Winfried Kretschmann blickt zu seiner Mitarbeiterin. „Wie viel Zeit habe ich noch?“, fragt der Ministerpräsident. 20 Minuten sind schon noch frei im eng getaktet Kalender. „Dann möchte ich das jetzt genau erklärt haben“, sagt Kretschmann und berührt ganz vorsichtig eines der Solarmodule, das aufrecht vor ihm in die Höhe ragt.

Autofahrer auf der Bundesstraße 27 sehen von der Größe des Solarparks kaum etwas. Auf 14 Hektar wurde auf Aasener Gemarkung eine neue Technologie installiert, die mit senkrechten Modulen die Abend- und Morgensonne einfängt.
Autofahrer auf der Bundesstraße 27 sehen von der Größe des Solarparks kaum etwas. Auf 14 Hektar wurde auf Aasener Gemarkung eine neue Technologie installiert, die mit senkrechten Modulen die Abend- und Morgensonne einfängt. | Bild: Jakober, Stephanie

So etwas gibt es im Ländle nämlich noch gar nicht, Solarmodule, die nicht waagrecht montiert werden, sondern stehen. Und während herkömmliche Photovoltaikanlagen mit ihrer Südausrichtung das Sonnenlicht in der Mittagszeit einfangen, wird hier mit einer Ost-West-Ausrichtung mit zweiseitigen Modulen in den Morgen- und Abendstunden Strom gewonnen. Das Pilotprojekt ist durch Heiko Hildebrandt, Geschäftsführer der Next2Sun, entstanden: „Ich hatte die Idee auf einer Autofahrt vom Saarland nach Freiburg„, erklärt Hildebrandt – und der Ministerpräsident ist begeistert. Nicht nur als Grüner, sondern auch als Landesvater, denn das zeige wieder, welch Tüftler es hier gebe. „Solche Leute braucht das Land“, sagt Winfried Kretschmann und ist gerade zu euphorisch.

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Denn mit der neuartigen Technologie ist eines möglich: Wo sonst Landwirtschaft und Solaranlagen gegeneinander um Flächen konkurrierten, ist es möglich, beides gleichzeitig zu realisieren. Die Module sind so aufgestellt, dass auch locker mit großen Traktoren zwischen ihnen hindurch gefahren werden kann und so Grünfutter für Tier gewonnen werden kann. Bei der Versuchsanlage im Saarland wurden bereits die Zahlen unter die Lupe genommen: „Wir hatten dort 77 Prozent mehr Heuertrag“, erklärt Heiko Hildebrandt. Die Begründung: Es sei ein trockenes Jahr gewesen und die Anlage habe den Wind abgehalten und so das Austrocknen des Bodens verhindert.

„Diese Technologie ist eine hochinnovative Lösung für eine der zentralen Probleme der Photovoltaikanlagen.“
Winfried Kretschmann

„Was hier passiert, das ist weltbewegend“, sagt Kretschmann und spricht von Pioniergeist. Denn in einem dichtbesiedelten Land wie Baden-Württemberg gebe es nur theoretisch ausreichend Flächen. Viele Projekte im Bezug würden scheitern, sei es nun aus Trägheit, Bürokratie oder eben weil es verschiedene Nutzungsinteressen gebe. „Diese Technologie ist eine hochinnovative Lösung für eine der zentralen Probleme der Photovoltaikanlagen.“

Sie feiern die neue Technologie (von links): Sascha Krause-Tünker, Gunter Erfurt, Heiko Hildebrandt, Winfried Kretschmann, Horst Hall, Erik Pauly und Radovan Kopecek.
Sie feiern die neue Technologie (von links): Sascha Krause-Tünker, Gunter Erfurt, Heiko Hildebrandt, Winfried Kretschmann, Horst Hall, Erik Pauly und Radovan Kopecek. | Bild: Jakober, Stephanie

Das Start-up Next2Sun stelle die Solarenergie im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf und vollziehe mit der senkrechten Lage, der Ausrichtung und der Beidseitigkeit gleich drei Paradigmenwechsel. Nicht umsonst sei das Unternehmen mit dem deutschen Solarpreis ausgezeichnet worden. Und damit treffe das Unternehmen die persönliche Ministerpräsidenten-Philosophie: „Nur wenn wir es schaffen, Ökologie und Ökonomie erfolgreich zu vereinen, dann werden wir den globalen Klimawandel eindämmen können.“

Da ist auch der Oberbürgermeister ziemlich stolz

„Es ist phänomenal, was alles in diesem einfachen Projekt steckt“, sagt Erik Pauly. Es könnte nicht nur Landwirtschaft und Stromgewinnung auf einer Fläche existieren: „Unter den Solarmodulen können auch Blühstreifen angelegt werden und so kann ein Beitrag zur Artenvielfalt geleistet werden.“

Der Start war allerdings etwas holprig

Doch eines ist auch klar: Ohne den Ortschaftsrat Aasen wäre es schwer geworden. Und dort gab es am Anfang doch einige Vorbehalte: „Bei so einem Projekt kommt ein Dorfparlament schnell mal an seine Grenzen“, sagt Ortsvorsteher Horst Hall. Viele Fragen habe man sich gestellt. „Doch heute können wir sagen, es war die richtige Entscheidung und Aasen erzeugt mehr Energie, als es benötigt.“

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