So einen großen Gefahrgut-Einsatz gab es vermutlich bisher noch nie in Stockach, vielleicht auch noch nicht im ganzen Landkreis Konstanz. Dies sagten die Pressesprecher der Feuerwehr Stockach in Zizenhausen, wo am Montagabend gegen 19.15 Uhr der Anhänger eines mit Gefahrgut beladenen Lastwagens auf der Bundesstraße 313 in der Kurve bei Fulminant umgekippt ist.

Bis Mitternacht waren bereits rund 80 Einsatzkräfte mehrerer Feuerwehren aus dem Landkreis Konstanz vor Ort. Nach Mitternacht kam die Werksfeuerwehr von Constellium noch dazu, da zu diesem Zeitpunkt die Nachricht kam, auf die alle lange gewartet hatten: Sie erfuhren, worum es sich bei den Chemikalien handelte und wie sie damit umgehen können.

In Zizenhausen ist am Montagabend ein Unfall mit einem Gefahrguttransport geschehen.
In Zizenhausen ist am Montagabend ein Unfall mit einem Gefahrguttransport geschehen. | Bild: Polizeipräsidium Konstanz

Was passiert ist

Aber von Anfang an: Nach ersten Ermittlungen der Polizei sei der Lastwagen-Anhänger bei der Fahrt durch eine Rechtskurve in Fahrtrichtung Hoppetenzell auf die linke Seite und die Gegenspur umgestürzt. Hierbei sei ein mit zwei Personen besetztes Auto beschädigt sowie ein angrenzendes Firmengebäude leicht in Mitleidenschaft gezogen worden.

Der umgekippte Lastwagen-Anhänger in Zizenhausen.
Der umgekippte Lastwagen-Anhänger in Zizenhausen. | Bild: Löffler, Ramona

Zum Unfallhergang schreibt die Polizei weiter, der Lastwagen sei vermutlich im Verlauf der dortigen S-Kurve mit den Rädern des Anhängers auf den Randstein geraten, was schließlich zum Kippen geführt habe. Es sei niemand zu Schaden gekommen, doch eine Personen sei vorsorglich zur Untersuchung in eine Klinik gebracht worden.

„Neben anderen Stoffen hatte der Lastwagen auch Litium-Ionen Batterien und zwei Behälter mit flüssigen Gefahrstoffen geladen“, teilte die Polizei mit. „Einer der Behälter mit einem flüssigen und ätzenden Gefahrstoff wurde beschädigt.“ Als die Polizei kurz nach 22 Uhr ihren ersten Pressebericht veröffentlichte, war noch nicht klar, worum es sich bei dieser Flüssigkeit handelte.

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Keine Gefahr für die Anwohner

Die Feuerwehr habe den Unfallbereich weiträumig abgesperrt und fortlaufend Messungen gemacht, so die Polizei. Für die Bevölkerung und nahegelegene Anwohner habe keine Gefahr bestanden – dies bestätigten vor Ort auch Fabian Dreher und Tobias Bertsche, beide Pressesprecher der Feuerwehr Stockach, im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Es hätten nur Schutzmaßnahmen für die eigenen Einsatzkräfte ergriffen werden müssen.

Die Drohnengruppe der Feuerwehr verschaffte den Kollegen mit ihren Drohnenbildern und Livevideos den notwendigen Überblick. So sei es zum Beispiel möglich gewesen, anfangs die Lage im Anhänger zu erkunden und mit der Wärmebildkamera die Füllstände der Behälter festzustellen, erklärten Bertsche und Dreher. „Das ist sehr hilfreich“, so Bertsche.

Das Livevideo der Drohne auf einem kleinen Monitor. So konnten die Einsatzkräfte verfolgen, was die Kollegen im Anhänger machten.
Das Livevideo der Drohne auf einem kleinen Monitor. So konnten die Einsatzkräfte verfolgen, was die Kollegen im Anhänger machten. | Bild: Löffler, Ramona

Einsatz bis tief in die Nacht

Mit Stand am Montag um 22 Uhr gab die Polizei an, dass die Maßnahmen zur Bergung noch mehrere Stunden in Anspruch nehmen werden. Vor Ort bestätigte sich, dass der Einsatz bis tief in die Nacht gehen würde. Die Feuerwehr öffnete in Zweier-Teams in voller Schutzmontur und mit Atemschutzgeräten den Anhänger. Es war ein Dekontaminationszelt aufgebaut, da anschließend jeder die komplette Kleidung wechseln und dekontaminiert werden musste.

