Rund 70 Angehörige der Touristikbranche aus der Region Schwarzwald-Baar und darüber hinaus demonstrierten am Mittwoch auf dem Schwenninger Marktplatz. Sie machten mit leeren Koffern und Plakaten auf ihre finanziell katastrophale Situation aufmerksam und forderten dringend Staatshilfen. Von der Politik wird die Reisebranche bislang stiefmütterlich behandelt.

Rund 70 Teilnehmer aus der Touristikbranche demonstrieren auf dem Schwenninger Marktplatz. Sie wollen staatliche Unterstützung für ihre Branche. Seit zwei Monaten liegt die Reisebranche aufgrund der Corona-Pandemie vollständig brach. Die meist kleinen Unternehmen wissen nicht, wie die Kosten zahlen sollen.
Rund 70 Teilnehmer aus der Touristikbranche demonstrieren auf dem Schwenninger Marktplatz. Sie wollen staatliche Unterstützung für ihre Branche. Seit zwei Monaten liegt die Reisebranche aufgrund der Corona-Pandemie vollständig brach. Die meist kleinen Unternehmen wissen nicht, wie die Kosten zahlen sollen. | Bild: Sprich, Roland

Normalerweise lassen Reisebüros, Veranstalter und Busunternehmen vor Ort für ihre Kunden Urlaubsträume wahr werden. Seit dem Corona-Shutdown Mitte März erleben die Reiseveranstalter jedoch einen Albtraum. Statt Reisen zu vermitteln müssen sie sich mit deren Rückabwicklung befassen, die aufgrund der Corona-Pandemie seit mehr als zwei Monaten nicht möglich sind. Anne Herrmann und Sandra Pietraszek, beide Inhaberinnen von Reisebüros, sprachen für die Branche. „Eine Reise zu stornieren ist genauso zeitintensiv wie eine Reise zu buchen“, machte Anne Herrmann deutlich. Das bedeutet, viele Mitarbeiter haben zwar derzeit Kurzarbeit, obwohl sie genau so viel Arbeit wie sonst haben. Aber sie verdienen dabei keinen Cent. „Wir leben nicht von gebuchten, sondern von gereisten Reisen“, so Herrmann. Gleichzeitig seien die Kunden zwar verständnisvoll, aber auch verunsichert. „Wir sind im Moment auch Psychiater und Seelsorger“, beschreibt Sandra Pietraszek die Stimmung.

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Die von der Bundesregierung bereit gestellte Soforthilfe habe manchen Kleinunternehmer zwar vorübergehend geholfen. „Aber das reicht bei weitem nicht.“ Die Reisebranche fordert deshalb Planungssicherheit und einen weit reichenden Reiserettungsfond mit weiteren, nicht rückzahlbaren Soforthilfen, um die Situation zu überstehen. Konkret stellen sich die Reiseunternehmer eine Grundabsicherung vor und dass das Kurzarbeitergeld aufgestockt wird. „Wir sind im Niedriglohnsegment unterwegs und wenn die Mitarbeiter mit nur 60 oder 67 Prozent auskommen sollen, wird das nicht lange funktionieren.“

FDP-Bundestagsabgeordneter Marcel Klinge hat ein offenes Ohr für die Anliegen der Tourisikbranche. Er sicherte zu, sich in Berlin für Hilfe einzusetzen.
FDP-Bundestagsabgeordneter Marcel Klinge hat ein offenes Ohr für die Anliegen der Tourisikbranche. Er sicherte zu, sich in Berlin für Hilfe einzusetzen. | Bild: Sprich, Roland

Der Auftrag ging direkt an den Wahlkreisabgeordneten im Deutschen Bundestag, Marcel Klinge (FDP). Der sitzt als Tourismuspolitischer Sprecher der Freien Liberalen im Tourismusausschuss und ist somit direkt für die Anliegen der Reisebranche zuständig. Klinge zeigte vollstes Verständnis für die Sorgen und Nöte der gesamten Reisebranche. „Was machen die da in Berlin eigentlich den ganzen Tag? Gar nichts“, so der Bundestagsabgeordnete auf die Entwicklungen. Er forderte mehr Solidarität in der Branche. Dass Branchenriesen wie Tui und Konsorten vom Staat unterstützt und die Kleinen gleichzeitig außen vor gelassen werden, empfinde er als „Riesensauerei. Solidarität ist keine Einbahnstraße.“ Die Branche brauche dringend Planungssicherheit und einen Rettungsfond, der die Umsatzausfälle kompensiert. „Kredite helfen nichts. Wer weiß, ob und wann der Kleinunternehmer diese je zurückzahlen kann.“ Klinge fordert genau so eine Unterstützung für die Reisebranche wie sie die Automobilbranche habe, „die im Bundeskanzleramt ein- und ausgeht.“

Auch im Bereich Ausbildung herrscht derzeit Unklarheit, wie angehende Reiseverkehrskaufleute ihre Ausbildung absolvieren sollen, wenn ihnen keine berufsspezifischen Inhalte vermittelt werden können, wie zwei Auszubildende aus ihrem Alltag schilderten.

Carsten Schürenberg, Reiseveranstalter aus Balingen, der die inzwischen vierte Kundgebung an wechselnden Standorten auch am bundesweiten Protesttag initiierte, formulierte zudem ein Konjunkturprogramm, „damit wenn die Länder die Grenzen öffnen und uns wieder einreisen lassen, die Aussicht besteht, dass auch Hotels geöffnet sind und man Urlaub dort verbringen kann.“ Bevor hier keine klare Linie herrsche, will Anne Herrmann keine Reisen verkaufen. „Ich verkaufe doch nicht Reisen, die ich zwei Monate später wieder rückgängig machen muss.“

Busunternehmer Dieter Petrolli aus Fischbach zeichnet die dramatische Situation für Busunternehmen auf. „Die Busse stehen sich die Räder platt. Wir fahren stehend gegen die Wand.“
Busunternehmer Dieter Petrolli aus Fischbach zeichnet die dramatische Situation für Busunternehmen auf. „Die Busse stehen sich die Räder platt. Wir fahren stehend gegen die Wand.“ | Bild: Sprich, Roland

Busunternehmer Dieter Petrolli aus Niedereschach-Fischbach sprach für die Busunternehmer in der Region. „Unsere Reisebusse stehen sich seit Mitte März die Reifen platt.“ Im Reiseverkehr gebe es seit zwei Monaten keine Einnahmen, die Kosten für die Fahrzeuge laufen jedoch weiter. „Wir fahren stehend gegen die Wand“, befürchtet er. Das Busreiseverbot gelte derzeit bis 5. Juni. „Und was kommt dann?“ fragte er ratlos und zuckte mit den Schultern.

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