Der Koffer mit den Bombenattrappen, den der Villinger Commerzbankräuber am 9. Dezember 2009 benutzt hatte, um von der Bank Geld zu erpressen, steht bei Bernd Lohmiller im Büro. Der Erste Kriminalkommissar, der am 1. September 1976 in Lahr bei der Bereitschaftspolizei seine Laufbahn begann, braucht den Koffer demnächst zur Vorlage als Beweismittel für die Gerichtsverhandlung gegen den 80-Jährigen, der nach jahrelanger Fahndung in diesem Jahr gefasst wurde. Letztlich war es Lohmillers Hartnäckigkeit zu verdanken, dass der Serienräuber nach zehn Jahren zur Strecke gebracht werden konnte. Ein schöner Erfolg zum Abschluss seiner 43-jährigen Polizeilaufbahn, in der der Kommissar an manchem Kapitel der Kriminalgeschichte in der Region mitgeschrieben hat.

Der Commerzbankräuber

Im Dezember 2009 war sich Roland Wössner, der damalige Leiter der Polizeidirektion VS, ziemlich sicher, dass der Commerzbankräuber schnell geschnappt wird. Die Annahme erwies sich als großer Trugschluss. Der Räuber, ein Rentner aus Freiburg mit Geldsorgen, unternahm noch mehrere Raubüberfälle mit Attrappen eines Bombenkoffers. Es sollte fast zehn Jahre dauern, bis der Mann bei seinem letzten Coup im schwäbischen Balingen geschnappt wurde. Zum Verhängnis wurden ihm die neue Bankenwarnung mit, die Bernd Lohmiller flächendeckend an alle Banken in Baden-Württemberg von den Überfällen des Täters verteilen ließ. Ein Bankangestellter in Balingen erkannte den Verbrecher rechtzeitig und alarmierte die Polizei. „So kurz vor meiner Pensionierung noch so einen Erfolg zu erleben, war für mich natürlich eine Genugtuung“, sagt er.

In seinen 43 Jahren bei der Polizei hat der gebürtige Oberndorfer viel erlebt. Dass er seinen Einstieg bei der Kripo 1981 zunächst fünf Jahre bei der Spurensicherung arbeitete, davon habe er in seiner gesamten späteren Laufbahn profitiert, berichtet er. Später wechselte er zu den Ermittlern, bearbeitete „Kapitalverbrechen und Leichensachen“, Branddelikte, Eisenbahn- und Luftfahrtunfälle, später auch Wirtschafts- und Betrugsdelikte, bevor er sich wieder den Kapitalverbrechen widmete und mancher Sonderkommission und Ermittlungsgruppe in Sachen Mord und Totschlag angehörte.

Der ungeklärte Fall Zeljka

Doch längst nicht jeder Fall endete mit einer Festnahme. Im Laufe seiner Kripotätigkeit in der Villinger Waldstraße ging Bernd Lohmiller immer wieder den „Cold Cases“, den ungelösten Fällen nach. Etwa dem Fall der 13-jährigen Zeljka Ivekic, die 1978 in der Villinger Sperberstraße auf dem Bauch liegend tot in der Badewanne der elterlichen Wohnung vorgefunden wurde. „Ein interessanter Fall“, sagt Lohmiller, und einer, der ihn auch immer emotional bewegt. „Wenn Kinder betroffen oder tot waren, war das immer besonders hart“, sagt er ohne Umschweife. Lohmiller ist es tatsächlich gelungen, mit dem Aufkommen der DNA-Technik eine neue Spur zu finden. Einen Hausierer, der unter Verdacht stand, konnte Lohmiller damit als Täter entlasten. Ein weiterer Verdächtiger, der erst letztes Jahr durch eine Zeugenaussage belastet wurde, konnte ebenfalls ausgeschlossen werden. Den Ermittler hat die Herausforderung gereizt, nach Jahren doch noch einen Täter zu überführen. Doch in diesem Falle gab es keinen Erfolg. Die Spur blieb kalt.

