Helga Löffler (85) erkennt noch alle auf dem Bild aus der Küche im Krankenhaus Radolfzell. Ihre Kollegin Erika Baier, Küchenchefin Schwester Albana und Schwester Oberin Hermella. Deshalb ist das Jahr der Aufnahme auch eindeutig nachvollziehbar. Schwester Hermella kam 1968 als Oberin ins Krankenhaus Radolfzell und löste in dieser Aufgabe Schwester Dominika ab. Und 1969 begannen die Umbauarbeiten auch an der Küche, so die Niederschrift des verantwortlichen Architekten Hans Frei.

1968: Blick in die Küche des Krankenhauses Radolfzell mit dem Lastenaufzug vom Untergeschoss hinauf in die Bettenabteilungen. Unser Bild zeigt (von links) die Küchenhelferinnen Helga Löffler, Erika Baier (vor dem Herd), Küchenchefin Schwester Albana und Schwester Oberin Hermella.
1968: Blick in die Küche des Krankenhauses Radolfzell mit dem Lastenaufzug vom Untergeschoss hinauf in die Bettenabteilungen. Unser Bild zeigt (von links) die Küchenhelferinnen Helga Löffler, Erika Baier (vor dem Herd), Küchenchefin Schwester Albana und Schwester Oberin Hermella. | Bild: Foto Liedl, Stadtarchiv Radolfzell

Die "alte Küche" unten war noch im Betrieb, als sich das Krankenhaus in den oberen Geschossen auf die medizinische Neuzeit einstellte. Im April 1968 war der neue Bettentrakt "mit 32 modern eingerichteten Krankenzimmern und insgesamt 96 Betten" in Betrieb genommen worden, so der Bericht des SÜDKURIER vom 22. April dieses Jahres. Mit der Zahl der Betten stieg auch die Zahl der zu versorgenden Patienten von bisher 137 auf 233 an. An einer Schiefertafel in der Küche standen Stock für Stock und Zimmer für Zimmer die bestellten Essen. Küchenhilfe Helga Löffler stellte die Portionen in einen Lastenaufzug, der die Essen dann hinauf in die verschiedenen Stationen transportierte.

1964: Der Rohbau für den ersten Bauabschnitt ist noch eingerüstet. In den Nordflügel kommen Aufnahme, Verwaltung, Ambulanz, die Kapelle und die Aufzüge für die Betten. Das Bild dürfte Fotograf Burkhard Liedl von einem Balkon des davor stehenden Schwesternwohnheims aufgenommen haben.
1964: Der Rohbau für den ersten Bauabschnitt ist noch eingerüstet. In den Nordflügel kommen Aufnahme, Verwaltung, Ambulanz, die Kapelle und die Aufzüge für die Betten. Das Bild dürfte Fotograf Burkhard Liedl von einem Balkon des davor stehenden Schwesternwohnheims aufgenommen haben. | Bild: Liedl

Mit dem Zubereiten des Essens war die Arbeit nicht getan, das Geschirr kam benutzt zurück: "Wir haben alles von Hand gespült", erinnert sich Helga Löffler. Im Krankenhausgarten wurde Gemüse gepflanzt und Obst für Marmelade von den Bäumen gepflückt. Helga Löffler berichtet über das Eingemachte: "Wir haben im Herbst viel sterilisiert." Als "Mädchen für alles" war sie auch für das Füttern der rund hundert Hühner im Krankenhaus eigenen Hühnerstall zuständig. Mit Frühstückseiern und einer stärkenden Bouillon aus eigener Produktion sollten Patienten wieder zu Kräften kommen.

2018: Aus dem gleichen Blickwinkel das Gebäude abzulichten, wie Burkhard Liedl sein Foto vom Rohbau des Verwaltungstrakts gemacht hatte, ist heute nur schwer möglich. Eine hoch gewachsene Birke und das eingezäunte Grundstück des abgerissenen Schwesternwohnheims verhindern das.
2018: Aus dem gleichen Blickwinkel das Gebäude abzulichten, wie Burkhard Liedl sein Foto vom Rohbau des Verwaltungstrakts gemacht hatte, ist heute nur schwer möglich. Eine hoch gewachsene Birke und das eingezäunte Grundstück des abgerissenen Schwesternwohnheims verhindern das. | Bild: Becker, Georg

Der langjährige Chefarzt Chirurgie Heinrich Schall hat 2006 zum hundertjährigen Bestehen eine Abhandlung über die Geschichte des Krankenhauses Radolfzell verfasst. Schall schrieb zu den An- und Umbauarbeiten in den Sechziger- und Siebzigerjahren: "Für die Bauleitung, die Ärzte und das Pflegepersonal war die Situation besonders schwierig, sollte doch der Betrieb möglichst reibungslos weitergehen." Die Unannehmlichkeiten seien von der ganzen Belegschaft mit Verständnis und Humor getragen worden.

Versorgung über eine Feldküche

Die Versorgungsabteilung hatte der Chefarzt in seiner Betrachtung genau im Blick: "Beim Umbau der Küche konnte auf dem kleinen Dienstweg ganz unbürokratisch der Küchenzug einer mobilen Sanitätseinheit der Bundeswehr gewonnen werden und mehrere Wochen lang wurden die Patienten des Krankenhauses und die Bewohner des Altersheims von der in einem Zelt im Hofe aufgestellten Feldküche versorgt. Sogar aufs Weihnachtsgebäck mussten die Patienten nicht verzichten", hielt Heinrich Schall die für ihn besonders bemerkenswerte Anekdote fest.