„Das ist eine sehr kräftezehrende Arbeit“, erläuterte Dreher, der selbst in so einem Zweier-Team unterwegs war. Es sei so anstrengend, dass man nicht nochmal reingehen dürfe. Die Duos seien aufgrund der verfügbaren Luft maximal 20 Minuten im Einsatz und müssten dann abgelöst werden. Man müsse bei so einem Einsatz mit Bedacht vorgehen und bei Gefahrgut eine stabile Lage herstellen, fasste Dreher zusammen.

Ein solcher Gefahrgut-Einsatz sei eine wahre Materialschlacht, sagen die beiden Pressesprecher. Das zeigte sich an der Einsatzstelle nicht nur durch die zahlreichen Feuerwehrfahrzeuge mit Ausrüstung, sondern zum Beispiel auch durch mehrere riesige Säcke, die bereits mit kontaminierter Einsatzkleidung gefüllt waren. Bertsche erklärte, es würde rund eine Woche dauern, bis alle Geräte und Einsatzkleidung wieder gereinigt seien. Und es war während des laufendes Einsatzes nicht klar, ob alle Kleidung wirklich gereinigt werden kann.

Bild: Löffler, Ramona

Verhältnismäßig gute Nachricht im Unglück

Nach Mitternacht erhielt die Feuerwehr über das Transport-Unfall-Informations- und Hilfeleistungssystem (TUIS) die Nachricht, um welche Chemikalien es sich handelte und wie sie damit umgehen können. Das sei wichtig, da unklar gewesen sei, ob die Stoffe miteinander reagieren könnten, falls sie in Kontakt kämen, erläuterte Bertsche.

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Zwar erfuhren die Einsatzkräfte, dass je nach Mischverhältnis Ammoniak entstehen könnte, doch dies sei offenbar noch nicht passiert, da eine solche Reaktion sonst bereits deutlich sichtbar gewesen wäre. Und die den Umständen entsprechend gute Nachricht war, dass die Feuerwehr nicht auf Spezialkräfte von weither warten musste, sondern die Werksfeuerwehr von Constellium die notwendigen Behälter bringen sowie selbst mit ihren Kräften und frischer Ausrüstung den Einsatz unterstützen konnte.

Mit dicken, orangen Spezialanzügen gingen schließlich Zweier-Teams in den Anhänger, um die betreffenden Chemikalien-Behälter freizulegen. Dann konnte diese schließlich in geeignete Kanister oder Container abgepumpt werden.

Bild: Löffler, Ramona

Um 1 Uhr nachts kehrte das erste dieser Teams zum Dekontaminationszelt zurück und das zweite Team startete. Wie lange Einsatz und Straßensperrung noch dauern, konnte die Feuerwehr zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen.

Straßensperrung und die Einsatzkräfte

Zur genauen Schadenshöhe lagen am Abend und in der Nacht noch keine Erkenntnisse vor. Für den Einsatz und die Bergung des Lastwagens sowie der Ladung des Anhängers war die Bundesstraße 313 im Bereich der Unfallstelle ab Einsatzbeginn vollständig gesperrt. Der Verkehr wurde durch entsprechende Absperrungen weiträumig umgeleitet.

Die Einsatzstelle in Zizenhausen
Die Einsatzstelle in Zizenhausen | Bild: Löffler, Ramona

Im Einsatz waren die Abteilungen Kernstadt, Zizenhausen und Hoppetenzell der Feuerwehr Stockach und der Gefahrenstoffzug des Landkreises Konstanz, dem Feuerwehrkräfte aus Singen, Bodman-Ludwigshafen, Konstanz und Rielasingen-Worblingen angehören. Der Kreisbrandmeister war vor Ort, ebenso die Führungsgruppe der Feuerwehr Stockach, der Fachberater Chemie, die Drohnengruppe des Landkreises, das DRK, die Polizei und die Abschleppfirma Moll. Später kam die Werksfeuerwehr von Constellium dazu.

Der Einsatz zog sich bis am Dienstag gegen die Mittagszeit. Der Anhänger wurde gegen 11 Uhr abgeschleppt. Dann kam ein Straßenreinigungsfahrzeug. Erst anschließend konnte der gesperrte Abschnitt der B313 wieder freigegeben werden. Manche Verkehrsteilnehmer versuchten, schon vorher durchzufahren.

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