Ohne das Smartphone, sagt Heidi Günter, gehe gar nichts. Auch wenn die Übersetzung nicht immer ganz korrekt sei. Gerade hatte eine der ukrainischen Frauen laut Übersetzungs-App „Husten auf der Schulter“. Aber irgendwie verstehe man sich am Ende eben doch. Günter zuckt mit den Schultern und steigt die Treppe zum Pfarrhaus hinauf.

Dort, in der seit längerem unbewohnten Pfarrerswohnung, sind seit dem vergangenen Wochenende insgesamt sieben ukrainische Flüchtlinge untergekommen. Zwei Frauen und fünf Kinder.

Es ist ein erstes Kennenlernen an diesem Montagnachmittag. Bei Hefezopf, Marmorkuchen und Brezeln wollen Pfarrer Harald Dörflinger, sowie der Vorsitzende des Pfarrgemeinderats, Thomas Eisele, sich einen Überblick über die Lage verschaffen. Was wird noch benötigt? Fühlen sich alle wohl?

Lydia Sander fungiert als Übersetzerin. Sie ist Russlanddeutsche und wie Heidi Günter Mitglied im Pfarrgemeinderat.

Natalia Yakubchak und Natalia Kravckenko, die beiden ukrainischen Frauen, schenken jedem eine Tasse Schwarztee an ihrem neuen Wohnzimmertisch ein. „Wir sind sehr zufrieden und dankbar“, sagt Natalia Kravckenko. Sie hätten alles, was sie brauchen. Außer, wenn sie noch eine Bitte äußern dürfte: Ein kleiner Tisch für die Kinder wäre schön, an dem sie ihre Hausaufgaben machen können.

Thomas Eisele nickt. Tische haben sie noch. Da sie nicht wussten, was genau gebraucht wird, haben sie erstmal nicht alles in die Wohnung gebracht. Lydia Sander übersetzt. Natalia Kravchenko nickt. „Spasiba“, sagt sie. „Danke.“

Gleich am ersten Tag geflohen

Natalia Yakubchak und Natalia Kravckenko kommen aus Charkiw. Die Frauen sind 43 und 39 Jahre alt. Ihre Kinder gehen gemeinsam zur Schule. So sind sie befreundet. In der zweitgrößten Stadt der Ukraine hatten sie vor dem Krieg ein Kosmetikstudio, eine Boutique und ein kleines Lebensmittelgeschäft. Charkiw liegt 40 Kilometer von der russischen Grenze entfernt.

Als sie am 24. Februar, um fünf Uhr morgens, die ersten Raketeneinschläge hören, fangen sie an zu packen. „Wir waren mit die ersten, die gingen.“ Sie steigen in ihre Autos. Auf dem Weg raus aus der Stadt kommen ihnen Panzer entgegen. „Es waren ukrainische Panzer, die sich bereit gemacht haben, zur Verteidigung.“

In den Autos sitzen nur die zwei Frauen und fünf Kinder. Keine Väter. Die Männer blieben. Sie kämpfen. Bis heute. Für ihr Land. Für ihre Familie. Haben Sie Kontakt? Sie nicken. „Jeden Tag“, sagt Natalia Yakubchak. Dann kommen ihr die Tränen. „Es geht nur übers Telefon“, sagt Natalia Kravchenko noch. Dann muss auch sie den Kopf zur Seite drehen.

Die Bedrohung durch Russland, sagen sie, war immer irgendwie gegenwärtig. Aber dass es wirklich zu einem Krieg kommen würde, dass hätten sie bis zu jenem Morgen am 24. Februar nicht für möglich gehalten.

Über Rumänien, die Slowakei und Tschechien kommen sie schließlich Ende Februar in Deutschland an. Mit ihnen fährt noch eine dritte Familie, die Frau hat Bekannte in St. Georgen. Sie nimmt Kontakt zum Landkreis auf, fragt nach Unterbringungsmöglichkeiten. Am 4. März können die drei Familien dann in einem Zimmer der Evangelischen Altenhilfe in St. Georgen einziehen.

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Ein Pfarrer will helfen

Nichts wissend vom Schicksal der drei Familien beschließt auch Harald Dörflinger, katholischer Pfarrer und Leiter der Seelsorgeeinheit St. Georgen-Tennenbronn, kurz nach Beginn des Krieges zu handeln. „Es ist klar der Grundgedanke als Kirche, dass man Leuten, die Obdach suchen, auch hilft.“

Er bietet der Stadt die Wohnung im Pfarrhaus als mögliche Unterkunft für ein oder zwei Familien an.

Vergangene Woche geht dann plötzlich alles ganz schnell. Die Stadt möchte die beiden Frauen Natalia Yakubchak und Natalia Kravckenko und ihre Kinder in der Pfarrerswohnung unterbringen. Die Unterkunft in der Evangelischen Altenhilfe ist für drei Familien auf Dauer zu klein.

Von Null auf Hundert

Es gibt nur ein Problem: Die Wohnung ist seit zweieinhalb Jahren nicht bewohnt. „Sie war komplett leer“, sagt Thomas Eisele. Innerhalb von drei Tagen richten sie die fünf Zimmer ein. Tische, Sofas, Betten, Fernseher, Küchengeräte, Besteck, Geschirr, Bettwäsche, Handtücher. Alles Spenden. Organisiert von den Mitgliedern des Pfarrgemeinderates.

Seit dem Wochenende leben die sieben Ukrainerinnen und Ukrainer nun dort.

Bild: Anja Ganter

Die Kinder sind zwischen neun und 17 Jahre alt. Die drei älteren gehen bereits hier aufs Gymnasium. Die beiden jüngeren müssen noch vermittelt werden.

Bei allem war Pfarrer Harald Dörflinger und Thomas Eisele am Montagnachmittag am Wohnzimmertisch erzählen, hören die beiden Frauen aufmerksam zu.

Sie wollen niemandem zur Last fallen. Eigentlich wollen sie gar nicht hier sein. Als Flüchtlinge. Und sind doch froh und dankbar, hier sein zu können. In Sicherheit. Das sagen sie so nicht. Aber man kann den Zwiespalt in ihren Augen lesen.

Nebenkosten, sowie Miete bekommt die Kirchengemeinde ersetzt von der Stadt. Das wissen sie aber erst seit kurzem. Sie hätten es auch ohne Kostenübernahme gemacht, sagt Dörflinger. „Das stand nicht im Vordergrund.“ Sie wollten eben helfen. Als Kirche. Als Gemeinde. Als Menschen.

Heidi Günter sagt auf die Frage, warum sie helfe: „Ich bin ein Flüchtlingskind. Ich weiß, wie wichtig das ist.“ Dann stockt sie. „Es war mir einfach ein großes Bedürfnis.“ Sie kämpft mit den Tränen.