Im amerikanischen Western wäre jetzt high noon. Es ist 12 Uhr mittags, als Christian Trompeter im roten Hemd das grüne Zeltdach vor der Deutschen Bank in der Singener Fußgängerzone aufbaut. Das Thermometer zeigt 31 Grad. Dicke Schweißperlen stehen dem Sekretär der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) auf der Stirn, als er die Plakate an die Stellwand hängt.

Schwitzen müssen zeitgleich auch die Betriebsräte im Singener Maggi-Werk. Sie haben sich zu einer Sitzung zusammengefunden, um über das weitere Vorgehen bis zum 18. September zu beraten. Dann findet die nächste Verhandlungsrunde statt. Eines ist den Vertretern der Maggi-Beschäftigten klar: Die vom Nestlé-Konzern vorgegebenen zwei Null-Runden bei einer zusätzlichen Arbeitsstunde wollen sie nicht kampflos hinnehmen. Gefordert hatten die Beschäftigten eine Lohnerhöhung von 6 Prozent. "Bei der aktuellen Inflationsrate von 1,8 Prozent wäre ein zweijähriger Verzicht auf Lohnerhöhung ein Minus von 4 Prozent im Geldbeutel der Beschäftigten", rechnet der Betriebsratsvorsitzende des Singener Maggi-Werkes, Alfred Gruber, vor. "Und das nur, um die hungrigen Anteilseigner mit satten Dividenden zu füttern."

Schon viele Opfer gebracht

Schon 2017 seien durch Umstrukturierungen im Singener Maggi-Werk 2 Millionen Euro eingespart worden, berichtet Gruber. "Und im Moment ist bei Maggi in Singen bis 2019 ein immenser Arbeitsplatzabbau von rund 50 Stellen im Gang, während der Nestlé-Konzern satte Gewinne in Höhe von 7,2 Milliarden Schweizer Franken verzeichnet", sagt er. Jetzt wollen sich die Singener Maggi-Beschäftigten und ihre Kollegen in den anderen Maggi-Werken keine weiteren Opfer abringen lassen. Deshalb haben sie sich in der brütenden Mittagshitze mit den NGG-Vertretern in der Singener Fußgängerzone verabredet, um die Öffentlichkeit über die Vorgänge in ihrer Fabrik aufzuklären. Wie schon im Jahr 2004 sammeln sie Unterschriften ein und hoffen auf Solidarität aus Politik und Gesellschaft. Mit Oberbürgermeister Bernd Häusler habe man schon gesprochen. Die Bundestagsabgeordnete Rita Schwarzelühr-Sutter (SPD) habe ihre Teilnahme an einer Betriebsratssitzung am 17. September bei Maggi in Singen zugesagt.

Der Betriebsratsvorsitzende Alfred Gruber (links) und der NGG-Geschäftsführer Claus-Peter Wolf in der Fußgängerzone.
Der Betriebsratsvorsitzende Alfred Gruber (links) und der NGG-Geschäftsführer Claus-Peter Wolf in der Fußgängerzone. | Bild: Tesche, Sabine

Lebensmittelindustrie als Singener Wahrzeichen

Maggi, so sind sowohl die Betriebsräte als auch die Gewerkschafter überzeugt, ist ein Wahrzeichen von Singen. Die Schwächung der Belegschaft sei auch ein Angriff auf die Stadt, sagt der NGG-Geschäftsführer Claus-Peter Wolf. Die Aktion am Mittwochmittag war erst der Anfang. Weitere Aktionen mit den Beschäftigten seien geplant, sagt er und erinnert an den zehntägigen Streik vor 14 Jahren.

Zehn Tage dauerte der Streik der Maggianer im Jahr 2004. Damals zeigte sich die Singener Bevölkerung solidarisch mit den Beschäftigten. Dennoch wurden bei der Einigung im Tarifstreit Stellen und soziale Errungenschaften geopfert. Archiv-Bild: Sabine Tesche
Zehn Tage dauerte der Streik der Maggianer im Jahr 2004. Damals zeigte sich die Singener Bevölkerung solidarisch mit den Beschäftigten. Dennoch wurden bei der Einigung im Tarifstreit Stellen und soziale Errungenschaften geopfert. | Bild: Tesche, Sabine

Die Mitarbeiter dürften nicht für strategische Fehler bestraft werden, ist Alfred Gruber überzeugt. Die Probleme seien hausgemacht. Nachdem der Soßenmarkt eingebrochen sei, habe der Konzern eine Investition von 12 Millionen Euro in Singen gestoppt und statt dessen alte Anlagen aus Lüdinghausen hier aufgebaut. Zuvor habe man die Suppenproduktion verlagert. Die Singener müssten das jetzt ausbaden.