Zur Begrüßung auf die Wange küssen, in die Arme nehmen und zusammen sein – das bleibt in der Corona-Pandemie seit über einem Jahr auf der Strecke. Wegen dieser gefühlten Einsamkeit oder weil im Homeoffice mehr Zeit als sonst bleibt, schaffen sich Menschen zunehmend Haustiere an. Eine solche Entwicklung begünstigt Missstände, heißt es von Singener Tierzüchtern und Tierschützern.

Bereits im ersten Lockdown schoss die Nachfrage an Hundewelpen in die Höhe, bestätigt Christine Mayer. Seit 2011 betreibt sie die Leistungszucht der Labradore vom Litzelsee in Singen und erlebt einen nie dagewesenen Boom: Aus den 30 üblichen Anfragen nach Labrador-Welpen seien ungefähr 150 geworden. Auch das Telefon des Singener Tierheims klingelt öfter als sonst. Doch „um einen Hund vermittelt zu bekommen, gehört mehr als nur ein Anruf dazu“, sagt Marion Czajor, Vorsitzende des Tierschutzvereins Singen-Hegau. Es brauche gewisse Voraussetzungen, um ein guter Tierhalter zu sein und es auch nach der Pandemie zu bleiben.

Wichtig ist, dass Besitzer sich ein Tierleben lang kümmern können

Auf 5600 Quadratmeter erstreckt sich das Heim-Gelände mit weitem Auslaufbereich. Aber: „Ein großer Garten ist kein entscheidendes Vermittlungskriterium, um bei uns zu adoptieren“, sagt Stefan Keller, Tierschutzbeauftragter des Singener Tierheims. Eher müssten die Interessenten nachweisen, dass sie für ein Tier ein Leben lang Sorge tragen können – in finanzieller wie sozialer Hinsicht.

Stefan Keller kennt den oft nicht zimperlichen Umgang mit Katz und Hund: Manchmal würde ein Tier angeschafft, dann gehe die Lust daran verloren und es werde ausgesetzt. Kranke Tiere sowieso, denn nicht jeder könne und wolle das Geld für den Tierarzt aufwenden. „Wir vermitteln Tiere als Familienmitglied und nicht als Sache, die man irgendwann los wird“, sagt Vorsitzende Marion Czajor.

Schmusi, so ruft Stefan Keller das Rottweiler-Weibchen namens Susi, ist dem Tierheim überwiesen worden und sucht nun ein Herrchen fürs Leben.
Schmusi, so ruft Stefan Keller das Rottweiler-Weibchen namens Susi, ist dem Tierheim überwiesen worden und sucht nun ein Herrchen fürs Leben. | Bild: Elisa Gorontzy

Als sich die Tierschützer einem Freilaufgehege nähern, schnappt sich Hündin Susi ihren Ball und macht einen Sprung in Richtung Gehege-Tür. „Schmusi“, so ruft Stefan Keller das Rottweiler-Weibchen, wurde dem Tierheim überwiesen.

Es kommt eine Zeit nach Lockdown und Homeoffice

Der Egoismus gegenüber Tieren und der Umgang mit ihnen als Wegwerfware werden durch die Pandemie verstärkt. „Hunde sind überaus soziale Tiere und leiden darunter, wenn ihre Bezugsperson sie verlässt“, sagt Christine Mayer. Gerade in diesen Zeiten der spontanen Hundekäufe appelliert die Züchterin, dass es sich jeder lieber fünf Mal überlegen sollte, ein Tier zu sich zu nehmen. Schließlich gebe es eine Zeit nach dem Lockdown, Homeoffice und den Reisewarnungen. Die Züchterin vermutet einen Ansturm auf Tierheime, sobald Menschen zurück in die Normalität kehren und die Bedürfnisse ihrer Vierbeiner vernachlässigen.

Seit 2011 betreibt Christine Mayer die jagdliche Leistungszucht der Labradore vom Litzelsee in Singen. Herz und Seele ist sie mit ihrer Hündin Nevada.
Seit 2011 betreibt Christine Mayer die jagdliche Leistungszucht der Labradore vom Litzelsee in Singen. Herz und Seele ist sie mit ihrer Hündin Nevada. | Bild: Christine Mayer

Ihren Labradoren reiche zum Beispiel das Spazierengehen allein nicht aus. „Käufer müssen mit dem Hund spielen, arbeiten, das heißt Hundesport betreiben“, sagt die Züchterin. Können diese Bedingungen nicht erfüllt werden, rät sie von der lebhaften Hunderasse ab. Letztendlich stehe das Tierwohl an erster Stelle und nicht die kommerziellen Interessen – anders als bei so manchen Inseraten im Netz.

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Mit steigender Nachfrage gehen auch höhere Preise, gerade für Hundewelpen, einher. Der Markt locke neue Anbieter, viele davon seien dubios. „Man weiß doch gar nicht, was man bekommt“, sagt Christine Mayer. Dagegen unterliegt ihre Zucht im Verband für das deutsche Hundewesen Auflagen, Kontrollen und Vorschriften.

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Online-Anzeigen sind mit Vorsicht zu genießen

Die Tierschützerin Marion Czajor appelliert aus verschiedenen Gründen, den Online-Welpenhandel nicht zu unterstützen: Auf die hohe Nachfrage produzierten Muttertiere im Ausland einen Wurf nach dem anderen. Nach kürzester Zeit würden die Welpen ihrer Mutter entrissen, die prägende Erziehungsphase entfalle. Verängstigt und krank seien die Welpen, wenn sie zusammengepfercht in Kofferräumen das Inland erreichten.

So auch der aus Rumänien stammende Yorkshire-Terrier Idefix. Wochenlang musste der beschlagnahmte Welpe in Quarantäne gehalten und aufgepäppelt werden. „Für das Tier ist es eine Belastung und mühsam für die Pfleger“, sagt Marion Czajor.

Familie Mink hat mit Yorkshire-Terrier Idefix einen neuen Freund gefunden – auf Lebenszeit.
Familie Mink hat mit Yorkshire-Terrier Idefix einen neuen Freund gefunden – auf Lebenszeit. | Bild: Hans-Peter Mink

Dass solche Fälle auch glücklich ausgehen können, zeigt das Beispiel der Familie Mink. Familienvater Hans-Peter tat der Yorkshire-Terrier leid. Unter der Zucht hätte Idefix gesundheitlich leiden müssen, sagt der Hundebesitzer. Er wolle den Welpen für kein Geld der Welt mehr hergeben. Idefix ist nun Teil der Familie Mink, die sich kümmert – auch nach der Pandemie.

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