Mach's mal mit Oskar

Sie kurvt zwar auf ihrem Einrad zum dritten Mal über den Bräunlinger Asphalt, aber heute ist etwas neu: Denn der zehn Monate alte Oskar, erlebte beim Papa auf dem Schoß den Auftritt von Maria, der Gauklertochter, von der Seite her mit. Mit ihrem Mix aus Jongelage, Reimen und Musik bezaubert die Stuttgarterin ihr Publikum, für das sie ein dickes Lob bereit hält: Bräunlingen ist etwas besonderes, denn es sei selten, dass sich um ihre Aufführung herum so schnell ein Kreis begeisterter Menschen bilde. „Die haben richtig Lust.“ Und Maria Scheib kann das beurteilen. Seit fünf Jahren ist sie hauptberuflich Gauklerin mit Engagements und Auftritten im Wochenrhythmus. Jetzt ist das weniger geworden. Nun ja, Oskar lächelt auch einfach hinreißend.

Wie am Wühltisch

Kennen Sie Crocodile Dundee? Nein, nicht den schrulligen Krokodilfänger aus dem Kino. Crocodile Dundee ist ein angesagter Herrenhut. Er sei vorne in Richtung Stirn und hinten Richtung Nacken verlängert, erklärt Thomas Gonzer den Unterschied. Seit über 20 Jahren kommt der Händler aus Freudenstadt nach Bräunlingen. Ein hartes Geschäft sei es, Hüte auf die Köpfe zu bringen. „Man muss schon viel beraten“, weiß er. Auch mal gegen Kunden-Flausen. Wie ernsthaft der Kaufwunsch ist, kann er übrigens dem ersten Handgriff entnehmen. Wer sich am sorgfältig eingerichteten Stand nur einen Spaß machen möchte, langt zu wie beim Wühltisch beim Discounter. Andere nehmen die Kopfbedeckungen fast andächtig auf. Sie sind aber in der Minderzahl.

Schauen und probieren: Das kann man bei diesem Stand, der Sommerhüte verkauft, ausgiebig.
Schauen und probieren: Das kann man bei diesem Stand, der Sommerhüte verkauft, ausgiebig. | Bild: Wursthorn, Jens

Der Magier hat Charakter

Sein kleiner Stand ist stets umringt: vorne die Kinder, dahinter die Erwachsenen. Denn seine Ware ist filigran, bunt und wendig. Benno Benneter lässt seine Holzkreisel tanzen. Der Waldarbeiter aus Boll bei Bonndorf bietet, bemalt oder unbemalt, die „Früchte“ seines Winterhobbys feil. An seiner Drechselbank aus Gußeisen drechselt er in der kalten Jahreszeit aus vorwiegend einheimischen Holzsorten Kreisel unterschiedlicher Größe. „Schauen Sie auf den Magier“, sagt er: Den Kreisel aus dem Holz der Mehlbeere umschließen drei Ringe. Dreht sich der Magier perfekt, wandern sie am Mittenstab nach oben. Das klappt nicht immer. Jetzt schon. Groß und Klein probiert es, Kreisel in ihre Bahn zu schnippen. Oft haben die Großeltern die bessere Feinmotorik als ihre Enkel, schmunzelt der Kreisel-Drechsler.

Ein Auftritt jagt den anderen und das Publikum steht und sitzt begeistert mittendrin. Der Straßenmusiksonntag in Bräunlingen setzt wieder einmal einen Glanzpunkt.
Ein Auftritt jagt den anderen und das Publikum steht und sitzt begeistert mittendrin. Der Straßenmusiksonntag in Bräunlingen setzt wieder einmal einen Glanzpunkt. | Bild: Jens Wurshorn

Lotto-Glück für Micha Bächle

Neben der Lotto-Bühne an den Brändbach-Terrassen gibt es die Möglichkeit, sich an dem Glücksspiel zu versuchen. An einer Wand sind 49 kleine Holzkästen aufgebaut, aus denen es gilt, die sechs Richtigen zu wählen. Mit etwas Glück, winkt auch ein entsprechender Preis. Zwar keine Million, aber auch Kleinvieh macht Mist. Bürgermeister Micha Bächle scheint dabei ein gutes Händchen zu haben. Nicht jedes Kästchen beinhaltet auch einen Preis. Die Nummern des Bräunlinger Bürgermeisters sind jedoch alle ein Erfolg: ein paar Kugelschreiber hier, ein paar Gummibärchen da, und schließlich auch eine hübsche Sonnenbrille. Wenn er jetzt die Millionen gewinnt, „dann ist der Stadthaushalt gerettet“, scherzt Bächle.

