Forensische Psychiater stehen selten in der Öffentlichkeit, und wenn, dann schütteln viele den Kopf, weil sie mit ihren Gutachten vermeintliche Bestien zu schuldunfähigen kranken Menschen erklären. Immer wieder geht es um schwere Gewalt- und Sexualstraftaten. Im Zentrum für Psychiatrie Reichenau (ZfP) werden solche Straftäter untergebracht und therapiert. Für viele ist das eine härtere Strafe als das Gefängnis – denn hier müssen sie sich mit sich selbst auseinandersetzen.

Einer von ihnen ist Herr T., 40 Jahre alt. Er ist schwer psychisch krank, in seiner Akte stehen verschiedene Gewaltdelikte, im Wahn hat er Menschen verletzt. Fast vier Jahre verbrachte er in der geschlossenen Abteilung des ZfP, im psychiatrischen Maßregelvollzug. Hier werden Menschen mit Tötungs-, Sexual-, Gewalt- und Brandstiftungsdelikten behandelt. Meist leiden sie an psychotischen und Suchterkrankungen, Persönlichkeitsstörungen und schweren Intelligenzminderungen, erklärt Klaus Hoffmann, der medizinische Direktor für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie des ZfP.

Schleusenfunktion und Videoüberwachung

Die Untergebrachten sind hier keine Insassen in Zellen, sondern Patienten in Zimmern. Die Forensik ist kein Gefängnis, aber dennoch eine Sicherheitseinrichtung. Um die Gebäude gibt es Zäune, die Patienten gehen zunächst in Begleitung nach draußen. An den Eingängen und in den Gemeinschaftsräumen gibt es Videoüberwachungen, auf der Aufnahmestation eine Schleusenfunktion – geht die eine Tür auf, bleibt die andere geschlossen. In regelmäßigen Abständen, so Hoffmann, kontrollieren die Mitarbeiter die Zimmer. Abhängig von Behandlungsverlauf und staatsanwaltschaftlicher Genehmigung dürfen die Patienten das Haus in Begleitung eines Mitarbeiters oder allein verlassen, im weiteren Verlauf sich auch außerhalb des Geländes bewegen.

Bei der Rückkehr in das Gebäude dürfen die Patienten selbst würfeln, ob es nur eine reguläre Kontrolle oder eine Leibesvisitation gibt. "Die größte Kontrolle findet aber über die persönliche Beziehung statt", erzählt Gabriel Henkes auf dem Weg in sein Büro.

Gabriel Henkes ist Leitender Sozialarbeiter im Zentrum für Psychiatrie Reichenau (ZfP) und versucht, die Patienten wieder in ein geregeltes Leben mit Wohnen und Arbeit zu führen – damit sie auch keine Straftaten mehr begehen und somit keine Gefährdung mehr für die Gesellschaft sind.
Gabriel Henkes ist Leitender Sozialarbeiter im Zentrum für Psychiatrie Reichenau (ZfP) und versucht, die Patienten wieder in ein geregeltes Leben mit Wohnen und Arbeit zu führen – damit sie auch keine Straftaten mehr begehen und somit keine Gefährdung mehr für die Gesellschaft sind.

Henkes ist Leitender Sozialarbeiter der Klinik und hat schon viele Patientinnen und Patienten von der Aufnahme bis zur Entlassung und in der Nachsorge begleitet, auch Herrn T. Henkes kennt die Vorurteile gegenüber forensischen Psychiatern und Sozialarbeitern: Naive Gutmenschen, die sich von gemeingefährlichen Straftätern hinters Licht führen lassen.

"Natürlich können wir nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass dieser Mensch nach seiner Entlassung nicht wieder straffällig wird", sagt Henkes. Aber in der großen Mehrzahl der Fälle hätten sich die ehemaligen Patienten bewährt, leben letztlich in einer betreuten Wohnform oder in einer eigenen Wohnung und haben Arbeit oder eine geregelte Tagesstruktur". Nein, blauäugig sei hier niemand. Es gebe externe Supervisoren für ihn und seine Kolleginnen und Kollegen, "um nicht betriebsblind zu werden".

"Ja, es gibt das Böse"

Hat er sich denn nie in jemandem getäuscht? "Doch", antwortet Henkes. "Natürlich passiert das. In den fünfzehn Jahren hatte ich zwei Fälle, in denen Patienten nach ihrer Entlassung wieder massive Straftaten begangen haben."

Er habe hier Menschen kennen gelernt, "die ausgesprochen dissozial sind, die eine hohe kriminelle Energie haben." Menschen, die nicht nur zu ihrem eigenen Vorteil, sondern aus niederen Beweggründen Straftaten begehen – für die Gerichte bedeutet das eine besondere Schwere der Tat.

Glauben Sie an das Böse, Herr Henkes? "Ja", antwortet Gabriel Henkes. "Es gibt schwer kriminelle und psychopathische Menschen, die einen an das Böse glauben lassen."

