Es ist eine Reise in die tiefere Vergangenheit, wenn Erwin Benz (alias Frankie) und Peter Adrian Gäng das Fotoalbum aufschlagen. Die Beiden schwelgen in Erinnerungen und werfen sich dabei gegenseitig die Bälle zu. Es geht um den Abschied des Schnupfvereins vom alten Gasthaus Kreuz.

Vielleicht ist es etwas übertrieben zu behaupten, dass die Schnupfer damals – wie manch anderer Verein – ihre Heimat verloren. Doch die Suche nach einem neuen Stammlokal hatte zumindest für die Schnupfer viele Wechsel zur Folge. Zuerst zog man mit um ins Kreuz-Stüble neben der Tennishalle. Später traf man sich im Petershof oder im Hotel Widerhold. Heute ist die Singener Weinstube das Vereinslokal.

Kreuz gehört zur Tradition

Traditionsbewusst, wie die Schnupfer sind, hingen sie am alten Kreuz, verkörperte es doch ein Stück Alt-Singen. Dort trafen sich ganze Familien. So war auch Peter Adrian Gäng als Kind und Jugendlicher ständig dabei, wenn sein Vater Wolfram als Vorsitzender des Vereins die Seinen um sich scharte.

Für Peter Gäng verbindet sich mit dem Verein auch eine lange Familiengeschichte. Sein Urgroßvater Robert Gäng hatte den Verein 1898 gegründet. Daran erinnern noch heute die Ausgehuniform: Frack und Zylinder bei den Männern sowie große Hüte und weiße Blusen bei den Damen.

Peter Adrian Gäng (rechts) wird 1990 Fähnrich der Schnupfer. Wolfram Gäng (links) übergibt ihm das Amt. In der Mitte verfolgt Erwin Benz das Geschehen.
Peter Adrian Gäng (rechts) wird 1990 Fähnrich der Schnupfer. Wolfram Gäng (links) übergibt ihm das Amt. In der Mitte verfolgt Erwin Benz das Geschehen. | Bild: Benz

„Der Verein war eigentlich ein Treffpunkt von wohlhabenderen Singenern und Geschäftsleuten, die etwas für die Ärmeren in der Stadt tun wollten“, erklärt Peter Gäng. Diese Idee war der Ursprung des Vereins. „Das begann mit Schuh-Spenden für Kommunionkinder und für Konfirmanden, die sich keine Schuhe leisten konnten.“ Später wurden Weihnachtspäckchen für einsame, alte Leute gepackt, Seniorenausflüge organisiert oder Spenden für das Frauenhaus und Arbeitsgeräte für die Haldenwangschule gesammelt.

„Wir sind mit weit über 2000 Mitgliedern vermutlich einer der größten Vereine Singens“, sagt Peter Gäng. Das liege an der niedrigen Aufnahmegebühr, die beliebig aufgestockt werden könne. Ehemalige Oberbürgermeister, Landräte, Abgeordnete, Gemeinderäte: Kaum einer konnte sich der Aufforderung, Mitglied zu werden, entziehen.

Erinnerung an feucht-fröhliche Treffen

Und im Kreuz ging es familiär zu, wenn auch die Männer gerne mal in einem anderen Saal verschwanden, um sich ein Gläschen Stärkeres zu genehmigen. Peter Adrian Gäng kann sich an feucht-fröhliche Treffen erinnern. Und auch Erwin Benz, der nach einem gemeinsam geschauten Kriminalfilm nur noch den Spitznamen Frankie trug.

Vor dem Zweiten Weltkrieg trafen sich die Schnupfer im Hotel Ekkehard. Die alte Fahne hängt links oben. Archivbild.
Vor dem Zweiten Weltkrieg trafen sich die Schnupfer im Hotel Ekkehard. Die alte Fahne hängt links oben. Archivbild. | Bild: Gäng

Der zweite Weltkrieg hatte den Verein zum Erliegen gebracht. Die Neugründung geht auf das Konto von Wolfram Gäng. Der hatte sich mit Freunden im „Pfälzer Hof“ (Ecke Enge-/Scheffelstraße) getroffen und in alten Geschichten geschwelgt. „Aus Freude über die Geburt meiner Schwester Andrea Elisabeth beschloss mein Vater, den sozialen Gedanken des Schnupfvereins wieder aufleben zu lassen“, erzählt Peter Gäng.

Neuauflage der Schnupfer

Die Neuauflage fand sofort Anhänger. Die Schnupfergemeinde wuchs schnell, auch wenn das Tabak-Schnupfen mit den Jahren immer weniger gepflegt wurde. Im Fotoalbum von Erwin Benz sind viele gesellige Anlässe verewigt. Es ging um Gemeinsinn und Freundschaft. Man feierte Fasnacht oder verreiste als Gruppe. Der Treffpunkt war immer das Kreuz, das mittlerweile der Stadt gehörte.

Nachdem der Singener Gemeinderat am 25. November 1986 beschloss, das Gasthaus und den seit Jahren ungenutzten Saal zu renovieren, organisierten die Schnupfer in Festkleidung einen würdigen Abschied vom Wirtepaar Hans und Irmgard Stegmiller. Der Verein bedankte sich für die Gastfreundschaft und zog dann in einer Art Trauermarsch von dannen.

So sah das Gasthaus Kreuz in den 1980er Jahren vor seiner umfassenden Sanierung aus. Hier hat das Ehepaar Stegmiller so manchen Stammgast bewirtet, so auch die Mitglieder des Schnupfervereins.
So sah das Gasthaus Kreuz in den 1980er Jahren vor seiner umfassenden Sanierung aus. Hier hat das Ehepaar Stegmiller so manchen Stammgast bewirtet, so auch die Mitglieder des Schnupfervereins. | Bild: Stadtarchiv
Äußerlich kaum verändert: Der Eingang zum Gasthaus Kreuz wurde versetzt. Und der Gastraum ist modern eingerichtet. Rechts ist zurückversetzt der Eingang zum Veranstaltungssaal der Gems zu sehen.
Äußerlich kaum verändert: Der Eingang zum Gasthaus Kreuz wurde versetzt. Und der Gastraum ist modern eingerichtet. Rechts ist zurückversetzt der Eingang zum Veranstaltungssaal der Gems zu sehen. | Bild: Trautmann, Gudrun

Für das Kreuz begann nach dem Umbau und dem neuen Veranstaltungssaal eine neue Ära. Die Gems (Gemeinschaft ehemaliger Marburger Studenten) zog von Arlen nach Singen um und machte die Gems als soziokulturelles Zentrum durch sein buntes Kulturprogramm weit über Singen hinaus bekannt. #

Lange waren das Gasthaus und der Saal in einer Hand. Mittlerweile sind die Betriebe getrennt. Nach einer erneuten Renovierung hat Sebastian Kopitzki das Gasthaus von der Stadt gepachtet und betreibt ein Restaurant mit ambitionierter Küche. Nebenan bietet die Gems zusammen mit anderen Kulturvereinen ihr Programm an.

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Der Gemeinderatsbeschluss aus dem Jahr 1986, das alte „Kreuz“ umzubauen und auch inhaltlich aufzuwerten, bedeutete für Traditionsvereine wie die Schnupfer zwar einen Verlust; das Singener Kultur- und Gesellschaftsleben erfuhr jedoch mit der Wiedereröffnung des theatertauglichen Saales einen enormen Aufschwung. Für den Umbau des Gasthauses Kreuz, das zu den ältesten in der Stadt gehört, erhielt die Stadt im übrigen auch Zuschüsse des Landes Baden-Württemberg.