Ungesühnter Mord

Unbefriedigend endete auch ein Mordfall in Hüfingen. Dort war eine Frau erwürgt worden, der Verdacht fiel auf einen Nachbarn. Lohmiller war damals als Mitarbeiter der Spurensicherung dabei. Die Kriminaltechnik hatte ein Gutachten gefertigt, dass einen Textilfaserübetrag vom Opfer auf den Nachbarn nachwies. Doch die Faserspurentechnik war damals in den 80er-Jahren noch neu. Das Landgericht Konstanz, so erinnert sich Lohmiller, sei damit noch wenig vertraut gewesen und wollte auf Basis des Gutachtens keine Anklage erheben. Der Fall blieb damit ungeklärt und ungesühnt. Der Kripo-Mann hat gelernt, mit solchen Entscheidungen professionell umzugehen, auch wenn das bedeutet, „dass ein Mörder weiter frei herumläuft“.

Zu den schlimmen Erinnerungen zählt Lohmiller seinen Einsatz beim Busunglück in Bad Dürrheim vom 6. September 1992, bei dem 20 Menschen ums Leben kamen. „Ich bin mit Kollegen eine Woche auf der Eisbahn der Schwenninger Eishalle gestanden und habe versucht, mit den Pathologen und Angehörigen die Identifizierung der Toten hinzukriegen.“ Dankbar ist er noch heute, dass den Helfern damals psychologische Hilfen angeboten wurden. Auch später hat er Seminare über den Umgang mit dem Tod belegt, um solche Erlebnisse zu verarbeiten „und mir selbst zu helfen“. Heute sagt er: „Ich denke, es ist mir gelungen.“

Apotheker überführt

Kriminalistisches Neuland betrat Lohmiller in seiner Zeit in der K3, dem Kommissariat für Wirtschaftsdelikte und Betrug. Denn erstmals zeigten regionale Krankenkassen Abrechnungsbetrug von örtlichen Ärzten und Apothekern an. Der Schaden ging in die Millionen. Mit hartnäckiger Arbeit gelang es Lohmiller, einen Zahnarzt und drei Apotheker sowie weitere Mittäter zu überführen. Auf einem Konto des Apothekers in der Schweiz konnte die Kripo 900 000 Euro sicherstellen, die an die geschädigten Kassen zurückgingen. Bevor es allerdings zum Prozess kam, nahm dieser Fall eine unerwartete Wende. Der Apotheker tötete im Jahr 2005 den damaligen Professor der Fachhochschule Furtwangen, Rainer Scheithauer, auf den er offenbar eifersüchtig war. Dann erschoss sich er Pharmazeut mit einem Revolver.

Kein Nachfolger in Sicht

Selber schießen musste Lohmiller in 43 Jahren nie. Seinen Beruf hat er geliebt. „Wenn man Menschen helfen konnte und sie sich bei mir bedankten, dann wusste ich, du hast alles richtig gemacht.“ Wenn er im November in den Ruhestand verabschiedet wird, sagt er, räume er sein Büro „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“. Was ihn bedrückt, ist die Tatsache, dass völlig unklar ist, ob und wann seine Stelle wieder besetzt wird. Es fehlt auch der Kripo derzeit an Nachwuchskräften. „Ich weiß nicht, an wen ich mein ganzes Wissen weitergeben kann“, sagt er. Mit seiner Pensionierung gehe auch das gesamte Netzwerk verloren, dass er sich im Lauf der Jahrzehnte aufgebaut hat.

Andererseits freut sich der 62-Jährige auf seinen Ruhestand und darauf, dass er künftig nicht mehr nachts oder an Wochenenden zum Dienst gerufen wird, weil etwas Schlimmes passiert ist. Sein besonderer Dank gilt am Ende der Laufbahn seiner Frau Eva, die vieles ertragen musste, für ihre Unterstützung, „damit ich diesen Beruf so machen konnte, wie ich ihn gemacht habe.“

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