Die Nachricht, dass die Berliner Milcheinfuhrgesellschaft (BMG) zahlungsunfähig ist, hat vor wenigen Tagen sicher nur wenige Menschen in der Region interessiert. Doch so weit entfernt die Hauptstadt Berlin auch sein mag, diese Insolvenz trifft auch unsere Region hart. Genauer gesagt: 42 Landwirtschaftsbetriebe im Gebiet vom Hegau bis Horb sollen unmittelbar von der Insolvenz betroffen sein. Deutschlandweit sind es rund 1000 Betriebe. Es geht um mehr als eine Milliarde Liter Milch im Jahr. Diese Menge hatte über Nacht keinen Abnehmer mehr. Zwar wurde mittlerweile eine Zwischenlösung gefunden, die Milch wird weiter abgeholt und muss nicht weggeschüttet werden, doch der Preis, den die Landwirte seither pro Liter erhalten, reicht nur in wenigen Fällen aus, um die laufenden Kosten zu decken. Einige Landwirte sind in ihrer Existenz bedroht, was in der Folge Konsequenzen für Banken und Zulieferer haben könnte.

„Die Insolvenz der BMG hat uns wie ein Tsunami getroffen. Jetzt müssen wir den Schaden begrenzen“, sagt Andreas Schleicher, Landwirt aus Dauchingen. Er ist auch Vorsitzender der Milcherzeugergemeinschaft (MEG) Milchland Baden-Württemberg, der die 42 betroffenen Betriebe angehören. „Wir hatten langfristige Verträge bis 2020“, erklärt Schleicher, der mit seinem Milchviehbetrieb jetzt selbst mit den Folgen der Insolvenz zu kämpfen hat. Ganz konkret fehle ihm ein großer Teil seines Einkommens. Deshalb habe er auch einen Termin mit seiner Bank vereinbart, um die Notsituation zu besprechen. Aktuell seien er und seine MEG-Vorstandskollegen täglich unterwegs, um neue, dauerhafte und vor allem rentable Absatzwege für die rund 50 000 Liter Milch zu finden, die die MEG-Mitglieder täglich produzieren.

„Erste Anzeichen auf die Insolvenz gab es bereits Mitte Februar“, blickt Schleicher zurück, nachdem die BMG für Januar nur einen Grundbetrag von etwa 20 Cent pro Liter Milch überwies und die Zahlungen Mitte Februar ganz einstellte. „Wir waren wachsam und haben uns erste Gedanken über die Zukunft gemacht“, so der Vorsitzende. Das habe sich jetzt, trotz der Notsituation, bezahlt gemacht. „Wir haben schnell eine Übergangslösung für alle gefunden, wenn auch zu einem schlechten Preis“, so Schleicher. Im Gespräch mit dem SÜDKURIER zeigte er sich verhalten optimistisch, dass möglichst bald eine tragfähige Lösung gefunden werde. Eine Absage soll es laut Medienberichten unterdessen von Omira und Schwarzwaldmilch gegeben haben. Kapazitätsgründe sind im Gespräch, und auch, um den Milchpreis für die eigenen Lieferanten stabil zu halten.

Doch die Zeit drängt. Während Gespräche und Verhandlungen laufen, geht den betroffenen Landwirten täglich viel Geld verloren. Davon berichten dem SÜDKURIER Landwirt Jürgen Kaltenbach (64) und sein Sohn Daniel, die in Brigachtal–Klengen einen Hof mit fast 70 Kühen bewirtschaften. Seit Januar fehlen dem Familienbetrieb rund 50 000 Euro in der Kasse. „Wir können gerade so die Fixkosten decken“, erzählen sie. Das sei jedoch nur möglich, weil der Stall abbezahlt sei und auch sonst keine großen Kredite die Finanzen belasten. Ohne ihre weiteren Standbeine Biogas und Fotovoltaik würde die Situation noch schlechter aussehen.

Daniel und Jürgen Kaltenbach (von links) zeigen den Milchtank ihres Hofes. Ein 150 000 Euro teurer Melkroboter füllt den Tank vollautomatisch mit 1800 Liter Milch täglich.
Daniel und Jürgen Kaltenbach (von links) zeigen den Milchtank ihres Hofes. Ein 150 000 Euro teurer Melkroboter füllt den Tank vollautomatisch mit 1800 Liter Milch täglich. | Bild: Jens Froehlich

