Sie haben aufgehört, die Stunden, die sie in ihre Arbeit steckten, zu zählen oder auch die Kilometer zwischen ihren Wohnorten. Der Aufwand ist für sie gerechtfertigt, wenn das Ergebnis stimmt. Seit etwa acht Monaten arbeiten Ximena Poveda (35), Martin Schäfer (30) und Max Q. Santander (32) an der Filmmusik zum Stummfilmklassiker "Der Mann mit der Kamera", die am Sonntag im Villinger Guckloch-Kino uraufgeführt wird. Poveda und Schäfer leben in Villingen, sie spielt auch im Sinfonie-Orchester VS mit. Aufgewachsen ist die Bolivianerin Poveda in Chile, dort lernte sie in ihrer Jugendzeit Santander kennen, der heute im schweizerischen Biel wohnt. Schäfer dagegen ist ein Kind der Region, ein Schramberger. Auf verschlungenen Pfaden, über verschiedene Projekte, kamen sie zusammen, bilden heute das Ensemble Vandel, ein Kunstname mit einem mondänen Klang.

Ein Akku-Bohrer kommt zum Einsatz, ein Aquafone, Computer, aber auch klassische Instrumente wie Oboe, Gitarre, die Geige oder auch nur die Stimme von Poveda. Sphärische Klänge entlockt der Klangkünstler Santander dem Computer – eine eigene Software hilft ihm dabei -, dann wieder erklingt eine Geige, einsam, allein, melancholisch, oder eine verfremdete E-Gitarre. Welche Emotionen der Zuschauer letztendlich damit verbindet, bleibe ihm überlassen, erklärt Santander. Der Film selbst ist ein klassischer Experimentalfilm von Dziga Vertov und zeigt das Alltagsleben in russischen Städten nach der Oktoberrevolution. Er kommt ohne Schauspieler aus und nähert sich damit stark auf eine poetische Art dem Dokumentarfilm an. Einzig identifizierbar ist der Mann mit der Kamera, Regisseur Dziga Vertov. Vertov nutzt viele Techniken zum ersten Mal wie Doppelbelichtungen oder Zeitrafferaufnahmen.

Video: Hauser, Gerhard

Einer der Macher des Gucklochkinos, Richard Hehn, hatte schon früh den Kontakt zu dem Ensemble aufgenommen. Vandel hatte bereits 2016, bei der Stummfilmbegleitung für Alfred Hitchcocks "The Lodger", der Mieter, bei einer Aufführung beim Innenhoffestival für Furore gesorgt. Nun wählten die Musiker unter drei vorgelegten Filmen einen aus, der vor allem bei Kennern bekannt ist und zum Beispiel in Filmhochschulen zum Stoff gehört. Mit dieser Filmmusik möchten sie über den regionalen Tellerrand hinweg "den Sprung schaffen", beispielsweise bei Filmfestivals reüssieren, berichtet Martin Schäfer.

Das könnte Sie auch interessieren

Hinter der Komposition steckt Intuition, aber mindestens ebenso viel harte, handwerkliche Arbeit. Zunächst musste der Film, der bis auf den Anfang auf Zwischentitel verzichtet, musikalisch eingeteilt werden. Musikalische Kapitel sozusagen. Dann sammelten die Drei Ideen, die zur Geschwindigkeit der Kamera, dem Licht passen mussten. Gedanken wurden wieder verworfen, neue Vorschläge gemacht. Die Musiker trafen sich in der Regel zu einem intensiven Brainstorming, dann arbeitete jeder an seinem Part. Zwei Mal ist Schäfer nach Biel gefahren, um die Arbeit erneut abzustimmen. Überraschende, spezielle Momente sollten eingebaut werden, aber sie mussten mit dem Film korrespondieren. Den experimentellen Momenten des Filmes wollten sie eine experimentelle Musik gegenüberstellen.

Erstmals begleiteten die Musiker ihre Produktion aufwendig mit Videos, jetzt am Sonntag können die Villingen-Schwenninger die Musik für sich entdecken.