Die Situation für Fahrradfahrer in Radolfzell ist – in Schulnoten ausgedrückt – „ausreichend“. Das ergab eine Umfrage des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), die deutschlandweit durchgeführt wurde. 176 Teilnehmer beantworteten in dieser mehr als 30 Fragen rund um die Infrastruktur, die Sicherheit und den Komfort beim Radfahren in Radolfzell. Im Durchschnitt erreichte die Stadt im Fahrradfahrklimatest 2018 eine Gesamtbewertung von 3,6 und landete damit in der Größenklasse von 20 000 bis 50 000 Einwohnern auf Platz 73 von 311. Was aber haben die Umfrageteilnehmer in Radolfzell bemängelt?

  • Fahrradmitnahme: Die meiste Kritik richtet sich gegen die Mitnahme der Fahrräder in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Da diese zu teuer und zu schwierig sei, vergeben die Umfrageteilnehmer in diesem Bereich gerade einmal die Note 4,8 – also mangelhaft. Der Verkehrsbund Hegau-Bodensee (VHB) möchte sich mit den Vorwürfen jedoch nicht zufriedengeben. „In den vergangenen Jahren hat sich in der VHB-Region für Fahrradmitnehmer im öffentlichen Nahverkehr Verschiedenes klar zum positiven entwickelt“, teilt Geschäftsstellenleiterin Anke Wichardt auf Nachfrage der Redaktion mit. Als Beispiel nennt sie die kostenlose Radmitnahme, die im Jahr 2017 auf einigen Strecken eingeführt wurde, etwa im Seehäsle zwischen Radolfzell und Stockach. Unter der Woche können hier ab neun Uhr und am Wochenende ganztags Fahrräder ohne Aufpreis mitgenommen werden. Diese und andere Tarifinformationen seien für Radfahrer an allen Bahnstationen durch Aushänge leicht zugänglich. Falls Fahrräder zum Beispiel aufgrund von überfüllten Zügen nicht mitgenommen werden können, würden bereits gekaufte Fahrkarten außerdem ersetzt. Anders sieht es in den Radolfzeller Stadtbussen aus – hier ist eine Fahrradmitnahme verboten. Wie Pressesprecher Moritz Schade erklärt, liege das daran, dass die Priorität derzeit auf der Beförderung von Menschen ohne Rad, Kinderwagen, Rollstuhlfahrern und Menschen mit Behinderung liege. Wenn zusätzlich Fahrräder in den Bussen transportiert würden, könne es durch den begrenzten Platz zu Konflikten kommen.
Bild: Schönlein, Ute
  • Falschparkerkontrolle: Der Stadt Radolfzell wird in der Umfrage des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs vorgeworfen, zu lasch gegen Autofahrer vorzugehen, die auf Radwegen parken und diese dadurch blockieren. Laut Moritz Schade gehe die Stadt jedoch sehr wohl gegen unsachgemäß abgestellte Fahrzeuge vor: „Die Mitarbeiter des Gemeindevollzugsdienstes erteilen Verwarnungen an Falschparker, die auf Radwegen parken beziehungsweise diese blockieren.“ Dennoch gäbe es Möglichkeiten, die Situation zu verbessern. „Durch die Einführung eines kommunalen Ordnungsdienstes könnten Mitarbeiter des Gemeindevollzugsdienstes die Kontrollen des Straßenverkehrs verstärken“, glaubt Schade. Der Gemeinderat sieht einen kommunalen Ordnungsdienst kritisch und hat die Einführung mehrfach abgelehnt.
  • Schmale Radwege: Die Umfrageteilnehmer bemängeln auch die Breite der Radwege in Radolfzell. Sie seien zu schmal, was Überholvorgänge schwer macht. Laut Pressesprecher Moritz Schade werde allerdings bereits an einer Verbesserung des Radverkehrs gearbeitet. Er verweist auf das 2017 beschlossene Radwegekonzept, das schrittweise umgesetzt werden soll. Dazu zählen eine bessere Beschilderung und die Schaffung von Überquerungsstellen und Radabstellanlagen. Allerdings kommt es diesbezüglich bereits jetzt zu Unstimmigkeiten im Gemeinderat: So ist die Planung von Schutzstreifen über die Konstanzer Brücke dort heftig kritisiert worden. Laut Christof Stadler (CDU) seien auch sie mit 1,50 Meter Breite zu schmal. Seine Argumente sind: Die Radfahrer fühlten sich auf dem Schutzstreifen nicht sicher und als Verkehrsbremse für Autos und Lastwagen missbraucht.
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  • Führung an Baustellen: Gefährlich wird es laut der Umfrage an Baustellen. Weil Fahrradfahrer nicht sicher und bequem daran vorbeigeführt werden, geben sie an, meistens absteigen und schieben zu müssen. Moritz Schade von der Pressestelle der Stadt verweist auf den Verwaltungsablauf: „Die Verkehrsführung an Baustellen wird im konkreten Einzelfall von der Abteilung Sicherheit und Ordnung in Absprache mit der Abteilung Tiefbau der Stadtverwaltung unter Berücksichtigung unterschiedlicher Umgebungsbedingungen entwickelt.“ Im Zuge dessen sei es nicht zu vermeiden, dass Fahrradfahrer an einigen Baustellen angehalten seien, vom Rad zu steigen, um die Verkehrssicherheit für alle Verkehrsteilnehmer zu gewährleisten. Es sei oberste Priorität, bei der Verkehrsführung für die Sicherheit aller Beteiligten zu sorgen.
  • Öffentliche Fahrräder: Die Radolfzeller wünschen sich laut ADFC öffentlich zugängliche Leihfahrräder. In der Stadt können Fahrräder derzeit nur bei gewerblichen Anbietern ausgeliehen werden. Laut Pressesprecher Moritz Schade ist die Einführung öffentlicher Leihfahrräder in Zukunft allerdings vorstellbar: „Momentan wird von der Stadtverwaltung geprüft, was man ermöglichen kann.“
  • Fahrraddiebstahl: Die Teilnehmer der ADFC-Umfrage beschweren sich auch darüber, dass Fahrräder in Radolfzell oft gestohlen werden. Wie Tatjana Deg­gelmann, Pressesprecherin des Polizeipräsidiums Konstanz, mitteilt, seien die Fahrraddiebstähle in Radolfzell allerdings deutlich rückläufig. So sind in der Stadt im Jahr 2017 noch 127 Räder als gestohlen gemeldet worden, 2018 waren es noch insgesamt 102. Im Vergleich mit der Stadt Singen, die bei einer höheren Einwohnerzahl 156 Diebstähle zu verzeichnen habe, liege Radolfzell damit im durchschnittlichen Bereich. Zudem sei die Polizei täglich im Einsatz, um Diebstähle zu verhindern. Regelmäßig würden Polizeistreifen Abstellplätze kontrollieren. „Dabei muss nicht selten festgestellt werden, dass auch hochwertige Fahrräder nicht oder nur mangelhaft gesichert werden“, sagt Tatjana Deggelmann. In einem solchen Fall sensibilisiere die Polizei die Besitzer. Weitere Ermittlungs- und Kontrollmaßnahmen seien nicht geplant.