Für Liggeringens Ortsvorsteher Hermann Leiz steht außer Frage: Das Solarenergiedorf in Liggeringen "ist ein Leuchtturmprojekt". Nicht nur für den Radolfzeller Ortsteil, sondern auch für die gesamte Kernstadt. Das werde allein daran deutlich, dass 2018 deutschlandweit lediglich fünf Dörfer mit großen Solarthermieanlagen an den Start gegangen sind und sich aufgemacht haben, ein Solarenergiedorf zu werden. Neben dem Gottmadinger Ortsteil Randegg, Mengsberg in Hessen, Breklum in Schleswig-Holstein und Ellern in Rheinland-Pfalz zählt eben auch Liggeringen dazu. "In Liggeringen herrschen das ganze Jahr über die meisten Sonnenstunden in Radolfzell, das wird mit der Fertigstellung des Solarenergiedorfes nun eindeutig deutlich", sagte Leiz im Rahmen eines Pressegespräches am Mittwoch mit einem Schmunzeln.

Seinem prüfenden Blick entgeht nichts: Ortsvorsteher Hermann Leiz kontrolliert vor der Einweihung am 22. März die Solarstation der Anlage.
Seinem prüfenden Blick entgeht nichts: Ortsvorsteher Hermann Leiz kontrolliert vor der Einweihung am 22. März die Solarstation der Anlage. | Bild: Matthias Güntert

Auch Oberbürgermeister Martin Staab freute sich, dass die offizielle Einweihung des Solarenergiedorfes am Freitag, 22. März, nun endlich bevorstehe. Denn mit der Eröffnung ende auch eine über vier Jahre anhaltende Planungs- und Umsetzungsphase. Diese Zeit habe sich seiner Einschätzung nach aber gelohnt. "Vielerorts ist die Wärmeversorgung nach wie vor das Sorgenkind der Energiewende – jedoch nicht mehr bei uns in Radolfzell", sagte OB Staab. Auch er bezeichnete das regenerative Nahwärmenetz als ein Leuchtturmprojekt, das über die Region hinaus Maßstäbe setzen werde. "Wir zeigen in Liggeringen durch den Bau des neuen Wärmenetzes, wie die Umstellung auf erneuerbare Energien funktionieren kann", so Staab weiter.

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Gespeist wird das Solarenergiedorf durch die etwa 1200 Quadratmeter große Solarthermieanlage sowie die Biomasseheizung in Form einer Hackschnitzelanlage. Beide zusammen erzeugen jährlich 4,7 Millionen Kilowattstunden Wärme. Laut Oberbürgermeister Staab können damit pro Jahr bis zu 1400 Tonnen des klimaschädlichen Kohlendioxid-Ausstoßes eingespart werden. Oder um die Menge bildlicher darzustellen: Ein durchschnittliches Einfamilienhaus habe einen Heizenergiebedarf von 25 000 Kilowattstunden pro Jahr. Wenn mit Erdgas geheizt werde, entspreche dies etwa 5,5 Tonnen Kohlendioxid. Bei 1400 Tonnen eingesparten Kohlendioxids könnte dieses Einfamilienhaus 250 Jahre heizen. "Bundesweit hat das Solarenergiedorf bereits für Aufsehen gesorgt", sagte Staab. Dass werde nicht zuletzt dadurch deutlich, dass Franz Untersteller, Landesminister für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft, sein Kommen zur Einweihung angekündigt habe.

Himmelblau ist Liggeringens neue Lieblingsfarbe: Johann Steuber (Bauleiter), Hermann Leiz, Andreas Reinhardt, Alexander Senn (Bauunternehmer), Stefanie Hambalek (Projektleiterin), OB Martin Staab und Michael Schoberl (Technischer Leiter, v.l.) beim Spatenstich im Juni 2017. Bild: Georg Lange
Himmelblau ist Liggeringens neue Lieblingsfarbe: Johann Steuber (Bauleiter), Hermann Leiz, Andreas Reinhardt, Alexander Senn (Bauunternehmer), Stefanie Hambalek (Projektleiterin), OB Martin Staab und Michael Schoberl (Technischer Leiter, v.l.) beim Spatenstich im Juni 2017. | Bild: Georg Lange

Rund 100 Haushalte in Liggeringen setzen künftig auf erneuerbare Energien und machen sich bei der Wärmeversorgung von fossilen Brennstoffen unabhängig. 4,3 Millionen Euro haben die Stadtwerke Radolfzell in das Vorhaben investiert. Laut Geschäftsführer Andreas Reinhardt belaufe sich die Investitionssume der Stadtwerke abzüglich der Landes- und Bundesförderung von 1,2 Millionen Euro, auf 3,1 Millionen Euro: "Das ist eine sehr hohe Investition. Sie entspricht der durchschnittlichen Investitionssumme eines ganzes Jahres."

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Laut Reinhardt soll der Bedarf in Liggeringen an Warmwasser vollständig vom Energie-Lieferanten Sonne gedeckt werden. 20 bis 25 Prozent des Wärmebedarfes über das ganze Jahr sollen in der Zeit von Mai bis September allein durch die solarthermische Anlage abgedeckt werden. Ab Herbst unterstützt eine Holzschnitzel-Heizzentrale als Biomasseheizung zusätzlich den Wärmebedarf in den Haushalten. Von Oktober bis Mai übernimmt dann die Hackschnitzelanlage. "Während Wartungsarbeiten an der Anlage können wir zudem auf einen Ölkessel zurückgreifen, damit die Versorgung das ganze Jahr über gewährleistet wird", so Reinhardt. Der Ölkessel solle allerdings nur in Notfällen zum Einsatz kommen.

Auch Glasfaser wird verlegt

Mit der Verlegung der Nahwärmeleitungen ist auch der Ausbau des Glasfasernetzes ein Teil des Großprojektes. Gleichzeitig investiert die Stadt in eine Verbesserung von Gehsteigen und Fahrbahnen, dem Kanalsystem, der Straßenbeleuchtung sowie in die Trinkwasserversorgung.

Solarenergiedorf auf 150 Anschlüsse ausgelegt

Das Solarenergiedorf ist auf 150 Anschlüsse ausgelegt. Es kann allerdings bei Bedarf jederzeit erweitert werden. Reinhardt rechnet pro Jahr mit rund zehn weiteren Anschlüssen. "Es werden weitere Anschlüsse dazukommen, davon bin ich überzeugt", sagte er.

Leiz: "Ich bin stolz auf die Liggeringer!"

Für Ortsvorsteher Leiz hat das Solarenergiedorf allerdings auch eine weitere Besonderheit: Es sei ein Projekt, das von Beginn im Jahr 2014 darauf gesetzt habe, dass es von der Bürgerschaft getragen werde. Die Liggeringer hätten stets zum Solarenergiedorf gestanden. Auch während der zwei Jahre Bauzeit, die laut Leiz durch die vielen Baustellen zu einer "hohen Belastung im Ort" geführt habe. "Ich bin stolz darauf, dass den Liggeringern die Umwelt etwas wert ist und sie beim Projekt mitgegangen sind", betont Leiz.