Reichenau – Als „Wunder unserer Zeit“ wurde der Reichenauer Mönch Hermann der Lahme (1013-1054) bereits im 11. Jahrhundert gewürdigt. Und die Bewunderung für das thematisch, musisch und wissenschaftlich vielfältige Werk dieses körperlich schwer behinderten Universalgelehrten hält bis heute an. Das neue Buch „Hermann der Lahme – Reichenauer Mönch und Universalgelehrter des 11. Jahrhunderts“ bietet nun erstmals einen umfassenden Überblick über Hermanns Leben und sein breites intellektuelles und kreatives Werk: als Mathematiker und Astronom, als Dichter, Musiker und Geschichtsschreiber.

„Es war die Absicht, ihn in seiner universalen Gelehrsamkeit zu würdigen von Fachvertretern verschiedener Disziplinen“, erklärte der Mit-Herausgeber Thomas Zotz, Professor für mittelalterliche Geschichte aus Freiburg. „Es braucht gebündelte fachliche Kompetenz, um Hermann zu würdigen“, meinte er bei der Buchpräsentation im Reichenauer Kapitelsaal vor rund 70 Besuchern. 16 Autoren nähern sich aus verschiedenen Blickwinkeln diesem „Wunder seiner Zeit“: Historiker und Kunsthistoriker, Literatur-, Musik- und Naturwissenschaftler sowie Mathematiker. Wobei auch Hermanns Leben und seine Herkunft als Sohn des Grafen von Altshausen thematisiert werden. „Es liegt ein rundum gelungener Band vor“, meinte Zotz. Vieles werde differenzierter betrachtet, und es gebe eine genauere Einordnung des gelehrten Mönchs in die mittelalterliche Wissenschaftsgeschichte. Das Buch basiert auf einer Fachtagung, die im Juni 2013 in Weingarten zum 1000. Geburtstag Hermanns stattfand und die Zotz mit organisierte.

Ein Teilnehmer dieser Tagung war der Geschichtsprofessor Rudolf Schieffer aus Bonn, der nun bei der Buchpräsentation auf Hermann und diesen Band einging. Es sei erfreulich, dass der Mönch dort nicht als Genie bezeichnet werde. Das hätte Hermann selbst wohl für sträflichen Übermut gehalten, meinte Schieffer. Zu würdigen sei Hermann – unabhängig von seiner physischen Beeinträchtigung – dafür, dass er überliefertes Wissen etwa in der Astronomie oder Geschichtsschreibung überdacht und präzisiert habe, neu geordnet und fürs Leben anwendbar gemacht habe. Hermann habe sich nicht begnügt mit der Routine der damaligen Lehrbücher. „Er wollte den Dingen auf den Grund gehen. Er war ein Autor mit vielen Gesichtern“, so Schieffer. Manche Vorlage habe er auch schlicht auf ein höheres sprachliches Niveau gebracht. Und sein umfassendes Werk habe damals auch einen praktischen Wert gehabt. Die Mathematik benötigte er für die astronomischen Berechnungen. Diese wiederum seien wichtig gewesen für den Kalender christlicher Feste und damit für das Klosterleben.

Hermann kam vermutlich als Siebenjähriger und bereits behindert ins damals bedeutende Kloster Reichenau, wo ihn offenbar der selbst musisch begabte Abt Berno förderte, so Schieffer. Doch der gelehrige Mönch, der von Dienern in einem Tragsessel fortbewegt werden musste, habe das Leben in der Abtei wohl eher am Rande wahrgenommen, meinte Schieffer. Sein Blick habe sich dort in die Weite gerichtet, auf politische Ereignisse, und auf die eigene Familie, denn auf seine Herkunft sei er wohl stolz gewesen. Anhand der Chronik zeigte Schieffer auf, wie Hermann überliefertes Wissen präzisierte.

Er sei dem Konzept früherer christlicher Chroniken gefolgt, beginne aber nicht mit der Schöpfung, sondern mit Christi Geburt als zentralem Ereignis der Heilsbotschaft. Und die große Leistung Hermanns bestehe in der zuvor nicht erreichten chronologischen Zuordnung der Ereignisse.

Doch möglicherweise habe Hermann auch bei seiner Weltchronik eine schon bestehende Sammlung überarbeitet und fortgeschrieben. Trotz des neuen Buches bleiben Fragen offen. Welche Quellen hatte Hermann, gab es Helfer und Zuarbeiter, waren seine Schriften teils Auftragsarbeiten? Und es mangele an Indizien für die Entstehungszeit und dami die Reihenfolge seiner Werke. Und bei manchem, was ihm zugeschrieben wird, bleibe ungewiss, ob das stimme.

Veröffentlicht hat das neue Buch die Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. Deren Vorsitzende Professorin Sabine Holtz aus Stuttgart sagte, der Band passe gut in ihr Programm, weil ganz unterschiedliche Autoren interdisziplinär vertreten sind. Der Reichenauer Bürgermeister Wolfgang Zoll erwähnte das gelungene Jubiläumsjahr 2013 und betonte, dass zum Reichenauer Weltkulturerbe eben nicht nur Gebäude zählen, sondern auch die handelnden Personen, die dieses prägen: so wie früher Hermann oder heute die Menschen, die die Tradition leben.

Prächtige Buchmalerei

Ein weiteres Buch über einen Teil der großen Reichenauer Klostergeschichte ist bereits 2015 erschienen: über die „Reichenauer Buchmalerei 850 bis 1070“. In der Inselabtei wurden nicht nur Bücher abgeschrieben, sondern geistliche Werke – oft als Auftragsarbeit für geistliche wie weltliche Würdenträger – kunstvoll bebildert. Der Heidelberger Professor und Reichenau-Kenner Walter Berschin und Ulrich Kuder beschreiben in diesem reich bebilderten Buch alle noch erhaltenen 58 Prachthandschriften, über deren Reichenauer Herkunft in der Wissenschaft weit gehend Einigkeit besteht. Das Buch schildert zudem die Geschichte der Wiederentdeckung der Reichenauer Buchmalerei. (toz)

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