Wer in den vergangenen Wochen schon einmal an einem geführten Stadtspaziergang durch St. Georgen mit über 20 externen Räumen für Kunst, die als Ausstellungsorte genutzt werden, teilgenommen hat, wird es gemerkt haben: die Sammlung Grässlin prägt ein neues Gesicht. Die bisherige Leiterin Christina Korzen ist Ende des vergangenen Jahres an die Städtische Galerie Karlsruhe gewechselt. Ihre Nachfolge hat im Februar Hannah Eckstein übernommen.

Eine ihrer vielen Aufgaben sind eben die regelmäßigen öffentlichen Führungen. Kommunikativ sollte man durchaus sein, wenn man die Sammlung Grässlin leitet. Und das ist sicherlich auch einer der ersten Eindrücke, die man von der neuen Sammlungsleiterin gewinnen kann. Das fängt schon beim ersten Telefonat zwecks Terminabsprache an und wird durch die folgenden Treffen vor Ort oder auch in anderen Kunstinstitutionen der Region verstärkt. Somit ist die junge Rheinländerin, die darüber hinaus selbstverständlich auch die fachlichen Anforderungsprofile erfüllt, die Idealbesetzung für diesen bundesweit ausgeschriebenen Posten.

Hannah Eckstein leitet die Sammlung Grässlin. Das Bild zeigt sie vor einer Malerei von Stefan Müller, die in der Grässlin-Villa am Klosterberg hängt. <em>Bild: Stefan Simon</em>
Hannah Eckstein leitet die Sammlung Grässlin. Das Bild zeigt sie vor einer Malerei von Stefan Müller, die in der Grässlin-Villa am Klosterberg hängt. Bild: Stefan Simon | Bild: Stefan Simon

Aber ist die Sammlung auch für Eckstein, die erst vor Kurzem sehr erfolgreich ihren Master of Arts in Kunstgeschichte erlangte, auch der ideale Arbeitsplatz? Was bewegt eine junge aufstrebende Kunsthistorikerin nach Stationen in der Metropole Istanbul, wo sie als Beste ihres Jahrgangs ihren Bachelor of Arts in Kulturmanagement abschloss, und in dem kunstaffinen Rheinland, wo sie am Ende ihres Studiums als Kuratorin am Museum Kleve und im Kunstverein Mönchengladbach wirkte, ausgerechnet nach St. Georgen? Kennt man den Ort denn im Rheinland? Durchaus, und zwar dort, wie in der internationalen Kunstszene, wegen der Sammlung Grässlin.

So habe sie das Renommee der Sammlung einfach gereizt, sich auf die Stellenausschreibung zu bewerben, so Eckstein. Das Ansehen einer weltweit bekannten Sammlung kann aber nicht alles sein. Hannah Eckstein wusste aufgrund der Stellenbeschreibung und der ersten Kontaktaufnahme, was sie in St. Georgen erwartet. Die Leitung der renommierten Sammlung ist tatsächlich ein sehr spezieller und vielschichtiger Job in Personalunion. Denn neben dem langjährigen Mitarbeiter Franco Ubbriaco, der für sämtliche technischen Belange zuständig ist, und dem Co-Führungsteam Ute Herchenbach und Rüdiger Brix ist eine Sammlungsleiterin bei Grässlin für alles zuständig. Und gerade diese Möglichkeit, alles zu übernehmen, habe Eckstein neben dem „super Sammlungskonzept“ eben auch gereizt. Außerdem könne man sich selbst und neue Ideen einbringen, wie die anvisierten Projekte mit Kindern, um diese früh an Kunst heranzuführen.

Hannah Eckstein vor der Arbeit Mobiler U-Bahn-Lüftungs-Schacht von Martin Kippenberger.
Hannah Eckstein vor der Arbeit Mobiler U-Bahn-Lüftungs-Schacht von Martin Kippenberger. | Bild: Stefan Simon

Die Vielgestaltigkeit des Informellen ist auch die solide Grundlage, auf die die aktuelle umfangreiche Sammlung Grässlin aufbaut. Hannah Eckstein hat in den vergangenen Wochen beide Sammlungen und die unterschiedlichen Positionen intensiv kennengelernt: vom herausragenden Wols in der Villa am Klosterberg über die Rehberger-Garage im Park bis hin zum transportablen U-Bahn-Eingang von Martin Kippenberger vor dem Kunstraum.

Die Fachkompetenz ist sicherlich ein Aspekt für eine erfolgreiche Tätigkeit in St. Georgen. Genauso wichtig ist die enge Zusammenarbeit mit den Sammlern. Mit ihrer offenen, unkomplizierten Art hat Eckstein offensichtlich schon in kurzer Zeit einen guten Draht zu den Familienmitgliedern inklusive dem Familienhund Paula gefunden. Somit eine optimale Basis für ein erfolgreiches Wirken in der Bergstadt.

Im Kunstraum Grässlin an der Bahnhofstraße hat Hannah Eckstein ihren Schreibtisch. <em>Bild: Jens Wursthorn</em>
Im Kunstraum Grässlin an der Bahnhofstraße hat Hannah Eckstein ihren Schreibtisch. Bild: Jens Wursthorn

So führt der Berufsweg in die Sammlung Grässlin

  • Zur Person: Hannah Eckstein wurde 1987 in Mönchengladbach geboren, wo sie 2006 ihr Abitur ablegte. 2007/2008 studierte sie Betriebswirtschaftslehre an der Marmara-Universität Istanbul. Dort wechselte sie 2008 an die Biligi-Universität, wo sie bis 2012 Kulturmanagement studierte.
  • In Kunstwissenschaft war sie 2012/2013 an der Universität Duisburg-Essen, eingeschrieben, ehe sie 2013 bis 2016 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf Kunstgeschichte studierte. Thema der mit 1,0 bewerteten Masterarbeit: Die Videoarbeiten von Richard Serra zwischen Form und Politischem.
  • Der Arbeitsalltag: Führungsanfragen werden bearbeitet, Rundgänge für die Kultursonntage vorbereitet, Leihaufträge abgewickelt, das Werkarchiv aktualisiert, die anfallende Presse- und Öffentlichkeitsarbeit wird zeitnah erledigt und das im nächsten Jahr in Zusammenarbeit mit regionalen Kunstinstitutionen stattfindende Symposion „Politik und Kunst“ wird vorbereitet. 
  • Parallel dazu noch an einer Publikation gearbeitet und die letzten Vorbereitungen für eine ab 23. Juni laufende Ausstellung im Mittelrhein-Museum Koblenz erledigt. Dort werden erstmals über 100 Arbeiten aus der Sammlung des St. Georgener Unternehmerehepaares Anna und Dieter Grässlin gezeigt.