Der Schock sitzt auch in den Seniorenheimen in Villingen tief: Der Corona-Super-Gau, vor dem sich alle in der Pflege fürchten, ist in einem Altenheim in Würzburg bittere Realität geworden: neun tote Heimbewohner, sieben in der Klinik, 25 der insgesamt 160 Heimbewohner isoliert, dazu mehr als 50 Mitarbeiter in Corona-Quarantäne, davon bisher 27 positiv getestet. Zahlen, die den Heimleitern wie dem Pflegepersonal in Villingen-Schwenningen den Angstschweiß auf die Stirn treiben – eine Situation, die sich niemand wirklich vorstellen will. Doch wie verhindern?

Mundschutzpflicht für alle Pflegekräfte

„Wir können alle nur auf Höchststandard weitermachen wie bisher, unsere Sicherheitsmaßnahmen immer wieder anpassen – auf dem Hygienesektor, dem Eigenschutz für das Pflegepersonal genauso wie wir dem zwischenmenschlichen Bereich in der Altenpflege noch mehr Aufmerksamkeit schenken als bisher. Eine andere Chance gibt es nicht“, so Marc Pekari, Leiter des Seniorenzentrums im Welvert in Villingen, mit dem wir stellvertretend für die anderen Seniorenheime in Villingen-Schwenningen sprachen. Seit gestern gilt nun auch im Seniorenzentrum die Mundschutzpflicht für alle Pflegekräfte.

Lieselotte Liebert, 94 Jahre alt aber topfit im Kopf, will immer aktuell informiert sein, wie sich die Situation um den Corona-Virus entwickelt. Und sie ist natürlich besorgt, weniger um sich selbst, doch um alle Menschen „draußen“, außerhalb des geschützten Bereiches im Seniorenzentrum im Welvert.
Lieselotte Liebert, 94 Jahre alt aber topfit im Kopf, will immer aktuell informiert sein, wie sich die Situation um den Corona-Virus entwickelt. Und sie ist natürlich besorgt, weniger um sich selbst, doch um alle Menschen „draußen“, außerhalb des geschützten Bereiches im Seniorenzentrum im Welvert. | Bild: Andreas Klages

Selbstverständlich setze man alle Anweisungen des Gesundheitsamtes penibel um. Die Türen bleiben geschlossen für Angehörige, Besucher sowie für Lieferdienste, so Pekari. Waren werden in der Schleuse im Eingang abgelegt, wo sie vom Personal abgeholt werden. Die Mitarbeiter würden täglich über den neuesten Stand der Dinge informiert, alle haben die Notfallnummern schnell parat. Alle wüssten, wie wichtig zurzeit extremer Schutz und die Einhaltung verschärfter Hygieneregeln für sie selbst wie für ihre Schützlinge ist – „und wir können uns auf sie verlassen“, so Pekari.

Man muss sich auf den Ernstfall vorbereiten

Bis jetzt habe man im Villinger Haus noch keinen Corona-Verdachtsfall gehabt. Doch man müsse sich auf den Ernstfall – und, so schrecklich es klinge, auch auf mögliche Zustände wie in Würzburg – vorbereiten. „Es kann alles passieren, wir wissen es nicht, müssen aber vorbereitet sein. Pflege geht nun mal nicht im Home-Office“, so Pekari. Im Welvert könne bei Bedarf ein ganzer Wohnbereich für eine Gruppenisolierung abgetrennt werden. Gerade würden auch mit speziellen Mitarbeitern Notfallteams aufgebaut, von denen immer eine Gruppe einsatzfähig ist. Im zentralen Management im Mutterhaus der „Zieglerschen“ in Wilhelmsdorf, das mit 20 Standorten in der Altenhilfe viel Erfahrung hat, gebe es einen klassischen Pandemieplan.

Hurra, es hat geklappt. Die Leitung steht. Heimbewohnerin Viktoria Seitz, weit über 80 Jahre alt (ganz rechts), freut sich, nun bald wieder einmal ihre Tochter zu sehen – wenn auch nur auf dem Bildschirm am Laptop, den ihr die Alltagsbegleiterinnen Elisabeth Witt und Petra Abou-Chelleik online schalten.
Hurra, es hat geklappt. Die Leitung steht. Heimbewohnerin Viktoria Seitz, weit über 80 Jahre alt (ganz rechts), freut sich, nun bald wieder einmal ihre Tochter zu sehen – wenn auch nur auf dem Bildschirm am Laptop, den ihr die Alltagsbegleiterinnen Elisabeth Witt und Petra Abou-Chelleik online schalten. | Bild: Andreas Klages

Das bestätigt auch Sarah Benkißer, Pressesprecherin der Zieglerschen im Hauptsitz in Wilhelmsdorf: „Wir ziehen alle Register“. Man habe das Corona-Problem schon sehr früh kommuniziert, war mit Angehörigen sehr früh in persönlichen Gesprächen. Auch wenn wirklich alle helfenden Hände gebraucht würden, sei man bei den Zieglerschen, auch im Villinger Haus Welvert zuversichtlich, gegen die Corona-Herausforderungen gut gewappnet zu sein.

