Einige der heutigen Grünen in Stockach und Umgebung waren schon in den 1980er Jahren aktiv im Umwelt- und Naturschutz. Sie engagierten sich zum Beispiel beim NABU oder BUND. Aus diesen Naturschutzverbänden formierten sich dann auch die Grünen. Doch erst zur Wahl 2004 gab es eine Liste von Bündnis 90/Die Grünen für Stockach – Udo Engelhardt und Hans-Peter Wibbelt schafften den Einzug in den Gemeinderat. Inzwischen sitzen mit Karl-Hermann Rist, Maria Luisa Jessen, Alice Engelhardt, Tobias Feindler und Doris Rath fünf Vertreter der Grünen im Gremium. Im vergangenen Jahr wurde der Ortsverband Raum Stockach gegründet.

Ein Gespräch mit frühen grünen Pionieren zeigt, wie sich der Stellenwert gewandelt hat und was heute die Themen sind.

Karl-Hermann Rist im Jahr 1989
Karl-Hermann Rist im Jahr 1989 | Bild: privat

Was motivierte die Menschen, sich damals für grüne Politik stark zu machen? Karl-Hermann Rist war bereits Mitte der 1980er Jahre ein „Grüner“. Während seines Studiums der Agrarwissenschaft in Hohenheim seien die Grünen in Baden-Württemberg schon sehr aktiv gewesen. Kontakte seien vor allem durch das Thema Biolandwirtschaft entstanden. Neben allgemeinen Umweltthemen ging es ihm auch um den Atomausstieg, das atomare Wettrüsten und natürlich den Super-Gau von Tchernobyl im Jahr 1986.

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Erinnerungen an Aktionen auf eigene Faust

Maria Luisa Jessen kam aus dem Umwelt- und Naturschutz. Sie sagt: „Die Grünen waren gleich eine Gruppierung, die ich unterstützen wollte.“ Deren Ansichten hätten ihr aus dem Herzen gesprochen. Sie war seit den 1980er Jahren Teil der BUND-Gruppe in Bodman-Ludwigshafen, der auch Wilderich Graf von und zu Bodman und Christian Mende, langjähriger Umweltbeauftragter des Landkreises Konstanz, angehörten. Dort habe sich aus diesen Kreisen die Umweltliste gegründet, die zwei Legislaturperioden im dortigen Gemeinderat vertreten war.

„Wir haben damals bei der Alu Stockach Dioxin-Messungen durchgeführt und privat mit Spektrometern Ozonwerte in der Luft gemessen“, erinnert sie sich. Diese Aktionen trugen mit dazu bei, dass Menschen zusammenfanden, die später das Stockacher Umweltzentrum gründeten.

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Udo Engelhardt zog mit seiner Familie 1989 nach Zizenhausen. Als Grünen-Mitglied habe er sich direkt informiert, ob er hier Anschluss finden könne. „Es gab die ÜLB (Überparteiliche Liste für unsere Bürger), einen bunten Haufen mit Mitgliedern aus BUND und NABU, aber keine ausgesprochenen Grünen“, schildert er.

Udo Engelhardt in den 1980er Jahren
Udo Engelhardt in den 1980er Jahren | Bild: privat

Kreistag war ein wichtiger Ort für grüne Themen

Eine wichtige Impulsgeberin für die Gründung eines Ortsvereins war Wiltrud Baumeister, damals Leiterin der Sernatingenschule in Ludwigshafen und Kreisvorsitzende des BUND. Sie erzählt: „Ich war nicht bei den Grünen der Stadt Stockach. Ich war Gemeinderätin der Umweltliste in Bodman-Ludwigshafen. Allerdings wurde ich – eine kleine Sensation für den ländlich-konservativen Wahlkreis Stockach – 1994 in den Kreistag gewählt. Neben mir vertraten nur Graf Bodman und die Bürgermeister von Stockach, Orsingen-Nenzingen, Bodman-Ludwigshafen, Mühlingen-Zoznegg den Wahlkreis (alle CDU oder Freie Wähler). Insgesamt wurde ich dreimal in den Kreistag gewählt.“ Baumeister war auch Mitglied im Landesvorstand der Grünen.

