In der gegenwärtigen Situation wurden überall auf der Welt Konzerte abgesagt oder andernfalls nur stark eingeschränkt durchgeführt. Wie ist Ihre persönliche Erfahrung als Musiker mit der Pandemie?

Sofya Melikian: Die meisten Konzerte wurden abgesagt, andere wurden auf die kommende Saison verschoben. So wie die Dinge sich entwickeln und welche neuen Beschränkungen eingeführt werden, gibt es jedoch keine Garantie für diese zukünftigen Veranstaltungen. Nach sechs Monaten Pause konnte ich am 3. Oktober endlich wieder ein Konzert geben. Die tiefe Freude und das Glück, wieder auf der Bühne zu stehen und den direkten Kontakt zum Publikum zu haben, lässt sich nicht in Worte fassen. Ich habe großen Respekt vor den Organisatoren und Veranstaltern, die trotz aller Schwierigkeiten und Umstände ihre Veranstaltungsreihen und somit den kulturellen Kern unserer Gesellschaft am Leben halten. Ohne diese könnten wir nicht existieren.

Mikayel Hakhnazaryan: Den größten Effekt haben die Absagen selbst. Für Außenstehende scheint es vielleicht nicht so dramatisch, aber man darf nicht vergessen, wie viel Aufwand hinter jedem einzelnen Konzert steckt. Ein Organisationsteam muss sich sorgsam überlegen, was dem Publikum gefallen könnte. Am Veranstaltungsort muss alles reibungslos ablaufen. Die Leute sollen sich wohlfühlen. Selbst der öffentliche Nahverkehr, der Zuhörer und Künstler befördert, muss funktionieren. Wahrscheinlich aber am bedeutendsten sind die unzähligen Stunden, die der Künstler geübt und geprobt hat, um die Musik zum Leben zu bringen! Deshalb ist jede einzelne Absage ein kleines Desaster für alle Beteiligten.

Sehen Sie positive Seiten in dieser erzwungenen Pause?

Melikian: Es ist schwer, einer Situation, deren Auswirkungen auf jeglichen Ebenen dramatisch waren und sind, etwas Positives abzugewinnen. Eine ganze Generation scheint verloren, viele kämpfen ums Überleben. Ich persönlich konnte dadurch jedoch meine Prioritäten neu bewerten und habe gelernt, die Dinge zu akzeptieren, wie sie sind.

Hakhnazaryan: Jede Pause ist positiv. Es ist uns klar, wie irrational unser Lebensstil und dessen Rhythmus ist. So viele Stunden, die ich wartend am Bahnhof oder Flughafen zubringe. Manchmal lege ich 1000 Kilometer zurück um schließlich zwei Stunden zu spielen, hunderte Stunden entfernt von der Familie. Es ist extrem, aber das gegenwärtige Musikerleben erfordert all das. Das war von einem zum anderen Tag plötzlich vorbei, als ob jemand die Notbremse gezogen hätte. Ich selbst hätte mir niemals eine Auszeit genommen. Die Zeit fühlte sich plötzlich viel langsamer an, gab einem die Möglichkeit sich bewusst umzuschauen.

Was denken Sie, wie Corona den Kulturbetrieb, insbesondere Konzerte, beeinflussen wird?

Melikian: Es ist klar, dass die Auswirkungen immens und anhaltend sein werden. Ich denke, die meisten Veranstaltungsorte, ebenso wie Musiker, werden nach neuen Wegen suchen müssen, um Konzerte anbieten zu können. Außerdem wird die Tatsache, dass niemand die nahe Zukunft kennt, Flexibilität von Musikern, Managern sowie Organisatoren verlangen.

Hakhnazaryan: Wir sehen schon jetzt, wie sehr der Kulturbetrieb leidet. Jeder möchte wieder zurück zum ‚Normalzustand‘. Nun wird deutlich, wie verwöhnt wir mit dieser großen Auswahl an kulturellen Veranstaltungen eigentlich waren. Es gab sie überall und zu jeder Zeit. Gerade Europa ist so reich an Kultur. Sie ist ein untrennbarer Teil unseres Lebens. Wir möchten alle zurück zu unserem Lebensnotwendigen, unseren Quellen an Information und Inspiration. Momentan versuchen wir durch diese seltsame Phase bestmöglich zu kommen, aber das ist alles nur vorübergehend!