Fünf Kühe konnten die beiden kurzfristig verkaufen. 20 Tiere haben sie trockengestellt. Das bedeutet: Die Tiere werden nicht mehr gemolken, sie bekommen anderes Futter. Alles Maßnahmen, um ihre durchschnittliche Milchmenge von 1800 Litern pro Tag zu drosseln. „Wenn die Lage sich nicht entspannt, müssen wir im April eine Entscheidung treffen, ob es weiter geht“, sagt Jürgen Kaltenbach mit Wehmut. Er selbst hat über die Jahre den Stall selbst gebaut und seine Tiere gezüchtet. Nun droht das Aus für seine Milchproduktion. Alternativen gibt es kaum. Ein Hofladen sei nur eine kleine Nische. Die Grünflächen für das Futter dürfe er nicht beliebig anderweitig nutzen. Auch sein Sohn, der gerne Landwirt ist, sieht für sich kaum eine Zukunft in der Milchproduktion. „Um am Markt bestehen zu können, müssen Betriebe investieren und wachsen“, sagt er. Nur solche Vorhaben würden von den Banken noch unterstützt. Ein Teufelskreis entsteht auf dieses Weise: Größere und effizientere Betriebe produzieren noch mehr Milch für einen Markt, der in Zeiten guter Preise regelrecht überschwemmt wird. Die Unsicherheit und teils große Milchpreis-Schwankungen schrecken den Jung-Landwirt vor weiteren langfristigen Investitionen ab. Was tun also? „Die Milchmenge begrenzen“, schlagen die Kaltenbachs als politische Stellschraube vor.

Hofnachbar Thomas Hettich (30) steht mit seinem Betrieb auf Bad Dürrheimer Gemarkung vor ähnlichen Problemen. Mit seinem Hofladen versucht er aktuell die Verluste in kleinen Teilen aufzufangen. Zur Überbrückung der Notsituation hat er Rücklagen aus dem wirtschaftlich guten Vorjahr angezapft. Die Milchproduktion sieht er trotz allem auch in Zukunft als sein Hauptgeschäft. Er ist optimistisch, dass es bei der MEG bald wieder aufwärts geht. Auch der MEG-Vorsitzende Schleicher ist sich sicher, dass der Zusammenschluss in der Milcherzeugergemeinschaft der richtige Weg war.

Politik und Verband wollen helfen

Landtagsabgeordnete Martina Braun von den Grünen sagt: „Unmittelbar nach der Insolvenz bin ich aktiv geworden, als ich eine Vielzahl von Anrufen betroffener Landwirte erhielt.“ Sie sei nun im engen Austausch mit dem Ministerium und im direkten Gespräch mit Minister Peter Hauk, um Lösungswege zu suchen. Auch mit Molkereien und der Milch-Koordinationsstelle von Bioland habe sie bereits Gespräche geführt. „Das akute Problem ist gelöst. Manche Landwirte haben nun sogar bessere Konditionen als vorher“, so Braun. Beim Ausgleich der Verluste, die den Betrieben entstanden sind, sieht die Politikerin jedoch nicht den Steuerzahler in der Verantwortung. Eine Perspektive möchte sie den Betriebe aber bieten. Ihre Partei würde sich daher im Landtag für einen Beschluss für ein EU-Instrument zur Milchmengen-Steuerung in Krisensituationen einsetzen.

Auch Karl Rombach, Landtagsabgeordneter von der CDU, will den Dialog mit dem Ministerium suchen. Erste Gespräche habe es schon gegeben. Der Befürworter von Genossenschaften sagt aber auch: „Es war damals eine eigenverantwortliche Entscheidung der Landwirte, der MEG beizutreten.“ Erneut eine Milchquote einzuführen, lehnt der Politiker ab. „Das hat sich in der Vergangenheit nicht bewährt und wird unterlaufen.“ Vielmehr müsse der Milchmarkt entbürokratisiert werden. Insgesamt seien Ideen gefragt, die auch vom Berufsstand der Landwirte selbst kommen müssten.

„Es ist schlimm, was passiert ist“, sagt Bernhard Bolkart, Kreisverbandsvorsitzender beim Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverband (BLHV). Er ist jedoch der Meinung, dass die Landwirte mit der Gründung der MEG Baden-Württemberg und MEG Ortenau ein solches Risiko auf sich genommen hatten. Genossenschaften würden vielleicht nicht immer die allerbesten Preise bezahlen, seien jedoch verlässliche Partner.

„Trotz allem ist jetzt Hilfe gefragt. Die Betriebe müssen unterkommen“, so Bolkart. Der Verband sei daher im Gespräch mit Molkereien und biete selbst Beratung und Unterstützung bei Verhandlungen mit Banken an, um finanzielle Engpässe zu überbrücken.

 

MEG Milchland

2013 hatten rund 50 Milchproduzenten ihre Lieferverträge mit der Ravensburger Molkerei Omira gekündigt und sich in der Milcherzeugergemeinschaft (MEG) Milchland Baden-Württemberg zusammengeschlossen, um ihre Milch besser vermarkten und bessere Preise erzielen zu können. Aber längst nicht alle Landwirte machten mit – und die großen Genossenschaften und Molkereien standen dem Vorgang zudem kritisch gegenüber. Die MEG ging in der Folge Lieferverträge mit der Berliner Milcheinfuhrgesellschaft ein, die inzwischen insolvent ist. (jef)