Singen Ein Ort der Erinnerung: Festakt für Theresienkapelle

Die Theresienkapelle wird 70 Jahre alt. Heute gilt sie als Wahrzeichen für die damals beginnende deutsch-französisiche Versöhnung. Auch Nachfahren von Capitaine de Ligny besuchen die Feierstunde.

Fast genau auf den Tag vor 70 Jahren wurde die Theresienkapelle in Singen geweiht – Anlass für den Förderverein und die Stadt, diesen Feiertag zu würdigen. Im Gemeindezentrum von St. Josef kamen Freunde der Kapelle zusammen, darunter auch Weihbischof Michael Gerber, Zeitzeugen, Nachfahren des Erbauers Capitaine Jean de Ligny sowie Gäste aus der Region Poltawa in der Ukraine.

Am 9. November 1947 war die Theresienkapelle auf dem damaligen Gelände der Georg Fischer AG geweiht worden. Das wäre ohne den Einsatz von Capitaine Jean de Ligny, der als Lagerkommandant von den Franzosen nach Singen beordert wurde, nicht möglich geworden. Er hatte damals vor allem für mehr Menschlichkeit gesorgt und das Gefangenenlager von einem "Hungerlager" in ein von Humanismus geprägtes Lager verwandelt. "Wir fühlen uns geehrt, dass über 20 Nachfahren von Capitaine de Ligny heute hier sind", sagte Carmen Scheide, die Vorsitzende des Fördervereins Theresienkapelle. Capitaine de Ligny habe damals die Idee für den Bau der Kapelle gehabt und damit sehr früh Schritte in Richtung einer deutsch-französischen Versöhnung umgesetzt, so Scheide.

Besucher des Festakts im Gemeindezentrum St. Josef zum 70-jährigen Bestehen der Theresienkapelle lauschen den Rednern. Vorn (von links) OB Bernd Häusler, Weihbischof Michael Gerber, die Grünen-Landtagsabgeordnete Dorothea Wehinger mit Ehemann Hubert sowie Bürgermeisterin Ute Seifried. <em>Bild: Susanne </em><em>Gehrmann-Röhm</em>
Besucher des Festakts im Gemeindezentrum St. Josef zum 70-jährigen Bestehen der Theresienkapelle lauschen den Rednern. Vorn (von links) OB Bernd Häusler, Weihbischof Michael Gerber, die Grünen-Landtagsabgeordnete Dorothea Wehinger mit Ehemann Hubert sowie Bürgermeisterin Ute Seifried. Bild: Susanne Gehrmann-Röhm

Oft fiel beim Festakt der Name Wilhelm Josef Waibel. "Das macht mich ein wenig unsicher", sagte Waibel. Mit dem damaligen Pfarrer von St. Josef, Josef Härtenstein, war er als Messdiener oft im Lager gewesen. "Über sechs Jahrzehnte habe ich mich mit den Themen Gefangenschaft und Versöhnung beschäftigt." Dabei hat er auch den Kontakt zu den Nachfahren de Lignys gesucht. Wegen der Vielfalt der Lagergeschichte müsse man die Kapelle in Ehren halten, ist nicht nur Waibel überzeugt. Ohne dessen jahrelange Versöhnungsarbeit wären auch die Schicksale der Zwangsarbeiter nicht bekannt geworden, sagte Singens OB Bernd Häusler.

"Mit der Theresienkapelle haben wir einen Ort der lebendigen Erinnerung und immer neuen Auseinandersetzung mit dem Thema Kriegsgefangenschaft", sagte Stadtarchivarin Britta Panzer in ihrem Vortrag. Sie stellte auch mit Fotos die Situation der Kriegsgefangenen im Singener Lager dar. "Wegen der Versorgungsengpässe war das Lager als Hungerlager bekannt. Doch als Capitaine de Ligny als Lagerkommandant nach Singen kam, kam die Wende", so Panzer. Das Stadtarchiv hatte in einer Ausstellung die Geschichte aufgearbeitet. Die Schau ist noch bis 17. November in den Räumen der Sparkasse zu sehen.

Für die Nachfahren von Capitaine de Ligny sprach dessen Enkel Cyril Donges. "Menschlichkeit hatte für meinen Großvater höchste Priorität. Wir danken Wilhelm Josef Waibel, dass er dafür gesorgt hat, dass unsere Geschichte in Singen nicht vergessen wird." Die Historie der Kapelle zeige, dass hier Beziehungen gewachsen seien, die auch dafür gesorgt haben, dass Wunden heilen können, so Weihbischof Michael Gerber. Kobeljakis Landrätin Tamila Shevchenko appellierte, dass Menschen sich an ihre Geschichte erinnern sollten. Elisabeth Paul, Elisabeth Wäschle, Claudia Wilms und Claudia Napel sorgten als Quartett für sehr passende musikalische Untermalung des Festakts.

Ort der Erinnerung

Capitaine Jean de Ligny von den französischen Besatzungstruppen ließ die Theresienkapelle nach dem Krieg von Insassen eines Gefangenenlagers bauen. Geweiht wurde die Kapelle am 9. November 1947. In den 60er-Jahren fanden italienische Gastarbeiter hier ihre geistliche Heimat. Die Kapelle wird noch heute von der Italienischen Mission für den Gottesdienst genutzt. 1987 erhielt die Kapelle Denkmalstatus. Seit 2016 ist sie offizielle Gedenkstätte der Landesarbeitsgemeinschaft für Gedenkstätten. 1997 gingen Kapelle und Grundstück von der Georg Fischer AG an die Stadt über. Der Förderverein Theresienkapelle wurde 2006 gegründet und hat rund 75 Mitglieder. (sgr)

Informationen im Internet:www.theresienkapellesingen.wordpress.com

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