Schaffung von Wohnraum, Naturschutz, Freiflächen für Anlieger – der Konflikt um eine Wiese in Espasingen berührt Themen, die über den Einzelfall hinausweisen. Und der Streit geht weiter. Während Stadtverwaltung und Gemeinderat an der Aufstellung eines Bebauungsplans im beschleunigten Verfahren festhalten, wehrt sich Anlieger Peter Riegel dagegen und hält Einwände, die er bereits im Winter vorgebracht hat, aufrecht. Was war geschehen?

Das Gebiet, das unter dem Namen Schlosswiese firmiert, schließt sich hinter dem Gelände der früheren Brauerei in Espasingen entlang der Stockacher Aach an. Die Schlosswiese soll als ein Element des Brauereiareals in Espasingen entwickelt werden. Dazu gehören ansonsten die frühere Brauerei an der Ortsdurchfahrt, die ursprünglich als Schloss errichtet wurde, ein an der Ortsdurchfahrt anschließendes Grundstück, das als Schlosshöfe bezeichnet wird, und eben die Schlosswiese. Die eigentliche Brauerei hat der Vorbesitzer, das gräfliche Haus Bodman, im Februar an das Immobilienunternehmen Gnädinger und Mayer aus Radolfzell verkauft. Die anderen Flächen gehören weiterhin dem gräflichen Haus.

Auf der Schlosswiese sollen neun Einfamilienhäuser und ein Mehrfamilienhaus mit sieben Wohnungen entstehen. Ein Bebauungsplan soll das Vorhaben regeln. Und genau gegen diesen Plan wehrt sich nun Riegel, der auch als Bioweinhändler mit Unternehmenssitz in Orsingen bekannt ist. Gegen eine Bebauung spreche für ihn, dass das Gelände früher ein Sumpf gewesen sei, dass darauf regelmäßig Wasser stehe und dass dort einige geschützte Arten gefunden worden seien. Und er wendet sich gegen die Aufstellung des Bebauungsplans im beschleunigten Verfahren (siehe Text unten), das weniger detaillierte Umweltprüfungen mit sich bringe als das Regelverfahren.

Diese Einwände hatte er schon im Winter vorgebracht, woraufhin am Bebauungsplan einige Änderungen vorgenommen wurden. Im Grundsatz hielten Stadtverwaltung und Gemeinderat allerdings daran fest, auch am beschleunigten Verfahren. „Das finde ich so sehr nicht in Ordnung, dass ich mir mit 65 Jahren zum ersten Mal einen Anwalt genommen habe“, sagt Riegel auf Anfrage – und dass er darüber nachdenke, juristisch dagegen vorzugehen.

Ist es nicht purer Eigennutz, die Bebauung samt einer Zufahrt dazu hinter dem eigenen Haus verhindern zu wollen? Den Vorwurf höre er durchaus, sagt Riegel. Doch er habe nicht aus Egoismus etwas gegen ein eigentlich uneigennütziges Projekt. Denn in seinen Augen ist die Bebauung der Schlosswiese ein Immobilienprojekt, das Gewinn bringen soll. Widerstand gegen den Bebauungsplan halte er da für legitim. Und es müssten die Regeln richtig angewendet werden – das gelte auch für Bauvorhaben, die er selbst als Unternehmer umsetzt, sagt Riegel. Zudem sei er nicht alleine mit seinem Ärger: „Unsere Nachbarn sind auch stinksauer.“

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Bettina Nocke, die den Bebauungsplan im Auftrag der Stadt erstellt hat, wies in der jüngsten Sitzung des Planungsausschusses Riegels Einwände zurück. Ein Artenschutzgutachten habe es gegeben, laut der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) handele es sich nicht um eine Überschwemmungsfläche und das beschleunigte Verfahren werde sachgerecht angewendet. Den Vorwurf, die Anlieger seien nicht ausreichend informiert worden, kontert sie mit Verweis auf mehrere öffentliche Gremiensitzungen und Informationsveranstaltungen.

Dass die Bebauung der Schlosswiese eine Beeinträchtigung für die Nachbarn sei, sehe man durchaus, sagte sie aber auch. Karl-Hermann Rist (Grüne) sah eine solche vor allem dadurch, dass eine von zwei Zufahrten zu den Bauplätzen direkt neben dem betroffenen Anwesen vorbeiführen würde. Derzeit ist dort ein Feldweg. Mehrere Varianten dazu seien diskutiert worden, sagte Nocke. Riegel gibt zu Protokoll, dass er in der Ausgangsplanung des Hauses Bodman Varianten gesehen habe. Nun habe man sich in seinen Augen für die entschieden, die am wenigsten nachbarfreundlich sei.

Bürgermeister Rainer Stolz hält die Beeinträchtigung durch die Zufahrt für minimal, denn zu jedem Haus auf der Schlosswiese gehöre nur ein Autostellplatz. Nocke führt an, dass die Schlosswiese im Flächennutzungsplan (FNP) schon lange als Wohnbaufläche ausgewiesen sei. Und Stolz ergänzt, dass die Stadt demnächst beim Regierungspräsidium nachweisen müsse, wie viele Flächen auch genutzt wurden – denn es geht um einen neuen FNP, in dem wieder Flächen ausgewiesen werden sollen.

Der Planungsausschuss empfahl am Ende einstimmig, den Bebauungsplan nach dem beschleunigten Verfahren als Satzung zu beschließen. Die Entscheidung trifft der Gemeinderat am Mittwoch, 22. Mai.