Neben Gruppen- und Einzeltherapien, die für alle verpflichtend sind, beschäftigen sich die Patienten vor allem mit Sport, Kochgruppen und Arbeitstherapie in klinikeigenen Werkstätten. In der forensischen Arbeitstherapie sitzen Patienten unter anderem an Nähmaschinen. Der Arbeitstisch ist voller bunter Stoffe, die Stich für Stich zu Babykleidung werden und später an ein Projekt für herzkranke Kinder gespendet werden.

Arbeitstherapie für den guten Zweck: In der klinikeigenen Nähwerkstatt fertigen psychisch kranke Straftäter Babykleidung, die an ein Projekt für herzkranke Kinder gespendet werden. Wer sich hier bewährt und sich auch was von der Aufseherin (im Hintergrund) sagen lässt, hat gute Chancen auf Lockerungen im Maßregelvollzug. <em>Bilder: Sandra Pfanner</em>
Arbeitstherapie für den guten Zweck: In der klinikeigenen Nähwerkstatt fertigen psychisch kranke Straftäter Babykleidung, die an ein Projekt für herzkranke Kinder gespendet werden. Wer sich hier bewährt und sich auch was von der Aufseherin (im Hintergrund) sagen lässt, hat gute Chancen auf Lockerungen im Maßregelvollzug. Bilder: Sandra Pfanner

Unter Aufsicht einer Arbeitstherapeutin sitzen hier derzeit zehn Patienten von 8.30 Uhr bis 11 Uhr und von 13 bis 15.30 Uhr an den Nähtischen der Arbeitstherapie. Für sie ist es gerade die einzige Gelegenheit, die Station zu verlassen – Ausgang haben sie nicht. Der Stundenlohn beträgt 70 Cent, Henkes nennt es lieber "Aufmunterungsentlohnung".

Neben der Werkstatt können die Patienten auch zum Beispiel in der Schreinerei oder Bäckerei arbeiten. Im weiteren Behandlungsverlauf arbeiten die Patienten auch in Betrieben außerhalb des Geländes. "Es gibt durchaus welche, die sich am Ende von ihrem Lohn eine bescheidene Wohnungseinrichtung leisten können", sagt Henkes. Im besten Fall haben sie auch etwas gelernt, worauf sie sich draußen wohl nie freiwillig eingelassen hätten: als Mann bunte Stoffe zusammenzunähen und sich von einer Frau etwas sagen zu lassen. Wer sich hier bewährt, hat gute Chancen auf Lockerungen im Maßregelvollzug.

Überwiegend Männer in der Forensik

Über 90 Prozent der Patienten im Maßregelvollzug des ZfP sind Männer, berichtet Klaus Hoffmann. "Kriminologisch gesehen begehen Männer mehr schwere Straftaten". Die Delikte psychisch kranker Straftäterinnen unterscheiden sich zudem in der Regel von denen psychisch kranker Straftäter: Sexualdelikte kommen bei Frauen so gut wie nicht vor.

Eine separate Frauenabteilung gebe es nicht, so Hoffmann. Frauen und Männer würden gemeinsam therapiert. Dabei kämen manche mit falschen Vorstellungen: "Hier landen oft Patienten, die Zeit sparen wollen. Aber wir sind nicht zufrieden, wenn jemand Sport treibt und ein bisschen Arbeitstherapie macht. Der Patient muss etwas bei sich verändern." Wie Herr T. Er lebt inzwischen in einer Wohnung außerhalb des ZfP und wird noch ambulant von Gabriel Henkes und seinen Kolleginnen und Kollegen in der forensischen Ambulanz über einen bestimmten Zeitraum betreut. Schrittweise führen sie ihn an das Leben außerhalb der Einrichtung heran.

Der Schutz der Gesellschaft sei dadurch am wirksamsten zu gewährleisten, wenn man die untergebrachten Patienten individuell behandle und rehabilitiere, "sodass sie wieder entlassen werden und auch möglichst selbstständig ihren Lebensunterhalt verdienen können – aber auch noch einige Zeit unter Aufsicht stehen".

Soziale Arbeit

Neben der Psychotherapie spielt die Soziale Arbeit in der Forensik eine entscheidende Rolle. Für jeden Patienten werde ein individuelles Konzept erstellt, so Gabriel Henkes, Leitender Sozialarbeiter im ZfP. Neben Arbeitstherapie, schulischen und beruflichen Grund- und Weiterqualifikationen unterstützen die Sozialarbeiter die Patienten vor allem auch in bürokratischen Angelegenheiten. Sie klären die Wohnsituation, halten Kontakt zu Ämtern, klären die finanzielle Situation, zum Beispiel Opferentschädigungen, und bereiten die Patienten auf die Entlassung vor – vorausgesetzt, er oder sie besteht die Bewährungsphase. (sap)