Die Insel Reichenau ist nicht nur für ihr Welterbe-Kloster bekannt, sondern auch für ihr Gemüse. Die guten klimatischen Bedingungen sowie humusreiche, fruchtbare Böden sind für die gute Qualität des Gemüses verantwortlich, das weit über die Region hinaus verkauft wird.

Ein Merkmal der Reichenau sind dabei die privaten Verkaufsstände, die an vielen Ecken der Insel zu finden sind. An etlichen kleinen gibt es nur ein Produkt, wie Trauben oder Chilis, andere haben eine breite Palette an Obst, Gemüse, Kräutern, Marmeladen und mehr zu bieten. Wir stellen drei der Selbstbedienungsstände vor, die fast immer geöffnet sind und bei denen das Geld auf Vertrauensbasis in eine Kasse geworfen wird. Die Betreiber haben uns erzählt, wer die Menschen hinter den Waren sind, wo die Kunden ehrlich sind und wo zuweilen auch mal abgerundet wird.

Lothar und Angela Gasser, Merzengasse

Angela und Lothar Gasser leben von ihrem Naturland-Stand in der Merzengasse. Die beiden sind auf der Insel Bio-Pioniere der ersten Stunde.
Angela und Lothar Gasser leben von ihrem Naturland-Stand in der Merzengasse. Die beiden sind auf der Insel Bio-Pioniere der ersten Stunde. | Bild: Feiertag, Ingo

Während die meisten der Gemüsestände in der Seestraße stehen, ist der Naturlandbetrieb Gasser in der Merzengasse am Südufer der Insel ein echter Geheimtipp. Eine schmale Straße führt hinab bis fast zum Wasser. Vor dem Haus verkaufen Angela und Lothar Gasser aus einem hölzernen Unterstand heraus ihr saisonales Gemüse. Bis auf Kartoffeln und Karotten, die sie zukaufen, produzieren die Gassers dort seit fast 30 Jahren alles selbst.

Seit den 1950er-Jahren setzt die Familie, die einst vom Weinbau lebte, auf Gemüse. Seit 1996 produziert der Betrieb nach Naturland-Richtlinien Öko-Lebensmittel. „Wir sind froh, dass wir es gemacht haben“, sagt Lothar Gasser, der den Schritt bewusst aus Gesundheitsgründen machte und gemeinsam mit drei anderen Familien zu den Bio-Vorreitern auf der Insel zählte. „Anfangs stand die Genossenschaft nicht hinter uns, dabei wäre es eine Chance gewesen, alle Betriebe auf der Reichenau umzustellen“, sagt Gasser.

Der Direktvermarkterstand, der das ganze Jahr über geöffnet ist, ist die Haupteinnahmequelle der Familie. „Wenn es zu kalt wird, verkaufen wir im Winter aus der Garage“, sagt Lothar Gasser, „bei Plustemperaturen ist der Stand aber so lange es geht draußen.“ Darüber hinaus haben die Gassers „drei, vier Kleinhändler, die uns die Übermenge abnehmen, wenn mehr wir als für den eigenen Stand produzieren“, erklärt der Reichenauer, der viele Stammkunden auch aus dem näheren Umland hat.

Und die sind ehrlich, wenn es darum geht, das Geld für die Ware auf Vertrauensbasis in die kleine Kasse zu stecken. „Ich bin zufrieden“, sagt Lothar Gasser und lacht: „Ich glaube, auf den Feldern wird mehr geklaut als bei uns am Haus.“

Margit und Heinz Gasser, Seestraße

Bei Margit und Heinz Gasser in der Seestraße gibt es vom ersten Radieschen bis zu den letzten Tomaten saisonales Gemüse.
Bei Margit und Heinz Gasser in der Seestraße gibt es vom ersten Radieschen bis zu den letzten Tomaten saisonales Gemüse. | Bild: Feiertag, Ingo

Ein paar Kilometer weiter verkaufen Margit und Heinz Gasser, der Bruder von Lothar, in der Seestraße ihr Gemüse. „Sommer pur“, steht dort auf einer Tafel, „genießen Sie frisches Sommergemüse.“ Für die Gassers in der Seestraße ist der Stand ein reiner Nebenerwerb, der viel Spaß und Arbeit macht, aber auch durchaus einen ernsten Hintergrund hat.

„Wir verwenden nur ganz wenig Chemie, dafür ist vieles halt nicht perfekt“, sagt Margit Gasser. Weil immer mehr Gemüse nicht mit den EU-Standards konform ging und sie nichts mehr wegwerfen wollte, entschieden sie und ihr Mann sich für den Selbstbedienungsstand vor dem Haus. „Das eine ist zu klein, das andere zu krumm, dann wieder was zu gelb. Wir haben gesagt: Entweder wir hören auf, oder wir vermarkten es so“, sagt Margit Gasser und zeigt kopfschüttelnd auf die Vespergurken. „Die passen nicht zur EU-Verordnung“, sagt sie, „dabei schmecken die kleinen doch am besten.“

Jeden Morgen gehe sie aufs Feld und ernte alles frisch und in überschaubaren Mengen, „so, dass es gerade so bis abends reicht“. Verkauft wird vom ersten Radieschen bis die letzten Tomaten weg sind, etwa von April bis Mitte, Ende Oktober. „Ich mache das wirklich gerne“, sagt Margit Gasser und strahlt, „eigentlich müsste ich Vergnügungssteuer zahlen.“

Auch die Kunden sind ihr eine Freude. „Die sind fast alle ehrlich“, sagt sie, „sonst hätte ich längst zugemacht.“ In 20 Jahren sei ihre Kasse zweimal gestohlen worden – über Nacht, als sie längst geleert war. Und wenn es doch einmal ein Schwarzes Schaf geben sollte? Auch das nimmt die Reichenauerin mit Humor. „Die scheiße ich dann so zusammen, dass sie nicht mehr kommen“, erklärt Gasser und lacht.

Simon Wohlhüter, Seestraße

Für Simon Wohlhüter ist der Stand in der Seestraße ein gutes Zubrot.
Für Simon Wohlhüter ist der Stand in der Seestraße ein gutes Zubrot. | Bild: Feiertag, Ingo

Von Frühjahr bis Herbst steht in der Seestraße der Stand von Simon Wohlhüter, der das Geschäft vor der eigenen Türe nicht hauptberuflich betreibt. Etwa 98 Prozent seiner Ware geht an die Genossenschaft, den Rest verkauft der Reichenauer direkt. „Es ist zwar eine zeitaufwändige Sieben-Tage-Woche, aber so kann ich mir noch etwas dazu verdienen“, sagt Wohlhüter, der großen Wert darauf legt, dass das Gemüse am eigenen Stand sich nicht von der Qualität im Supermarkt unterscheidet.

Neben dem saisonalen Gemüse kauft Wohlhüter Beeren und Obst dazu, „weil diese Produkte die Leute an den Stand ziehen“, wie er erklärt und ergänzt: „Alles kommt aus der Region, von der Höri oder aus Stahringen.“ Hinzu kommen bei ihm diverse selbstgemachte Marmeladen, Öle, Essige, Liköre oder Sirup.

Seit zehn Jahren hat er seinen Stand. In den Anfangsjahren noch an der Straße, inzwischen näher am Haus. Der Grund: die Kundschaft. „Wenn man nicht am Stand ist, sind viele unehrlich“, sagt Wohlhüter, „da wird oft abgerundet. Manche bezahlen gar nicht.“ Näher am Haus scheinen die Skrupel größer zu sein.