Wer gerne in der Natur unterwegs ist, weiß eine schöne Landschaft zu schätzen. Und dazu gehören in unserer Kulturlandschaft auch Flächen, die ihr Gesicht durch Tiere bekommen haben. Wenn man Schafe und Ziegen auf eine Wiese lässt, kommt am Ende zwar kein englischer Rasen heraus. Doch die Tiere haben andere Eigenschaften, die sie mitunter zu begehrten Rasenmähern machen.

Beweidung gibt es in vielen Zusammenhängen, zum Beispiel bei Freiland-Solaranlagen, auf denen die Tiere das Gras unter den Paneelen kurzhalten. Besonders interessant ist sie für den Naturschutz. Drei Flächen rund um Stockach gehören dazu, dort sind seit 2018 Schafe und Ziegen im Einsatz. Die Beweidungsprojekte gehören zum Biotopverbund Offenland, für den der BUND Baden-Württemberg Stockach und Nürtingen als Modellkommunen ausgesucht hat. Die drei Stockacher Weideflächen liegen bei den Orten Raithaslach und Hoppetenzell.

Florian Riegel und Sabine Reiter pflegen die Landschaft mit ihren Tieren. Auf diesen Hang bei Raithaslach bringt Riegel ab April Schafe und Ziegen.
Florian Riegel und Sabine Reiter pflegen die Landschaft mit ihren Tieren. Auf diesen Hang bei Raithaslach bringt Riegel ab April Schafe und Ziegen. | Bild: Freißmann, Stephan

Zwei Landwirte berichten von ihren Erfahrungen

Florian Riegel und Sabine Reiter sind die beiden Landwirte, die Tiere dort weiden lassen. Beide arbeiten nach biologischen Gesichtspunkten, und beiden liegen, das hört man im Gespräch heraus, alte und robuste Haustierrassen am Herzen. Riegel treibt seine Tiere mehrmals im Jahr auf die Weide bei Raithaslach. Für ihn sei die Landwirtschaft eine Leidenschaft und ein Ausgleich zur Büroarbeit, die er im elterlichen Geschäft, dem Bioweinhandel Riegel mit Sitz in Orsingen, erledigt.

Dieses "überdimensionierte Hobby" heißt Hof Steinegg, liegt bei Eigeltingen und umfasst etwa 120 Schafe, 40 Ziegen, fünf Kühe und Geflügel. Geld verdiene er mit der Landschaftspflege nicht, diese decke eher die Kosten. Deshalb wolle er auch, dass die Tiere gut geschützt sind und beispielsweise ein fester Zaun die Herden vor jagenden Hunden schützt. Wie Riegel betreibt auch Sabine Reiter die Landwirtschaft im Nebenerwerb. Ihr Hauptgeschäft sind dabei die robusten Aubrac-Rinder, die auch auf einer ihrer Naturschutz-Flächen weiden dürfen. Für die Landschaftspflege kommen aber auch bei ihr eher Ziegen und Schafe zum Einsatz.

"Viele Pflanzen können sich ansiedeln, die für die Biodiversität wichtig sind." Oswald Stetter, Leiter der technischen Dienste der Stadt Stockach
"Viele Pflanzen können sich ansiedeln, die für die Biodiversität wichtig sind." Oswald Stetter, Leiter der technischen Dienste der Stadt Stockach | Bild: Eric Isselée

Damit ein Beweidungsprojekt gelingen kann, brauche es einige Vorbereitung, sagen Oswald Stetter und Harald Schweikl von der Stockacher Stadtverwaltung. So seien die Flächen, die jetzt zum Biotopverbund gehören, größtenteils mit Gehölzen zugewachsen gewesen, erklärt Schweikl, der zum Stadtbauamt gehört und bei der Stadtverwaltung den Biotopverbund betreut. Man habe eine Waldumwandlung beantragen müssen, ehe die Gehölze entfernt werden und die Tiere auf die Weide konnten. Und Stetter, Leiter der technischen Dienste der Stadt, sagt, dass Wasser für die Tiere und Strom für den Weidezaun da sein müsse.

Alte Kulturlandschaft wird wieder hergestellt

Und warum das Ganze? Um das zu erklären, blickt Tilo Herbster vom Landschaftserhaltungsverband des Landkreises Konstanz in die Geschichte. Vor etwa 400 Jahren hätten Menschen mehr Tiere gezüchtet und diese dafür in den Stall gestellt. Um genügend Futter für den wachsenden Fleischbedarf zu produzieren, habe man Wiesen mähen müssen.

„Wir leiten praktisch absichtlich in die Wege, dass die Weiden wieder aussehen wie früher.“ Tilo Herbster, Landschaftserhaltungsverband Kreis Konstanz
„Wir leiten praktisch absichtlich in die Wege, dass die Weiden wieder aussehen wie früher.“ Tilo Herbster, Landschaftserhaltungsverband Kreis Konstanz | Bild: Tesche, Sabine

Durch diese intensivere Tierhaltung ging die Beweidung von Flächen zurück. Magere Grundstücke, möglicherweise auch noch in schwierigem Gelände, wurden nicht mehr bewirtschaftet und Gehölze siedelten sich an. Dadurch ging ein artenreicher Lebensraum, in der Naturschutzpraxis als Magerrasen bekannt, verloren. "Wir leiten praktisch absichtlich in die Wege, dass die Weiden wieder aussehen wie früher", sagt Herbster.