Wo haben Sie die Ausgangssperre verbracht?

Melikian: Ich war zuhause in Frankreich mit meiner Familie. Darüber bin ich sehr dankbar.

Hakhnazaryan: Auch ich war bei meiner Familie. Ich konnte die Zeit wunderbar mit meinen Kindern verbringen. Glücklicherweise konnten wir nach draußen gehen und das anhaltende fantastische Wetter genießen.

Frau Melikian, in Ihrem letzten Konzert in Singen haben Sie den Fokus auf armenische Musik gelegt. Wie würden Sie ihr Verhältnis zu Ihrem Heimatland beschreiben?

Melikian: Obwohl ich seit mehr als 25 Jahren außerhalb von Armenien lebe, habe ich eine enge Bindung zu meiner Heimat. Ich besuche Armenien regelmäßig und ein wichtiger Teil meiner professionellen Tätigkeit konzentriert sich darauf, die Werke armenischer Komponisten zu präsentieren.

Ende September ist aufgrund des Konflikts mit Aserbaidschan der Kriegszustand in Armenien ausgerufen worden. Der Konflikt um Bergkarabach forderte in den vergangenen Wochen unzählige Tote. Was denken Sie über die neuesten politischen Entwicklungen in Armenien?

Melikian: Wir sind alle zu tiefst beunruhigt darüber, was in Armenien und Arzach geschieht. Gerade jetzt ist es schwer, so weit von meinem Heimatland entfernt zu sein. Wir können nur aus der Ferne die Zerstörung dessen, was unsere Vorfahren in Jahrhunderten geschaffen haben, beobachten. Ich bete dafür, dass dieser Horror so schnell wie möglich endet.

Hakhnazaryan: Das ist ein schwieriges Thema, weil es so emotional für uns Armenier ist. Möglicherweise sogar noch schwieriger für uns, die so weit weg von ihrer Heimat sind. Es ist für jede zurechnungsfähige Person offensichtlich, dass unsere Gegner übelste Verbrechen begehen. Sie brechen internationale Militärgesetze und -vereinbarungen. Es ist nicht notwendig, dabei ins Detail zu gehen. Der Rest der Welt wird einfach ignoriert. Ich bin nicht nur zutiefst beunruhigt über meine Nation, sondern auch über unsere menschlichen Werte, über das verräterische Verhalten von angeblich guten Freunden und Nachbarn. Es ist sehr besorgniserregend, was für eine Welt wir unseren Kindern hinterlassen werden.

Wie ist die Zusammenarbeit zwischen Ihnen entstanden?

Melikian: Mika und ich kennen uns bereits seit wir fünf Jahre alt sind. Wir haben in den letzten Jahren oft in verschiedenen Kontexten zusammengearbeitet. Jedes dieser gemeinsamen Konzerte ist eine Quelle endloser Inspiration, eine tiefe musikalische und menschliche Interaktion.

Hakhnazaryan: Knapp gesagt, unsere Zusammenarbeit basiert auf gegenseitigem Respekt und Bewunderung, auf persönlicher Sympathie, wahrer Freundschaft und vor allem einem gemeinsamen musikalischen Verständnis. Es macht große Freude!

Wieso haben Sie sich für diese Programmauswahl entschieden?

Melikian: Es handelt sich um einige der besten, schönsten und interessantesten Stücke für Cello und Piano. Wir lieben dieses Programm beide und sind sicher, dass das Publikum es ebenfalls genießen wird.

Hakhnazaryan: Die gewählten Werke sind zweifelsfrei Höhepunkte des Klavier- und Cello-Repertoires. Da wäre die bedingungslose Schönheit von Schumann. Wir haben eine absolut revolutionäre Sonate von Debussy, aber auch die Herz erwärmendste Musik aus Russland!

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