1962: Der erste Bagger steht vor dem Krankenhaus. Dort wird die größte Baugrube für einen neuen Anbau ausgehoben, die man auf der Mettnau zu diesem Zeitpunkt kennt.
1962: Der erste Bagger steht vor dem Krankenhaus. Dort wird die größte Baugrube für einen neuen Anbau ausgehoben, die man auf der Mettnau zu diesem Zeitpunkt kennt. | Bild: Liedl

Für die Buben auf der Mettnau, die manchmal von den Schwestern ein Eis zugesteckt bekamen, war die Baugrube vor dem Altgebäude die größere Sensation. Sie hatte für damalige Verhältnis gewaltige Ausmaße und die Buben sahen zum ersten Mal einen Autokran im Einsatz beim Heben der Lasten. Nach dem Beginn der Bauarbeiten für den Neubau von Verwaltung, Ambulanz und Kapelle im Jahr 1962 und der Fertigstellung dieses Nordflügels 1965 ging es mit dem Neubau des Bettentrakts Richtung Versorgungsamt weiter. Der SÜDKURIER benutzte am 8. April 1967 erstmals den Begriff der "ewigen Baustelle". Erst am 13. Oktober 1973 "konnte das schmucke neue alte Krankenhaus" (Heinrich Schall) eingeweiht werden.

1964: Das Gerüst ist weg, die Ausbauarbeiten für den neuen Flügel des Krankenhaus Radolfzell haben begonnen. In dieser Perspektive hat Fotograf Burkhard Liedl die neue Kapelle mit der für den Krankenhausbau in Teilen typischen Zackenfassade herausgehoben. Im Hintergrund sieht man das Schwesternwohnheim, in der Ferne das Wasser des Markelfinger Winkels.
1964: Das Gerüst ist weg, die Ausbauarbeiten für den neuen Flügel des Krankenhaus Radolfzell haben begonnen. In dieser Perspektive hat Fotograf Burkhard Liedl die neue Kapelle mit der für den Krankenhausbau in Teilen typischen Zackenfassade herausgehoben. Im Hintergrund sieht man das Schwesternwohnheim, in der Ferne das Wasser des Markelfinger Winkels. | Bild: Liedl

Helga Löffler kommt immer noch fast täglich zum Essen ins Krankenhaus, nach ihrem Übertritt in den Ruhestand habe sie ehrenamtlich weiter ausgeholfen. Immer in der Küche. Auf 60 Dienstjahre kommt sie so im Krankenhaus Radolfzell. Sie fühlt sich dem Haus auf der Mettnau sehr verbunden. Die Zeit der Zusammenarbeit mit den Ordensschwestern hat sie in besonderer Erinnerung, sie sei "einfach prima" gewesen. Beim Fototermin im Untergeschoss wird "die Helga" von allen Vorbeigehenden gegrüßt. Die neue, moderne Krankenhausküche ist im Kellerflur mit mehr Platz nach dem Um- und Anbau an den Bettentrakt gerückt. Die "alte Küche", so wie sie Helga Löffler noch kannte, ist jetzt in mehrere Lagerräume aufgeteilt.

Die Idee der Zackenfassade

Der Radolfzeller Architekt Hans Frei hat die Neu- und Umbauten für das Radolfzeller Krankenhaus entworfen, er hat in mehreren Beiträgen das Projekt protokolliert:

  • Erster Bauabschnitt (1962-1965): Neubau des Verwaltungs- und Ambulanzflügels, Pforte und Kapelle, Heizungszentrale, Anbau der Pflegearbeitsräume, Neubau von Betten- und Personenaufzügen.
  • Zweiter Bauabschnitt (1964-1969): Neubau Bettenflügel Süd einschließlich Verbindungsröhre, Therapie- und Sozialräume, Apotheke, Tiefgarage.
  • Dritter Bauabschnitt (1969-1972): Umbau der Küche, Aufstockung des Bettenflügels im Altbau, Um- und Ausbau des Behandlungstraktes.
  • Die Kosten: Die reinen Baukosten für das Projekt Um- und Erweiterungsbau Krankenhaus Radolfzell ist mit 10,4 Millionen Mark angegeben worden. Der umbaute Raum wird mit 56 407 Kubikmeter angegeben, der Kubikmeterpreis mit 186 Mark. Nach Ende der Bauarbeiten verzeichnete das Krankenhaus 254 Betten.
  • Die Architektur: Auffällig am neuen Bettentrakt im Südflügel und der Kapelle im Obergeschoss des Nordflügels ist eine Zackenfassade. Für diese Gestaltung gebe es keinen Fachbegriff, erläutert Martin Frei, der das Architekturbüro von seinem Vater Hans Frei übernommen hat. Sein Vater habe damit unterschiedliche Ziele verfolgt. "Sein architektonischer Ansatz war, dass man als Patient aus diesen Zimmern aufs Wasser schauen kann", sagt Martin Frei. Deshalb sei die gerade Fassade in dieser Zackenstruktur aufgebrochen und die Fenster Richtung See ausgerichtet worden. Für die Kapelle wollte er über diese Anordnung ein Streiflicht reinbekommen. Martin Frei: "Ein Sakralbau lebt vom Licht."