Kritik an zu langen Testzeiten

Was allerdings Sorge bereite, seien die üblich langen Wartezeiten bei notwendigen Virentests auch für Pflegemitarbeiter. Diese sollten für die systemrelevanten Berufe wie im Pflegebereich verkürzt werden, fordert Sarah Benkißer. Denn „wenn alles funktionieren soll, können wir wirklich auf keine helfenden Hände unnötig verzichten“. Mit Desinfektionsmitteln und auch Schutzkleidung für den Ernstfall sei man für alle Häuser noch gut aufgestellt.

„Schritt für Schritt, wie es die Lage erfordert, wollen wir in den nächsten Tagen und Wochen vorwärts gehen, weiter als wenige Tage kann man die Situation einfach nicht einschätzen“, so Marc Pecari im Villinger Haus Welvert. Personelle Probleme habe man nicht – wenn alle gesund bleiben. Die Fachkraftquote liege im Welvert bei weit über 50 Prozent. Und zusätzlich könne man mit der nun schulfreien Zeit der Auszubildenden kalkulieren.

Hilfskräfte würden für Entlastung sorgen

Wünschen würde sich Marc Pecari trotzdem, dass Mitarbeiter aus Branchen, die in ihren Berufen zurzeit nicht arbeiten können, „in die Pflege schnuppern“ würden. Zusätzliche Hilfskräfte könnten in einfachen Bereichen die Pfleger durchaus entlasten, und ihnen etwas mehr Zeit zum Durchatmen verschaffen.

Mit den von der Politik angekündigten Erleichterungen in den Dokumentationen, um mehr Zeit für die eigentliche Pflegearbeit freizumachen, wolle man allerdings noch abwarten. „Wir sind über unsere EDV-Dokumentation ganz gut aufgestellt“, meint Pecari. Im Übrigen würden sich ab April drei Mitarbeiter, über einen Sonderpersonalschlüssel gedeckt, ausschließlich um die fachliche Entwicklung im Haus kümmern.

„Wir geben unser Bestes“

„Wir geben weiterhin unser Bestes, die Angehörigen, die nicht zu Besuch kommen dürfen, sollen sich keine Sorgen machen“, so ist es aus dem Kreis der Pflegemitarbeiter im Welvert einmütig zu hören. Der Hygiene-Standard im Haus sei professionell ohnehin hoch, so Pflegeassistent Andreas Klages, und doch würden Tische, Türklinken, Rollatoren, Rollstühle Pflegewagen und unanderes noch ein- oder zweimal mehr als üblich mit Desinfektionsmitteln abgewischt. „Da legen wir einfach noch ne Schippe drauf“, meint er voll Tatkraft.

Oft ist im Helferkreis auch das Wort „Hoffnung“ zu hören, aber auch die Worte „Pflicht“ und „Kraft“, um den alten Menschen – im Welvert sind es rund 90 Bewohner in sechs Wohngruppen auf drei Etagen – bestmöglichst zur Seite zu stehen. Denn sie registrieren, dass „etwas im Busch ist“, haben viele Fragen, die sensibel und beuhigend erklärt werden müssen.

Alltagsbegleiterinnen stellen auf Einzelbetreuung um

Neben dem Pflegeteam sind in der sozialen Betreuung speziell auch die sechs Alltagsbegleiterinnen im Welvert gefragt. Josie Laubisch ist die Leiterin der sozialen Betreuung, die sie mit ihren Mitarbeiterinnen sehr kreativ und immer wieder mit vielen neuen Ideen gestaltet. Sie hat die Gruppenaktivitäten in der jetzigen Krise vermehrt auf Einzelbetreuung umgestellt, um noch individueller auf die Wünsche der alten Menschen eingehen zu können. Das komme sehr gut an, weiß sie.

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Die Alltagsbegleiterinnen gehen mit den Bewohnern auch einzeln auf die großen Balkone des Hauses, da Aktivitäten außerhalb des Hauses nicht mehr möglich sind. Bis kurz vor dem Kälteeinbruch sind Stunden in dem kleinen Garten hinter dem Haus beliebt gewesen, diverse Kräuter sind schon angesät. „Gemeinsam versuche man, kreativ, mitfühlend, aber auch tröstend auf die Bewohner zu wirken. Wir lachen auch viel“, erzählt Josie Laubis. Das sei nicht zuletzt trotz all der Probleme sehr wichtig. Seit dieser Woche können Bewohner auch über Video-Chat mit ihren Angehörigen sprechen, die nicht zu Besuch kommen dürfen.

Trotz Corona den Alltag leben

Vieles verstehen die alten Leute nicht, was in Corona-Zeiten anders läuft. Deshalb wird alles getan, um ihnen ihren gewohnten Alltag in ihrer „Familie“, in ihrer Wohngruppe zu erhalten. „Bis jetzt gelingt uns der Spagat zwischen Familienatmosphäre und nötigem Abstand und Sicherheit ganz gut“, erklären Marc Pecari und Josie Laubis im Gespräch mit dem SÜDKURIER.

Und dann ist schnell wieder das Wort „Hoffnung“ im Spiel: Hoffentlich gibt es bald ein Licht am Ende des dunklen Tunnels, bessert sich die Situation irgendwann. Doch auch das Helferteam im Welvert bekräftigt gerne nochmal wie so viele andere Teams in der Seniorenbetreuung der Stadt und im gesamten Gesundheitswesen: „Wir geben unser Bestes“.