Wenn es ums Radfahren geht, hat die Gemeinde Gottmadingen klare Defizite: Der Kernort ist durch die stark befahrene Bundesstraße 34 geteilt, auf der sich selbst unerschrockene Radler im fließenden Verkehr nicht wohlfühlen. Und wer sich andere Wege sucht, kommt zwangsläufig an Stellen, an denen er die Hauptverkehrsachse queren muss. Da kann es leicht zu kritischen Situationen kommen.

Das trifft Schüler und Berufspendler gleichermaßen. Ortsfremde Tourenradler sind im Ort verloren und versuchen, den heißen Ritt auf der B 34, umzingelt von Autos, so schnell wie möglich hinter sich zu bringen. Wohl dem, der seine eigenen Wege durch die Wohnstraßen gefunden hat, um von A nach B zu kommen.

Hochkonzentriert bei der Sache sind die Teilnehmer der digitalen Bürgerwerkstatt zum Thema Radverkehr. Nicht alle passen auf eine Bildschirmseite.
Hochkonzentriert bei der Sache sind die Teilnehmer der digitalen Bürgerwerkstatt zum Thema Radverkehr. Nicht alle passen auf eine Bildschirmseite. | Bild: Trautmann, Gudrun

Bürger decken Schwachstellen auf

Die Probleme sind seit Jahren bekannt. Allein die Lösung will sich nicht automatisch einstellen. Dabei strebt die Gemeinde die Mobilitätswende an. Der Umstieg vom Auto auf das Fahrrad und den öffentlichen Verkehr soll attraktiver werden. Auf den bestehenden Wegen ist das nicht möglich.

Verkehrsplaner vom Freiburger Büro Fichtner haben bereits 2019 eine Verkehrszählung durchgeführt, um die Schwachstellen der Radwegebeziehungen aufzudecken. Die eigentlichen Fachleute sind aber die Bürger selbst, die sich täglich im Dorf bewegen. Sie waren jetzt zur Bürgerwerkstatt Radverkehr eingeladen.

34 Teilnehmer in der digitalen Werkstatt

Weil die Corona-Pandemie echte Radtouren nicht zuließ, wurde die Sitzung als digitales Zoom-Meeting ins Internet verlagert. 34 Teilnehmer diskutierten zweieinhalb Stunden auf dieser Plattform vom heimischen Sofa oder Küchentisch aus. Ein Experiment, für das die Gemeinde eigens den Moderator Frank Leichsenring engagiert hatte.

Er bildete zwei Arbeitsgruppen, die sich Gedanken über den Norden und den Süden Gedanken machen sollten. Nach einer kurzen Einführung sollten drei Fragen beantwortet werden: Wo gibt es Mängel im Bestand? Wo fehlen Verbindungen? Welche konkreten Ideen gibt es zur Verbesserung? Und da kam einiges zusammen. Zuvor hatten sich einige Bürger auch schon mit Verbesserungsvorschlägen an das Bauamt gewandt. Alle Anmerkungen werden gesammelt und anschließend von den Verkehrsplanern sortiert.

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Ideen auf digitalen Notizzetteln

„Dass ich das noch erleben darf“, seufzte Jörg Sigg in die Kamera. Der Gottmadinger hatte sich schon früher rege in Bürgerwerkstätten eingebracht. So zum Beispiel bei der Sanierung des Höhenfreibades. Doch da konnte man sich noch richtig analog treffen. Jetzt fand er sich in einer der Bildkacheln auf dem Bildschirm wieder und musste sich der digitalen Regie des Administrators am Miroboard unterwerfen. Dieses Programm ersetzt die analoge Pinnwand, wo vor Corona Ideen auf Papier gesammelt wurde.

Jetzt konnten die Werkstatt-Teilnehmer ihre Anregungen ihre Notizzettel als sogenannte Sticky Notes nur am Computer schreiben und mit der Maus den drei Fragen zuordnen. Bei wem das nicht klappte, der konnte seine Ideen mündlich äußern und erhielt Unterstützung von den Bauamtsmitarbeitern oder von Bürgermeister Michael Klinger persönlich. Er tippte dann die Anmerkung in seine Tastatur. Nach einer Arbeitsphase, in der fleißig gelbe Zettel geschrieben wurden, fasste ein Sprecher der jeweiligen Gruppe die wesentlichen Aussagen zusammen.