"Der Wald ist nicht grundsätzlich schlecht, aber es gingen viele Arten verloren, die Wärme und Licht lieben", erklärt Harald Schweikl. Durch die Tiere wird der Bewuchs klein gehalten. Vor allem Ziegen lieben Gehölze und verhindern neue Bewaldung. "Viele Pflanzen können sich ansiedeln, die für die Biodiversität wichtig sind", so Oswald Stetter, etwa für Insekten. Und durch die Tritte der Tiere bekomme der Boden eine Struktur, die beim Mähen nicht entsteht, sagt der Biologe Jochen Kübler vom Überlinger Büro 365 Grad, das den Biotopverbund vor Ort begleitet. "Für den Artenreichtum ist es ganz klar ein Gewinn", sagt er.

„Der Wald ist nicht grundsätzlich schlecht, aber es gingen viele Arten verloren.“ Harald Schweikl, Stadtbauamt Stockach, über Verbuschung
„Der Wald ist nicht grundsätzlich schlecht, aber es gingen viele Arten verloren.“ Harald Schweikl, Stadtbauamt Stockach, über Verbuschung | Bild: Schneider, Anna-Maria

Die Stadt bekommt für einige der Projekte auch Ökopunkte

Neben dem Naturschutz hat die Stadt noch etwas anderes davon. Die tierischen Rasenmäher sind gewissermaßen eine vorgezogene Ausgleichsmaßnahme, etwa für Bauprojekte. Denn wann immer etwa ein Baugebiet ausgewiesen wird, muss dieser Eingriff in die Natur ausgeglichen werden. Durch ein Ökopunkte-Konto geht das auch auf Vorrat. Naturschutzprojekte zahlen auf das Ökopunkte-Konto ein. Werden Bauprojekte geplant, entnimmt man die Punkte wieder.

„Der Naturschutzmaßnahme steht an anderer Stelle ein Eingriff gegenüber.“ Nadja Horic, BUND, über Ökopunkte-Konten
„Der Naturschutzmaßnahme steht an anderer Stelle ein Eingriff gegenüber.“ Nadja Horic, BUND, über Ökopunkte-Konten | Bild: Becker, Georg

Aus der idealistischen Perspektive sei diese Vorgehensweise zwar nicht wünschenswert, sagt Nadja Horic, die den Biotopverbund Offenland für den BUND betreut. "Der Naturschutzmaßnahme steht an anderer Stelle ein Eingriff gegenüber. Es gibt also keinen Nettogewinn für den Naturschutz." Das Ökopunkte-Konto sei aber ein gutes Argument, um Kommunen für ein Naturschutzprojekt zu gewinnen, so Horic. Und sie erklärt, dass der Biotopverbund Offenland nun gezielt Flächen für gefährdete Arten miteinander vernetzen soll. Das sei dann kein Flächengewinn, aber qualitativ für den Naturschutz besser – auch dank tierischer Rasenmäher.

An diesen Stellen im Landkreis Konstanz sind Tiere dafür da, die Landschaft zu pflegen.
An diesen Stellen im Landkreis Konstanz sind Tiere dafür da, die Landschaft zu pflegen. | Bild: Schönlein, Ute

Der Landschaftserhaltungsverband: Wo Tiere für den Naturschutz weiden

  • Landschaftserhaltungsverband: Der LEV soll Lebensräume und Landschaft schützen. Ein Teil der Aufgaben ist, die Natura 2000-Schutzgebiete zu managen. Der Verein koordiniert die Beweidung aus Naturschutzgründen. Die einzelnen Flächen seien zwischen 0,2 und 60 Hektar groß (siehe Grafik rechts), sagt Tilo Herbster, ausgebildeter Förster und Geschäftsführer des LEV Kreis Konstanz. Der LEV ist als Verein organisiert. Seine Arbeit wird laut Herbster zu zwei Dritteln vom Land Baden-Württemberg und zu einem Drittel vom Kreis finanziert, dazu aus ein paar Mitgliedsbeiträgen.
  • Prominente Beispiele: Die Beweidung des Singener Hausbergs Hohentwiel mit Schafen bezeichnet Herbster als „sehr markant“. Tätig ist dort die Domäne Hohentwiel. Rund um den Mindelsee beim Radolfzeller Ortsteil Markelfingen liegen viele Naturschutzflächen. Im östlichen Mindelseegebiet werde die Landschaft durch Ziegen gepflegt, so Herbster. Im westlichen Mindelseegebiet gebe es seit 30 bis 40 Jahren Schafbeweidung. Das Naturschutzgebiet Schanderied im Dreieck zwischen Bodman, Stahringen und Wahlwies wird laut Herbster ebenfalls mit Tieren gepflegt. In diesem Fall dürfen Rinder auf der Fläche weiden. Und im Dingelsdorfer Ried dürfen Hinterwälder Rinder ran, so der Fachmann.