Wenn man Milchkuh Rosi ruft, dann muht sie laut und kommt zu einem gelaufen. Auch die anderen Kühe auf der Weide beim Hof der Familie Schönenberger in Windegg bei Stockach, teils mit Kälbchen, schauen auf und sind neugierig. Glückliche Fleckvieh-Kühe sind es, mit Namen, Hörnern und viel Platz zum Herumtollen.

Doch nun widerfuhr dem Hof ein tragischer Schicksalsschlag, durch den seine Existenz auf dem Spiel steht: Rund die Hälfte der Kühe auf dem Hof fiel der Krankheit Botulismus zum Opfer, einer Vergiftung durch das Nervengift Botulinumtoxin, auch unter dem Handelsnamen Botox bekannt.

Gift durch Katzenkadaver entstanden

Das Gift war offenbar durch Reste eines Katzenkadavers entstanden, der in das Silo gelangt war, und hatte die Silage zunächst unbemerkt verunreinigt. So stellt ein Helferkreis, der sich spontan gebildet hat, den Vorgang in einer Pressemeldung dar.

Der Katzenkadaver hatte demnach offenbar schon längere Zeit in dem Feld gelegen – und war dann beim Mähen in das abgemähte Weidegras gelangt. Derartige Zufälle können unter normalen Umständen nicht bemerkt werden.

Hubert Schönenberger inmitten der von ihm gezüchteten Fleckviehkühe
Hubert Schönenberger inmitten der von ihm gezüchteten Fleckviehkühe | Bild: Constanze Wyneken

Nachdem die Tiere von der Silage gefressen hatten, zeigten sie am 24. Juli erste Symptome wie Nahrungs- und Wasserverweigerung und sie konnten nicht mehr aufstehen. Es war schnell klar, dass es sich um etwas Schlimmeres als eine Mangelerscheinung handeln musste, denn bald verendeten die ersten Kühe.

Einige Tiere wurden zum tierhygienischen Institut nach Aulendorf transportiert, wo die unwahrscheinliche und seltene Diagnose gestellt wurde: Botulismus. Die tote Katze müsse bereits vor dem Mähen verendet sein, heißt es in der Mitteilung des Helferkreises.

Das hochwirksame Nervengift entsteht nur unter ganz bestimmten Bedingungen. Sofort nach Bestätigung des Verdachts habe der Hof die Milchproduktion eingestellt, heißt es in der Pressemeldung weiter. Laut Veterinäramt habe nie eine Gefahr für die Bevölkerung bestanden.

Familie an ihren Grenzen

Auf den Vorfall folgten mehrere Wochen, die die Familie sowohl körperlich als auch emotional an ihre Grenze brachten. Denn die Krankheit kann, im günstigsten Fall, auch milde verlaufen und nach drei bis vier Tagen vorbei sein, im ungünstigsten Fall aber zum Tode des erkrankten Tieres führen. Und so kämpften Hubert Schönenberger und seine Frau Ulrike um jedes einzelne Tier, zusammen mit Freunden, Familie, Kollegen und Mitgliedern der Futtergemeinschaft.

Alle sind zur Hilfe herbeigeeilt, wofür Hubert Schönenberger und seine Frau unendlich dankbar sind. „Wir haben nur noch funktioniert“, beschreibt Hubert Schönenberger den Zustand, in dem er und seine Frau in dieser Zeit waren. „Jeder, der schon einmal ein krankes Tier gepflegt hat, weiß, wie viel Zeit, Mühe und Kraft, auch seelische, das in Anspruch nimmt.“ In diesem Fall waren es 29 Tiere, die schwer erkrankt waren und es letzten Endes nicht schafften.

Auch für die Söhne ein Verlust

Als Züchter von Fleckvieh nahm Hubert Schönenberger oft mit besonderen Kühen an Schauen teil. Auch seine zwei Söhne Johannes (9 Jahre) und Jonathan (7) stellten dort manchmal Kälbchen vor, die sie seit deren Geburt kannten, und zu welchen sie intensive Beziehungen hatten. Roxanterry war eines von diesen Kälbchen gewesen, mit dem die Söhne früher geschmust hatten und herumgetollt waren.

Der damals 6-jährige Johannes mit dem Kälbchen Roxanterry bei einer Fleckvieh-Zuchtschau im Jahre 2017. Roxanterry bekam im Juni 2020 ihr erstes eigenes Kälbchen, fiel nun jedoch ebenfalls der Krankheit Botulismus zum Opfer.
Der damals 6-jährige Johannes mit dem Kälbchen Roxanterry bei einer Fleckvieh-Zuchtschau im Jahre 2017. Roxanterry bekam im Juni 2020 ihr erstes eigenes Kälbchen, fiel nun jedoch ebenfalls der Krankheit Botulismus zum Opfer. | Bild: privat

Im Juni dieses Jahres hatte Roxanterry, nunmehr dreijährig, selbst ihr erstes Kälbchen zur Welt gebracht. „Nun ist sie tot“, erzählt Hubert Schönenberger mit Tränen in den Augen und zeigt ein Foto, auf dem der damals sechsjährige Johannes mit dem Kälbchen auf einer Zuchtschau abgebildet ist.

„Auch für die Kinder ist die Erkrankung und der Tod der Tiere ein schwerer Schlag“, sagt Hubert Schönenberger, der hinzufügt, dass er und seine Frau Ulrike ihre Söhne während der schlimmsten Phase nach Bodman zu den Schwiegereltern gebracht hatten, damit diese das Katastrophenszenario nicht live miterleben mussten.

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Der Verlust wird jetzt mit den Kindern aufgearbeitet. „Man braucht viel seelische Stärke, um dies alles zu verkraften“, sagt er. Ulrike Schönenberger brach danach mit einem Bandscheibenvorfall zusammen. Derzeit arbeiten auf dem Hof zwei Nothelfer, sonst geht es nicht.

Finanziell am Limit

Auch finanziell sind Hof und Familie nun am Limit. Fast die Hälfte der ursprünglich 65 wertvollen Zuchtkühe ist gestorben. Das Lebenswerk von Hubert Schönenberger ist zerstört. Die überlebenden Kühe, die auch von der vergifteten Silage gefressen hatten und keine bis geringe Symptome gezeigt hatten, geben derzeit keine Milch mehr. Es sei fraglich, ob sie das je wieder tun werden. Auch besteht die Gefahr, dass derzeit trächtige Kühe durch die Nachwirkung des Gifts ihre Kälbchen verlieren.

Die verunreinigte Silage wurde entsorgt und neues Futter musste beschafft werden. Von Kollegen wurde neues Weidegras eingesät, aber dies muss erst einmal wachsen. Zwar zahle die Tierseuchenkasse einen gewissen Ersatz, doch der Betrag sei minimal, sagt Schönenberger. Maximal 15 000 Euro zahle die Kasse einmalig bei Botulismus. Die Zuchtviehpreise für Milchkühe liegen zwischen 2500 und 3500 Euro. Einzelne Tiere können auch viel teurer sein, wertvolle Bullenmütter kosten teilweise bis zu einem fünfstelligen Betrag. Und ein Hofbetrieb hat viele laufende Kosten. Der Helferkreis bittet daher um Spenden, um Existenz und Hof der Familie zu retten.

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