Der Kohlbergweg als direkte Verbindung vom Bahnhof zur neuen Schule: das können sich einige Teilnehmer der Bürgerwerkstatt Radverkehr vorstellen.
Der Kohlbergweg als direkte Verbindung vom Bahnhof zur neuen Schule: das können sich einige Teilnehmer der Bürgerwerkstatt Radverkehr vorstellen. | Bild: Trautmann, Gudrun

Eine Brücke für Radfahrer?

„Durchgängig, bequem und sicher sollen die Radwege in Gottmadingen werden“, beschrieb Verkehrsplanerin Kerstin Delamarche das Ziel der Radverkehrsplanung. „Zum Beispiel vom Bahnhof zur neuen Schule.“ Und da sprach sie schon gleich eine der größten Schwachstellen an. Denn wer vom Bahnhof zur neuen Schule will, der landet zwangsläufig auf der B34 und muss sich alten Rathaus über die Riederbachbrücke durchwursteln.

Das war auch in der Bürgerwerkstatt ein zentraler Kritikpunkt, gefolgt von einer kühnen Idee: Für Radler müsse eine Brücke über den Riederbach gebaut werden, die dann als Radweg an der Einmündung der Hilzinger und Lindenstraße fortgesetzt werde. Diese Idee ist nicht neu. Sie wurde bereits im Oktober 2020 bei einer Vor-Ort-Exkursion mit den Freien Wählern geäußert. Um gefahrenfrei zur Schule zu kommen, empfehlen einige Werkstattteilnehmer den Ausbau des Kohlbergweges.

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Wo sich Radler durchschlagen müssen

Das Schöne an Ideensammlungen ist, dass noch nicht über die Realisierbarkeit nachgedacht werden muss. Das kommt erst später, wenn die Auswertung stattgefunden hat und die Dringlichkeit definiert ist. Ähnlich kritisch wie die Ortsmitte wird auch die Einfahrt von Bietingen nach Gottmadingen gesehen. Da endet der Radweg an einer Kreuzung, und auch hier müssen sich Radler irgendwie durchschlagen, wenn sie nicht gerade die Bedarfsampel nutzen und an den Supermärkten vorbei radeln wollen.

Die Gewerbestraße in Gottmadingen ist eigentlich breit genug. Die vielen parkenden Lastwagen sind allerdings eine Gefahrenquelle für Fahrradfahrer.
Die Gewerbestraße in Gottmadingen ist eigentlich breit genug. Die vielen parkenden Lastwagen sind allerdings eine Gefahrenquelle für Fahrradfahrer. | Bild: Trautmann, Gudrun

Als wesentliche Verbindung zwischen Gottmadingen und Singen wird die Gewerbestraße gesehen. Hier wünschen sich Berufspendler mehr Sicherheit durch einen Radstreifen und außerdem noch einen Radweg durch den Wald. Parkende Lastwagen werden als Gefahrenquelle gesehen. Die Lindenstraße wird als sehr gefährlich für Radler angesehen, weil sie zu schmal ist.

Etliche der angesprochenen Probleme lassen sich vermutlich ohne großen Aufwand beseitigen. Zum Beispiel hohe Bordsteine an Übergängen, fehlende Beschilderungen, Einträge in zentrale Rad-Karten, Fahrradstellplätze an der nördlichen Bahnlinie oder neue Verkehrsführung rund ums alte Rathaus.

Im Täschen wünschen sich einige Teilnehmer der Bürgerwerkstatt Radverkehr bei der Brücke über die Bahngleise Fahrradständer und eine Ladestation für E-Bikes.
Im Täschen wünschen sich einige Teilnehmer der Bürgerwerkstatt Radverkehr bei der Brücke über die Bahngleise Fahrradständer und eine Ladestation für E-Bikes. | Bild: Trautmann, Gudrun

Gemeinde will Sanierung der B34 nicht verpassen

Michael Klinger zeigte sich beeindruckt von den vielen Ideen aus der Bürgerwerkstatt, die jetzt von den Verkehrsplanern nach Realisierbarkeit geprüft werden. Weil die B34 vom Bund saniert wird, sei Eile geboten. Zwar konnte die Gemeinde erwirken, dass der Ausbau auf 2022 verschoben wurde; die Pläne, wie der Radverkehr auf dieser zentralen Route eingebunden werden soll, müssen aber weit vorher ausgearbeitet sein.

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