Andy Feind mag Tattoos. Sein linker Arm trägt ein dichtes Muster. Doch in seinem Job als Sozialversicherungsangestellter einer Krankenkasse in VS bleibt der Körperschmuck unter dem Hemdsärmel. Aber es gibt noch etwas Unsichtbares an dem 32-jährigen St. Georgener. Über die Depressionen, unter denen seit seinem halben Leben leidet, hat er ein Buch geschrieben. Das Pseudonym Andy Feind ist dabei für den Berufsweg schützend und durchdacht zugleich. Denn eigentlich heiß es undefined, auf Englisch "unbestimmt", erklärt der junge Mann ein bisschen stolz.

Er hat ganz andere Zeiten erlebt. Als ein Nichts an Selbstwert und Antrieb. Wenn man morgens einfach im Bett bleibt, den Blick in den Spiegel vermeidet, nicht putzt, allen Menschen aus dem Weg geht und beim Einkaufen das Tageslicht meidet. Ein trüber Herbsttag kann eine Spirale in Gang setzen. Eine Liedzeile kommt dazu, dunkle Gedanken und abwärts geht es. "Diese Erkrankung hat mein Leben auf vielen verschiedenen Ebenen aus der Bahn geworfen und mich beinahe das Leben gekostet", erzählt er. Das war 2007. Da saß er völlig verzweifelt am Bahndamm. Sechs Züge fuhren vorbei, vor dem Suizid rettete ihn ein Einsatzwagen der Polizei. "Als der mit Blaulicht vorbeifuhr, dachte ich, dass sich meine Angehörigen Sorgen machen." Andy begab sich ärztliche Behandlung.

16 Jahre alt war er, als sein beste Freundin ums Leben kam. Im Rückblick, so sagt er, sei dies zumindest der Auslöser seiner Depression gewesen. Nach dem Realschulabschluss beginnt er eine Lehre als Fachinformatiker und wirft hin. Er taumelt durchs Leben, redet mit niemandem über seine Dämonen. Erst als er sich behandeln lässt, weiht er seine Eltern ein. Wie den meisten Menschen fehlt ihnen das Verständnis. Das Ausmaß der Krise dämmert ihnen, als ihr Sohn 2009 einen am Ende 16-wöchigen stationären Aufenthalt antritt.

Diese Reaktion kennt der Autor. Er möchte mit seinem Buch einerseits Betroffenen signalisieren, dass sie nicht allein sind, und andererseits Angehörigen Einblicke in die Gedankenwelt Betroffener geben. Vor einem Jahr hat er ein Video ins Netz gestellt, in dem er über seine Krankheit redet. Die Zugriffsraten sind bis heute beachtlich. Der positive Zuspruch ermutigte ihn, das Buch zu schreiben, aber auch einen sehr persönlichen Schritt zu gehen. Seinen in Norddeutschland lebenden elfjährigen Sohn hat er in seine Gedankengewitter eingeweiht.

Und heute? Seit einigen Monaten geht es ihm so gut wie seit vielen Jahren nicht. Seine Freundin Svenja, die in Darmstadt studiert, ist ihm seit vier Jahren der "Anker". Wenn es darauf ankommt, baut sie ihn auf und schiebt ihn an. "Ich glaube nicht, dass die Depression jemals weggeht", sagt er dennoch. Realistisch, nicht traurig. Denn "ich habe die richtigen Mittel an der Hand." Dazu gehören für ihn Spaziergänge, Unternehmungen mit Freunden und seine Arbeit.

Sein Arbeitgeber zeige viel Verständnis, lobt er. Dass man dem jungen Mann vertraut, begründet sich auch aus der jüngeren Berufsbiographie. 2011 machte Andy ein FSJ im Pflegeheim. In dieser Zeit begleitete er seinen sterbenden Vater. Ein ihm heute unerklärlicher Kraftakt. Es folgte seit 2013 eine Ausbildung bei der Krankenkasse. Trotz aller Krisen gelang ihm das sogar mit Lehrzeitverkürzung.

Über Buch und Video: http://andyfeind.com

 

Das Buch

"Gedankengewitter", so der Arbeitstitel, soll 2018 erscheinen. Das Manuskript ist fertig und wird gerade von Freunden gelesen, der Umgang umfasst rund 270 Seiten, Verlage sind angeschrieben. Der Autor würde sein Werk aber auch im Selbstverlag publizieren. Mut machen ihm 133 Vorbestellungen. (wur)