Ein Potpourri aus Sonnencreme, Schweiß, Mückenspray, Kettenöl, Blut und Straßendreck hat sich tief in die Poren meiner Haut gegraben. Die letzte heiße Dusche ist zwei Wochen her. Meine nassen Haare stehen in alle Himmelsrichtungen wellenförmig ab, verbrannte Schultern schimmern durch mein letztes T-Shirt hindurch, dessen Stoff sich immer weiter auflöst.

Kein Essen, kein Geld, kein Schlafplatz

Arme und Beine sind nach einem Hundeangriff zerschrammt. Als ich nach 40.000 Kilometern durch 21 Länder mit meinem Fahrrad in Loja in Ecuador ankomme, habe ich kein Essen mehr, kein Geld und keinen Schlafplatz. Es ist eine Situation, die mich einst in Panik versetzt hätte. Nach 1000 Tagen als Abenteurerin gibt es nicht mehr viel, dass mir Angst macht.

Wenn es richtig kalt wird...

Panik hatte ich zuletzt in Peru, als ich auf 4700 Meter über Null eingeschneit war. Ich zeltete an einer Lagune der Cordillera Huayhush, dutzende Kilometer von Siedlungen, Menschen, Wegen und Handysignal entfernt, als das Zelt in der Nacht unter dem Gewicht von Schnee auf mir zusammenbrach.

Ich stabilisierte das Zelt, fragte mich aber bis zum Morgengrauen, zitternd vor Kälte, meinen Kuschelhasen Klopfer fest umschlungen: Was passiert, wenn es mehrere Tage schneit?

Angst vor der Kälte in den Bergen

In dieser Nacht war ich mir nicht sicher, ob ich jemals wieder von dieser Gebirgskette herunterfinden würde. Es war nicht das erste Mal, dass ich im Angesicht der unberechenbaren Gewalt der Natur vor Angst wie gelähmt war. Es wird nicht das letzte Mal gewesen sein.

Bild: Luisa Rische


Deshalb verschwende ich in Loja keinen zweiten Gedanken an meine materiellen Sorgen, sondern frage in Bäckereien und bei Bauern nach Brot und Obst. Über das soziale Netzwerk Warmshowers finde ich ein Bett und eine heiße Dusche. Ein Leser meines Blogs, der zur gleichen Zeit in Ecuador ist, kommt am nächsten Tag mit dem Bus nach Loja, lädt mich zum Essen ein und drückt mir zum Abschied noch Bargeld in die Hand. Eine Woche später treffe ich einen fahrradverrückten Ecuadorianer, der mich mit neuen T-Shirts ausstattet. Es ist wie so oft auf dieser Reise: Das, was ich brauche, findet seinen Weg zu mir.

Bild: Luisa Rische

Im Mai 2017 habe ich Konstanz, meine Heimat für sieben Jahre, und die Konstanzer Lokalredaktion des SÜDKURIER, für die ich genauso lange gearbeitet habe, verlassen. Auf der Suche nach einem Traum habe ich alles zurückgelassen, was mir lieb war, um auf eine Reise zu starten, von der ich vielleicht niemals zurückkomme. Warum? Ich bin damals weder vor den Fesseln des Systems geflohen, noch habe ich Freiheit, Erleuchtung oder mehr Leben gesucht. Ich habe nie darüber nachgedacht, ein Vorbild für Frauen zu sein, oder den Planeten als Botschafterin mit dem Fahrrad zu retten. Ich wollte ein Abenteuer erleben, das mich mit meinen Ängsten konfrontiert.

Achterbahnfahrt auf der Reise zu sich selbst

Die Reise ist eine Achterbahnfahrt, ein Gefühlschaos zwischen atemloser Freude und lähmender Furcht, zwischen existenziellen Zweifeln und sprachloser Dankbarkeit. In der Grenzenlosigkeit, die mir mein Fahrrad eröffnet, entdecke ich jeden Tag meine Grenzen, deren Überwindung mich so viel Kraft gekostet hat, dass ich vor einem Jahr in Patagonien Kopf und Körper leer gefahren hatte, und mich jeden Morgen zwingen musste, in den Sattel zurückzukehren. Es war meine härteste Prüfung auf dieser Reise, doch im Rückblick ist das der Moment, als ich losließ, meine Rüstung ablegte und lernte, mich fallen zu lassen.

Neugier und Gastfreundschaft – die Welt kann so freundlich sein

Die Welt hat mich überrascht. Ich bin ausgezogen, um Natur zu erleben, und habe die Menschheit kennengelernt. Ob in Kambodscha, Australien oder Ecuador: Überall begrüßen mich die Bewohner
mit Güte und Gastfreundschaft, Neugier und Vertrauen.

Kinder einer bolivianischen Schule, in der die Autorin übernachtet hat.
Kinder einer bolivianischen Schule, in der die Autorin übernachtet hat. | Bild: Luisa Rische

Als ich aufbrach, erwartete ich Gewalt, Hass und Neid; Politik-Redakteur Wolfgang Wissler lehrte mich zu boxen, damit ich mich verteidigen kann. Meine Fäuste brauchte ich nie. Stattdessen haben die Menschen dieser Welt mich aufgenommen. Ich habe in Gärten und Jurten geschlafen, bei Feuerwehr und Polizei, in Tempeln und Kirchen, in Kinderzimmern und Ehebetten, in Rathäusern und Schulen. Selbst als mich ein Dutzend Männer, ausgerüstet mit Waffen, in der Nacht aufforderten, mein Zelt zusammenzupacken, wollten sie mir nur helfen. Es sei zu gefährlich, in Peru zu zelten, sagten sie mir, und begleiteten mich ins nächste Dorf, wo ein Bett im Rathaus auf mich wartete. Ich habe aber auch in einem Abflussrohr in China übernachtet.

Bild: Luisa Rische

1000 Tage. So lange wollte ich nie unterwegs sein. Die Sehnsucht hat mich immer weiter getrieben. Die Sehnsucht, die Welt mit eigenen Augen zu sehen, in der Natur und minimalistisch zu leben; die Sehnsucht, auf meinem Fahrrad Grenzen zu überqueren. Das Reisen mit dem Fahrrad ist kein besseres oder ein erfüllteres Leben. Es ist ein anderes Leben, das mich gelehrt hat, eine heiße Dusche wieder schätzen zu lernen, das mich gelehrt hat, fremde Menschen um Hilfe zu bitten, und das heute so tief in meinen Poren steckt wie das Potpourri aus Dreck und Sonnencreme. Dennoch plane ich, in diesem Jahr nach Deutschland zurückzukehren, denn es gibt Menschen, die auf mich warten.