Der Straßenmusiksonntag mal aus einer anderen Perspektive: Mit Blick auf den Keklnhofplatz und die Zunftstube der Bräunlinger Narren.
Der Straßenmusiksonntag mal aus einer anderen Perspektive: Mit Blick auf den Keklnhofplatz und die Zunftstube der Bräunlinger Narren. | Bild: Roger Müller

Teller fliegen ins Publikum

Der Straßenmusiksonntag beginnt am Samstagabend mit den Kleinkunstpreisträgern Gogol und Mäx. Trotz sinkender Temperaturen und vereinzelten Regenschauern locken sie die Besucher zahlreich zu sich an die Hauptbühne vor dem Bräunlinger Rathaus. Nicht ohne Grund: Sie sind einfach gut und ziehen das Publikum immer weiter in ihren Bann. Gogol, der strenge Konzertmusiker, und der gutmütig-schusselige Mäx konkurrieren um die musikalische Vorherrschaft. Plötzlich taucht ein Teller auf der Bühne auf, der beinahe zu Bruch geht. Kurze Zeit später zieht Mäx stapelweise neues Porzellan aus einer Kiste, er schwankt, stolpert, wirft sie zu Gogol. Es geht hin und her, und plötzlich: Fliegen die Teller durch die Luft in Richtung des Publikums. Ein Aufschrei. Verletzte? Nein. Aufatmen. Es sind lediglich Papierteller, der Effekt dafür ein sehr realer.

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Von wegen konservativ

Schaut ein Besucher auf den Auftrittsplan der verschiedenen Künstler in den Bräunlinger Straßen und Gassen, dann geht er womöglich davon aus, dass eine Stadtmusik ein ganz klassisches Programm bietet. Verschiedene Musikstücke, eine Polka, ein paar Märsche. Wie man es von vielen Konzerten eben kennt. Die Gäste aus Bräunlingens Partnerstadt Bannewitz belehren die Besucher da jedoch eines Besseren. Sie sorgen in der Dekan-Metz-Straße für Unterhaltung. Und da kann es schon mal Musik geben, die sehr psychedelisch klingt, ein Free-Jazz nach Bannewitzer Art, mit Violine, Trompete, Schlagzeug und Essstäbchen, dass sie Saiten der Gitarre zum Klingen bringt. Frisch und herrlich anders.

Ein Lied für das Festival

Lieder werden am Sonntag in der Innenstadt viele gesungen, von Gauklern, Musikanten, Blues-Gitarristen, Liedermachern. Aber die meisten davon handeln von irgendwelchen Begebenheiten, die die jeweiligen Künstler erlebt haben und von denen sie dem Publikum in Bräunlingen berichten. Nicht so Walter Scheuble aus Aasen, besser bekannt als Dä Barde vu dä Baar. Er hat dieses Jahr ein ganz eigenes Lied für den Straßenmusiksonntag gedichtet. Beim offiziellen Empfang zum Festauftakt am Samstagabend sorgt er damit im Rathaus für Stimmung. Und der ganze Ratssaal singt mit: „Z’Briilingä isch Suntig, dä letzte im Auguscht, jeder packt siin Krempel, de Musikant die Luscht. Klänge und Gerüche fülled iisri Luft, heut könnt ihr sie genießen, morge ischs verpufft.“

Die Fraktionen tanzen mit

Die Gäste aus Bannewitz sind regelmäßiger Gast in Bräunlingen und sie hinterlassen jedes Mal aufs Neue ordentlich Eindruck. So auch 2018. Beim Empfang im Rathaus sorgen sie für den musikalischen Rahmen. Da wird dann der Schneewalzer benutzt, um daraus ein Stimmungslied für den Straßenmusiksonntag zu machen. Zur Melodie von „Kommt ein Vogel geflogen“ soll ein weiteres folgen. Dazu fordert Elisabeth Scholz vom Bannewitzer Musikverein Vertreter der Gemeinderatsfraktionen auf, nach vorne zu kommen. Es findet sich auch je ein Stellvertreter, nur von der SPD ist niemand da. Gut, dass die Stadtmusik Murten auch dabei ist, aus ihren Reihen findet sich rasch eine Vertreterin für die Sozialdemokraten, stilecht, im roten Hemd.

Die Stadtmusik Murten ist mit vollem Einsatz dabei. Sie sind 2018 erstmals beim Bräunlinger Straßenmusiksonntag.
Die Stadtmusik Murten ist mit vollem Einsatz dabei. Sie sind 2018 erstmals beim Bräunlinger Straßenmusiksonntag. | Bild: Roland Sigwart

Geschenk für Jürgen Guse

Elisabeth Scholz vom Bannewitzer Musikverein freut sich, dass auch Alt-Bürgermeister Jürgen Guse immer noch mit Eifer beim großen Festival dabei ist, dort sogar auch auftritt. Da sie bei seiner Verabschiedung nicht mit dabei sein konnte, überreicht sie ihm nachträglich ein Geschenk. „Meistens sind es ja die Frauen, die unter den zum Rentner gewordenen Männern zu leiden haben“, sagt Scholz und zückt ein Buch mit dem Titel „Es ist nur eine Phase“.

Höher geht nicht mehr

Alexander Schroeter ist Stadtrat in der befreundeten Zähringerstadt Murten in der Schweiz. Er bedankt sich, dass dieses Jahr die Stadtmusik erstmals auch in Bräunlingen auftreten kann. Natürlich alles in schönstem Schweizerdeutsch. Das betont Schroeter dann auch: „Das ist eben unser Hochdeutsch. Und höher geht jetzt nicht mehr.“

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