Die Corona-Pandemie hat das Leben vieler Menschen überschattet – und es in einem Ausmaß verändert, wie es sich niemand Anfang des Jahres hätte vorstellen können. Wir haben Menschen in systemrelevanten Berufen gefragt, wie sie das Jahr unter Corona-Bedingungen erlebt haben, was sie betroffen gemacht hat und was ihnen an 2020 trotzdem gefällt. Hier schildern Martina Bender, Erzieherin im Werner Messmer Kindergarten, und Dorothea Joos-Räuber, die Leiterin der Einrichtung, ihre Eindrücke.

Das Jahr unter Corona

Der Kindergarten ist ein anderer – acht Monate nach dem Lockdown im Frühjahr. Joos-Räuber sagt eigentlich gebe es den alten Kindergarten nicht mehr: „Das fühlt sich an, wie eine Neugründung.“ Das offene Konzept, das in der Einrichtung jahrelang galt, ist vorübergehend abgeschafft. „Früher war das so: Die Kinder kamen morgens zu ihrer Stammgruppe, wurde begrüßt und konnten sich im ganzen Haus verteilen, in andere Gruppen hineinschnuppern. Sie konnten in unsere Funktionsräume, also unser Atelier, unseren Turnraum und unser Experimentierzimmer, gehen. Sie konnten bleiben, wo es ihnen gefallen hat. Und spielen mit wem sie wollten“, sagt Martina Bender.

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Mit der Pandemie änderte sich das radikal. Weil Begegnungen reduziert werden müssen, wurde aus den Stammgruppen eine feste Gruppe. Die Funktionsräume wurden abgeschafft, auch weil der Platz gebraucht wird, damit die Kinder sich täglich wenigstens in zwei festen Räumen aufhalten können. Der Gartenbereich wurde abgetrennt – und somit in gewisser Weise verkleinert. „Jede Gruppe ist jetzt über einen Balkon mit einem Teil des Gartens verbunden“, sagt die Leiterin des Kindergartens.

Hygienekonzept nach Farben

Die Gruppen haben Farben. Es gibt eine blaue, rote, gelbe und grüne Gruppe. Damit die Kinder erkennen, an welchem Platz sie zu Mittagessen, auf welche Toilette sie gehen, an welchen Kleiderhaken sie ihre Jacken hängen dürfen, sind auch diese Orte farblich markiert. „Ein Kind aus der gelben Gruppe darf nicht auf eine rote Toilette oder am grünen Platz Essen“, sagt Bender. Das seien die Hygienevorschriften. Und das schränke den Alltag drastisch ein.

Auch die Eltern, die früher wie selbstverständlich zum Abholen der Kinder, zum Eingewöhnen, zum Reinschnuppern, durch die Einrichtung liefern, müssen draußen bleiben. Sie klingeln jetzt jeden Morgen und warten, bis die Erzieher die Kleinen in Empfang nehmen. Monitore an den Fenstern zeigen Fotos und Videos aus dem Alltag im Kindergarten. „Damit sie sich nicht ganz ausgeschlossen fühlen“, sagt Joos-Räuber.

Der Werner-Messmer-Kindergarten und sein Außenbereich.
Der Werner-Messmer-Kindergarten und sein Außenbereich. | Bild: Daniela Biehl

Der erste Lockdown war sehr schwierig

An den Lockdown im Frühjahr erinnert sich Martina Bender noch gut. „Das war ein Schock“, sagt sie. Eine Pandemie hätte sie nie für möglich gehalten. Als die Erzieherin nur die Kinder von Eltern in systemrelevanten Berufen betreuen durfte, „hatte ich ständig ein schlechtes Gewissen“, sagt sie. „Ich wusste, dass die anderen uns vermissten. Dass sie auch in den Kindergarten wollten.“ Zu gern hätte Bender auch die übrigen Kinder betreut. Denn die Erzieherin weiß: „Wenn Eltern im Home Office sind und eigentlich arbeiten müssen, können sie nicht gleichzeitig zu Hundertprozent die Kinder betreuen.“

Ein Stück weit musste Bender das auch am eigenen Leib erfahren. Erzieher gehörten Langezeit nicht zu den systemrelevanten Berufen. Doch die Schule war zu, ihr achtjähriger Sohn zu Hause. „Manchmal hat mein Mann auf meinen Sohn aufgepasst. In der Regel musste er aber im Büro präsent sein.“ Ein Dilemma. Denn als Betreuungspersonen kamen nur noch die Großeltern in Frage – die zu Hochrisikogruppe zählten. Also nahm Bender so oft es ging Urlaub und baute Überstunden ab.

Was sie am meisten vermissen

„Den Freiraum“, sagt Martina Bender und meint damit das offene Konzept, das der Kindergarten einst hatte. „Früher konnten wir Erzieher uns richtig ausleben. Wir haben Fortbildungen gemacht und uns etwa mit Experimenten beschäftigt, ein Vulkanausbruch simuliert und dann ein ganzes Zimmer danach eingerichtet.“

Heute gehe das nicht mehr. Mit den festen Gruppen, sei das Material auf alle Räume verteilt, der Platz für große Experimente nicht da. „Heute machen wir von allem ein bisschen, aber nichts mehr groß.“ In einem Raum werde zugleich gebastelt, gespielt, gebaut, experimentiert und gekocht.

Der Kindergarten (links oben) und die Umgebung in der Nordstadt.
Der Kindergarten (links oben) und die Umgebung in der Nordstadt. | Bild: Jarausch, Gerald

Was gut war an 2020 und Mut machte

„Es gab zwar Kinder, die das offene Konzept vermisst haben, aber den meisten haben die festen Strukturen, die neuen Rituale, gut getan“, erzählt die Leiterin der Einrichtung. Deshalb will sie nach Corona zumindest Teilgruppen beibehalten. Auch sonst seien die Kinder erstaunlich gut durch die Krise gekommen. „Besser als wir Erwachsenen, denke ich oft“, sagt sie.

„Corona ließ die Kinder enger zusammenrücken, in den festen Gruppen haben sie mehr Zeit miteinander verbracht, öfter mit denselben Kindern gespielt, neue Freundschaften geschlossen.“ Und: „Oft sehe ich sie ganz glücklich“, so Joos-Räuber.

Die Kinder sind viel selbstständiger geworden

Martina Bender hat noch etwas bemerkt: wie selbstständig die Kleinen geworden sind. Seit die Eltern nicht mehr in die Einrichtung dürfen, ihnen nicht mehr beim An- und Ausziehen der Hausschuhe, dem in Jacke kommen oder dem Rucksack zusammenpacken helfen können, machen es die Kinder von ganz alleine.

„Manchmal höre ich sogar, dass sie zuhause jetzt mitbestimmen, was sie zum Frühstück mitnehmen oder helfen ihre Vespabox zu packen.“ Früher, vor Corona, hatte es eine Art Buffet im Kindergarten gegeben. Eigenes Essen musste nicht mitgebracht werden. „Und das ist wirklich schön, zu sehen, dass sie so selbstständig geworden sind.“

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