine ergreifende Geschichte: Eine jüdische Mutter vergiftet ihr eigenes Kind, um es vor der Ermordung durch deutsche Soldaten zu bewahren. Ein elektronisch verstärkter Bass baut die Brücke zwischen dem Orchester und Kekenjs eindringlichem Sprechgesang.

Im nächsten Satz zieht das Tempo an. Dirigentin Johanna Malangré wiegt sich im Rhythmus der wummerndern Pauke, während Miki Kekenj immer lauter wird: "Tragt die Liebe zu Grabe, bevor sie mich zu Grabe trägt!" Viele der überwiegend jungen Zuschauer nicken unwillkürlich im Takt. Das Stück endet mit einem Beckenschlag.

Dann ist der Moment gekommen, auf den alle gewartet haben: Curse betritt die Bühne. Ohne seine charakteristische Brille, dafür ganz in schwarz gekleidet. "Ich hab mir gedacht, wenn die Musiker vom Blatt spielen, kann ich heute auch mal einen Spickzettel mitnehmen", erklärt er gutgelaunt und platziert ein Blatt Papier auf dem Notenständer vor sich. Seine lockere einnehmende Art steht im Gegensatz zu dem, was die Zuschauer gleich zu hören bekommen. Curse gilt als der Philosoph unter Deutschlands Rappern. Die Lieder, die er heute mitgebracht hat, sind aber vor allem eines: emotional.

"Und was ist jetzt" beschwört das Ende einer Beziehung herauf. Bei jedem Refrain geht Curse in die Knie: "Und was ist jetzt? Ich bin für dich nur irgendein Ex. Was ist jetzt? Du scheisst drauf, wenn ich über dich rap. Und was ist jetzt? Du siehst mich und guckst einfach nur weg. Und was ist jetzt? Bin ich leicht zu vergessen? Bin ich ersetzt?" Während den atmosphärischen Instrumentalstellen schließt der Rapper die Augen. Er bewegt seine Arme beinahe synchron zu Miki Kekenj, der hinter ihm den Platz auf dem Dirigentenpodest eingenommen hat. Blindes Verständnis. Das Publikum lässt sich mitreißen und klatscht dankbar Beifall. Aber Curse will mehr.

Der Song "Freiheit", dessen Refrain an das gleichnamige Lied von Marius Müller-Westernhagen angelehnt ist, bietet ihm die Möglichkeit die Konstanzer einzubeziehen. Nach einer kurzen Probe bilden Künstler, Orchester und Zuschauer einen spontanten Chor, der die Refrains gemeinsam singt. Curse strahlt und winkt dem Publikum zu, während er zur letzten Strophe ansetzt. Das Stück nimmt noch einmal an Intensität zu. Dann halten die Streicher plötzlich inne. Für einen kurzen Moment wird es still in der Halle. Nur noch Curse ist zu hören: "Freiheit kann man nicht eingrenzen, Freiheit muss man ausatmen!"

Der Rapper hat keine Angst vor der großen Geste. Die bescheidene unkomplizierte Art, mit der er sich dem Publikum anvertraut, sorgt dafür, dass sich seine Lieder trotzdem niemals kitschig oder unauthentisch anfühlen. Am deutlichsten zeigt sich das bei "Kristallklarer Februar", ein Song, den Curse einem guten Freund widmet, der unerwartet verstorben ist.

Zum Abschluss des Abends dann noch einmal eine Überraschung. Wo die Streicher den Songs vor allem eine emotionale Note verliehen haben, begleiten sie am Ende "Zehn Rap-Gesetze", einen simplen frechen Rapsong alter Schule. Curse nimmt das Mikrofon aus dem Ständer und schreitet in breiten Schritten die Bühne ab. "Mehr Bass bitte", ruft er den Tontechnikern zu, während er im atemberaubenden Tempo durch die Stophen groovt: "Beim Freestyle muss man Üben und Bühne trennen. Lieber zehn Sätze die brennen als zehn Minuten verschwenden. Denn das Publikum ist mega-abgetörnt wenn du nicht burnst. Gib das Mic ab, sag 'Peace', und mach sie platt wenn du returnst!" Die anhaltenden Zugabe-Rufe, beantworten Rapper und Orchester, indem sie ein letztes Mal "Freiheit" anstimmen. Dieses Mal singen nicht nur die Jüngeren mit. Sondern die ganze Halle gemeinsam.

Zur Person

Curse, alias Michael Sebastian Kurth, ist seit mehr als 15 Jahren eine Größe in der deutschen Rapszene. Sein Künstlername Curse (englisch für Fluch) ist eine Anspielung auf seinen Familiennamen Kurth, ausgesprochen als "th" mit deutschem Akzent. Sein aktuelles Album "Die Farbe von Wasser" wurde Ende Februar veröffentlicht. Heute startet Curse eine gleichnamige Tournee in Wien. (das)