„Man hat hier nicht viel von Grün erwartet“

Selbst vor weniger als 20 Jahren war es aber nicht ganz leicht als grüner Politiker, wie Udo Engelhardt erklärt: „Über die Satzung des Kreisverbands und mit dessen finanzieller Unterstützung konnten wir als Ortsverein 2004 erstmals eine Liste für die Wahl aufstellen. Wiltrud Baumeister und Johann „Hans“ Resch waren die ersten Sprecher, traten aber bald zurück.“ Daraufhin sei er Anfang 2005 kommissarisch als Sprecher aufgetreten. Maria Luisa Jessen schildert: „Die Grünen waren damals politisch kaum etabliert. Man hat hier nicht viel von Grün erwartet, das kam speziell aus Wahlwies.“

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Jeder hatte einen Themen-Schwerpunkt

Das Verhältnis der bekannten Volksparteien zu den jungen Grünen war zunächst schwierig. „Wir haben gemerkt, dass wir mit unseren Themen oft allein dastanden. Wir sind aber an unseren Aufgaben gewachsen und unsere Haltung, dass man einen gemeinsamen Nenner gesucht hat, hat dazu beigetragen, dass die Akzeptanz von den Grünen im Gemeinderat sehr stark gewachsen ist“, erklärt Karl-Hermann Rist. Er erzählt, dass Hans-Peter Wibbelt sich damals für Mobilität und besonders den Ausbau von Radwegen einsetzte, während Udo Engelhardt stark auf den sozialen Aspekt setzte.

Ansonsten ging es darum, klassische grüne Themen für Stockach ins Bewusstsein zu rücken. „Begrünungen und Pflanzenschutz wurde damals wenig Bedeutung beigemessen“, sagt Maria Luisa Jessen und erinnert an Abholzungsaktionen entlang der Aach. Die Grünen hätten sich für das Pflanzen von Bäumen an Straßen eingesetzt und auch Kontakt mit dem Bauhof aufgenommen. „Wir wollten, dass Dinge, die möglich sind, auch gemacht werden“, bekräftigt sie. Bei Oswald Stetter, dem Leiter der Technischen Dienste, seien diese Anregungen zum Glück auf fruchtbaren Boden gefallen.

Welche Themen es gab – und wie diese umgesetzt wurden

Auch den Umgang mit Müll, die Entstehung des Wertstoffhofs, die allmähliche Umstellung der Straßenbeleuchtung auf insektenfreundliches Licht und Klärung der Frage, ob die Lampen die ganze Nacht brennen müssen, nennt Jessen als Themen. Es seien viele Kleinigkeiten gewesen, für die man die übrigen Gemeinderäte habe sensibilisieren können. Viele Themen seien in Stockach diskutiert worden, konnten aber nicht hier entschieden werden. „Da war die Kombination mit Udo Engelhardt im Kreistag wichtig, er konnte die Themen dorthin weitertragen“, sagt Rist.

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Heute sieht er die Grünen in Stockach auf Augenhöhe mit den anderen Fraktionen. In den vergangenen Jahren sei auch der Einfluss auf Bebauungspläne gewachsen. Rist und Jessen begrüßen das: „Schön, dass so vieles Eingang gefunden hat.“

Mobilität und regionale Versorgung bleiben wichtige Themen

Mobilität bleibe jedoch ein Riesenthema, sie wollen den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs auch im Hinterland und eine Verlängerung der Ablachtalbahn, um Individualverkehr zu reduzieren und einem Ausbluten des Hinterlands entgegenzuwirken. Auch bei der Gestaltung von Gewerbegebieten und Bebauungsplänen müsse man innovativer werden. Ebenso solle die regionale Versorgung mit Nahrungsmitteln verstärkt werden.

Und die Bundespolitik?

Mit einem Blick auf die Bundespolitik sagen Rist und Jessen übereinstimmend: „Wenn die Grünen in die Regierungsverantwortung kommen und herausgefordert werden, ist es wichtig, dass sie sich beweisen und an ihren Taten messen lassen.“ Maria Luisa Jessen ergänzt: „Schwarz-Grün wäre immerhin ein Schritt voran – nur gemeinsam kommen wir weiter.“

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