Wohl dem, der eine Lobby hat. Im neuen Bedarfsplan für die Kindertagesbetreuung der Stadt Radolfzell ist der Ortsteil Güttingen ganz aus dem Raster gefallen, Markelfingen bekommt jetzt doch nach dem Beschluss des Gemeinderats einen dreigruppigen Kindergarten für das Neubaugebiet im Tal zugesprochen und der aktuelle Bedarf soll über einen Modulanbau am bestehenden Kindergarten gedeckt werden.

Das Baumodul wird nun doch nur geliehen und steht dann nicht mehr zur Verfügung

Das Modul will die Stadt nun doch ausleihen und dann wieder abbauen, wenn das Projekt der Messmer-Stiftung mit dem dreigruppigen Kindergarten im Baugebiet im Tal verwirklicht ist.

Nun ist der Ortsteil Güttingen ein weiteres Mal in der Entwicklung der dörflichen Infrastruktur nach hinten durchgereicht worden. Nach der Verschiebung der Sanierung der Dorfscheuer auf ein unbestimmtes Datum ist der eigentlich im November 2019 beschlossene Anbau für die Kintertagesstätte Güttingen auf Vorschlag der Verwaltung und mit Beschluss des Gemeinderats aus dem Bedarfsplan gekickt worden.

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Ortsvorsteher Martin Aichem sagt beim Termin vor Ort: „Der Anbau hätte eigentlich diesen Herbst in Betrieb gehen sollen.“ Diese Feststellung hat Aichem als Stadtrat der Freien Wähler während der Beratung im Gemeinderat getroffen: „Da kann man in Güttingen nicht ganz glücklich sein.“

Die Planung für den Kita-Bedarf

Markelfingen im Glück und Güttingen im Pech? Auf den ersten Blick lässt die Entscheidung zumindest mehr Rückenwind für den Ortsteil Markelfingen vermuten. Der ist auch nach Zahlen dokumentiert.

Markelfingen ist größer als Güttingen und wächst weiter

Markelfingen hat mit 2100 Einwohnern nicht nur 800 Einwohner mehr als Güttingen, es werden durch die Besiedlung des Neubaugebiets Im Tal bis zu 400 neue Einwohner mehr in Markelfingen erwartet, dann ist der Abstand noch einmal größer.

Im Gemeinderat Radolfzell drückt sich das Gewicht der Ortsteile so aus: Drei Stadträte kommen aus Markelfingen, einer kommt aus Güttingen, das ist Martin Aichem, der Ortsvorsteher.

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Die Zahlen für das Jahr 2020 und 2021 beschreiben für Markelfingen und Güttingen fast die gleiche Lücke. In Güttingen fehlen im Kindergarten für Kinder von drei Jahren bis zum Schuleintritt laut Statistik der Stadt „tatsächlich“ in diesem Jahr 15 Plätze und im Jahr 2021 sind es dann noch 14. In Markelfingen beträgt diese Differenz zwischen Nachfrage und Angebot in diesem Jahr zehn Plätze und würde nächstes Jahr auf 18 Plätze steigen.

Für Markelfingen mit seinem Neubaugebiet Im Tal sieht es gut aus, hier soll die Messmer-Stiftung einen dreigruppigen Kindergarten bauen. Bild: Michael Buchholz
Für Markelfingen mit seinem Neubaugebiet Im Tal sieht es gut aus, hier soll die Messmer-Stiftung einen dreigruppigen Kindergarten bauen. Bild: Michael Buchholz | Bild: Buchholz, Michael

Bekommt Markelfingen keine neuen Gruppen würde dieser nicht gestillte Bedarf schnell auf 25 Plätze im Jahr 2022, auf 32 Plätze und gar 46 Plätze im Jahr 2029 hinauf schießen. In Güttingen dagegen flacht diese Kurve im vorausgesagten Szenario der Bevölkerungsstatistik ab. Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass es bereits beengt im Kindergarten an der Durchenbergstraße zugeht. Denn es gibt ja noch die Kinder unter drei Jahren.

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Marion Katzur, die den Kindergarten in Güttingen leitet, sagt: „Der Bedarf im Ort ist gewaltig.“ Aktuell ist der offen geführte Kindergarten mit 46 Kindern belegt, davon sind acht jünger als drei Jahre.

Sie benötigen nicht nur einen besseren Betreuungsschlüssel, sie bräuchten auch sanitär einen speziellen Platz. Aber: „Da liegt einiges im Argen, in Güttingen wird provisorisch gewickelt“, sagt Ortsvorsteher Aichem.

Güttingen ist ein attraktiver Wohnort, nur ohne Neubaugebiet

Güttingen kann kein neues Baugebiet wie Markelfingen vorweisen, „aber wir haben eine dynamische Bevölkerungsentwicklung“, sagt Aichem. Der Supermarkt an der Bundesstraße, die Grundschule und der Kindergarten machen das Dorf attraktiv. Für den neuen Bedarfsplan Kindertagesbetreuung sind das keine einzurechnenden Größen.

Kindergarten auf dem Schoch-Areal soll Bedarf abdecken

Es wäre ja kein Plan, wenn er nicht einen Plan für den „restlichen Bedarf für Kinder unter drei Jahren“ aus Güttingen hätte. Den will die Stadtverwaltung in einer noch nicht gebauten und beschlossenen Kindertagesstätte auf dem Schoch-Areal im Altbohl unterbringen. Nicht Markelfingen gräbt Güttingen den Ausbau ab, es sind die Pläne für die Kernstadt.

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Ortsvorsteher Martin Aichem kann dieser Vorgabe wenig abgewinnen: „Wir wollen doch einen Kindergarten haben, der den Bedarf in Güttingen abdeckt.“ Auch hier gibt ihm die Hochrechnung von Nachfrage und Angebot recht.

Würde die Stadt in Güttingen den tatsächlichen Platz um einen Gruppenraum erweitern, gäbe es nur in wenigen Jahren einen Überhang an „tatsächlichen Platzzahlen“. Dieser Platz wäre in einem offenen Kindergarten, wie es in Güttingen einer ist, wahrscheinlich schnell mit der Unterbringung von Kindern unter drei Jahren „tatsächlich“ aufgefüllt.