Wenn Singens Bürgermeisterin schon einmal dazu einlädt, mit ihrer Perspektive durch Singen zu laufen, wird das gerne angenommen. Rund 30 Menschen haben sich für die Volkhochschul-Aktion angemeldet. Ihr Weg führt in den nächsten zwei Stunden vom Rathausplatz bis zum Herz-Jesu-Platz. Vorbei an Einrichtungen, mit denen sich die Bürgermeisterin in den vergangenen Jahren besonders beschäftigt hat. Ute Seifried ist für die Fachbereiche 3 und 4 zuständig, also Bildung und Sport sowie Jugend, Soziales, Ordnung.

  • Es beginnt am Rathausplatz: Zweite Etage ganz hinten, hier liegt Ute Seifrieds Büro mit Konferenzbereich. Anfangs habe sie den Raum fast zu groß gefunden, doch inzwischen schätze sie es, weil hier auch Besprechungen möglich sind. Bei der kurzen Begrüßung der VHS-Teilnehmer wird es allerdings doch ein wenig eng. Also nichts wie raus vor das Rathaus. "So eine Stadt braucht Plätze, an denen man sich treffen kann", sagt Seifried, bevor sie die Gruppe weiter führt. Nicht ohne erste Anmerkungen ihrer Gäste: Eine ältere Dame berichtet, dass sie an der Kirche Peter und Paul neulich sonntagabends ein Knöllchen erhalten habe. Ob das sein müsse? "Wir können da keine Ausnahme machen", sagt Seifried freundlich aber bestimmt. Wenig später erklärt sie mit einem Lachen, dass sie auch hin und wieder bei Verkehrssünden ertappt werde. Da gebe es kein Pardon, sondern Gelächter der Kollegen.
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  • Jugend an der Ekkehard-Realschule: Ein sich wandelndes Schulsystem mit Werkreal- und Gemeinschaftsschule beschäftigt Seifried sehr, wie sie sagt. Außerdem investiere die Stadt viel in Schulsozialarbeit, um Konflikte zu lösen und ihnen vorzubeugen. Mit dem Blauen Haus findet sich eines von drei Jugenhäusern in direkter Nachbarschaft, ähnliche Angebote sollen auch in den Ortsteilen entstehen. Dass Schulhöfe teils auch Brennpunkte sind, ist Seifried bewusst. Auch an diesem Nachmittag ist viel los, teils wird es etwas lauter. In Singen fordere das immer wieder eine enge Zusammenarbeit mit der Polizei, sei aber kein Dauerthema.
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  • Senioren am Heinrich-Weber-Platz: "Es sind ja auch einige 'Silver-Ager' unter den Teilnehmern", sagt Seifried zu ihren mehrheitlich grauhaarigen Begleitern auf dem Heinrich-Weber Platz. Die Stadt brauche eigentlich keine weiteren Pflegeheime, sondern die Gemeinden außerhalb. Denn 50 Prozent der Heimbewohner hätten zuvor nicht in Singen gewohnt, dieser Anteil sei sehr hoch. Doch da passiert laut Ute Seifried bereits etwas. Bei der Ärzteversorgung zeichne sich noch keine Besserung ab: "Da muss etwas passieren", sagt die Sozialbürgermeisterin, denn einige Hausärzte könnten niemanden mehr aufnehmen und viele würden in fünf Jahren in Rente gehen. Die Verwaltung denke über ein Ärztehaus nach. Ebenfalls am Heinrich-Weber-Platz findet sich die Tafel – "eine sehr segensreiche Arbeit, aber es tut weh, dass sie überhaupt nötig ist".
Bild: Arndt, Isabelle
  • Ordnung am Bürgerzentrum: Die Zuständigkeit des Ordnungsamts reicht von der Bestuhlung von Lokalitäten in der Innenstadt bis zum Knöllchen für Falschparker. "Das empfinden manche als Gängelei, aber es hat einen ernsten Hintergrund", erklärt die Bürgermeisterin. Um Rettungsgassen frei zu halten, würden die Mitarbeiter auch mal mit dem Meterstab durch die Fußgängerzone laufen. Dabei würden manche gerne mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kommen, wie eine Teilnehmerin sagt, doch mit rund fünf Euro pro Zugticket sei das zu teuer. "Wir sagen auch, dass das anders gehen muss", erwidert Seifried, doch leider sei das ein Landesthema. Was sie laut kaum sagen dürfe: Sie selbst empfinde die Parkplatzsituation in der Stadt als ziemlich luxuriös, wenn sie an ihre bisherigen Wohnorte Karlsruhe und Konstanz denkt.
Bild: Arndt, Isabelle
  • Baustellen in der Hegaustraße: Das alte Zollgebäude auf der einen, das künftige Hospiz auf der anderen Seite und dazu die Cano-Baustelle. In der Hegaustraße tut sich was. Zu Baumaßnahmen könne der Oberbürgermeister (siehe unten) mehr erzählen, Ute Seifried geht es um soziale Baustellen. Das alte Zollgebäude beherberge Projekte wie die Time-Out-School für Schulschwänzer, eine Migrationsberatung, Sprachunterricht für Flüchtlinge sowie die Fachstelle für Kind und Familie. "Singen hat einen sehr hohen Migrationsanteil", sagt Seifried. Aktuell würden viele Menschen aus Italien, Rumänien und Bulgarien nach Singen ziehen. Auch die Fachstelle für Kind und Familie helfe im Alltag, wenn es etwa um Fragen der Kindererziehung geht. "Weil wir es schön finden, dass Nachwuchs in der Stadt ist", sollen Neugeborene künftig mit einem Willkommenspaket begrüßt werden.
Bild: Arndt, Isabelle
  • Wohnen auf dem Herz-Jesu-Platz: Dass auf dem neu gestalteten Marktplatz der Stadt auch Wohnungen Platz finden, habe für Kritik gesorgt, erinnert sich die Bürgermeisterin. Doch die Bauten fassen den Platz optisch ein und schaffen Wohnraum. Bis Mitte der 2020er-Jahre werde Singens Einwohnerzahl auf über 50 000 wachsen. Das sei eine Herausforderung auch bezüglich Kinderbetreuung und Schulen. Geförderter Wohnungsbau richte sich übrigens auch an Familien ohne soziale Probleme. "Auch in Singen gibt es viele Menschen, deren Einkommen für diesen Mietwahnsinn nicht mehr reicht", erklärt Ute Seifried. Einen Berechtigungsschein gebe es bis zu einem Jahreseinkommen von 70.000 Euro. Angesichts solch existenzieller Probleme muss Seifried fast ein wenig schmunzeln, als eine Teilnehmerin den Wunsch nach einem besseren Hallenbad ausspricht: "Ich bete immer, dass es weiter läuft", sagt die Bürgermeisterin zum bestehenden Bad. Denn ein Schwimmbad sei ein großer Kostenfaktor, von denen es bereits viele in der Stadt gebe. So viel Ehrlichkeit quittieren die Teilnehmer abschließend mit Applaus und ermutigenden Worten: "Machen Sie weiter so."