Wie Umweltaktivistinnen, die zu zivilem Ungehorsam tendieren, sehen die drei Frauen wahrlich nicht aus. Medina Zukan und Safija Ahmic wirken wie sympathische Frauen mittleren Alters, die gut kochen können und von Herzen ihre Kinder und Enkelkinder verwöhnen.

Maida Bilal, mit 38 Jahren jüngste der drei Damen, lächelt viel und erzählt lebhaft in schnellem Bosnisch von ihrer Anreise nach Radolfzell. Diese drei Frauen aus dem kleinen Ort Kruscica in Bosnien-Herzigovina, nicht weit von Sarajevo entfernt, haben zusammen mit anderen Frauen durch Proteste und der Blockade einer Brücke den Bau eines Wasserkraftwerks verhindert.

Radolfzeller Stiftung EuroNatur ehrt diesen Einsatz für die europäische Umwelt

Für ihr Engagement für die Umwelt wurden sie stellvertretend für die anderen „Mutigen Frauen von Kruscica„, wie sie seitdem genannt werden, von der Radolfzeller Umweltstiftung EuroNatur ausgezeichnet. Eine Feierstunde auf der Mainau fand gestern Abend mit den drei Frauen statt.

Doch warum gerade soll ein Wasserkraftwerk umweltschädlich sein? Zählt es doch zu den erneuerbaren Energien, nach denen allerorts händeringend gesucht wird. Auf dem Balkan sprießen Wasserkraftwerke aus dem Boden wie Pilze. Denn dort gibt es noch unberührte und wilde Flussläufe, die sich durch die Gebirge schlängeln.

Dadurch sind diese Flüsse Heimat von vielen seltenen Tier- und Pflanzenarten, die sich aus den mittlerweile anderen begradigten Flüssen Europas zurückgezogen hatten.

Das geplante Wasserkraftwerk bedrohte die Heimat des ganzen Dorfes

Ein Wasserkraftwerk im zentralbosnischen Kruscica hätte die Trockenlegung des Flusslaufs zur Folge. Das Wasser wäre in Rohre umgeleitet worden, um Strom zu erzeugen. Für das gleichnamige Dorf und seine Bewohner ein nicht hinnehmbarer Zustand. Der Fluss symbolisiert nicht nur die Wasserversorgung des Ortes, es ist die Lebensader dieser Gemeinschaft. „Verschwindet der Fluss, verschwinden auch wir“, sagt Maida Bilal.

Bild: Andrew Burr

Als die Bagger im Sommer 2017 anrollten, mobilisierte sich fast die gesamte Dorfgemeinschaft und versuchte dies zu verhindern. In der Hoffnung, dass die Polizei keine Gewalt gegen Frauen ausüben würde, blockierte die weibliche Hälfte des Dorfes die Zugangsbrücke zum Fluss. Und das 505 Tage lang, Tag und Nacht.

In drei Schichten wechselten sie sich ab, vor allem nachts übernahmen auch Männer die Wache. „Die Frauen haben den härtesten Teil dieses Protestes getragen, aber die Männer sind unser Rückrad“, sagt die 62-jährige Medina Zukan. Keine der drei Frauen war vorher je politisch aktiv gewesen.

Die Umweltaktivisten wollen sich nicht fremd vereinnahmen lassen

Auch jetzt verwehren sie sich vor jeglicher Vereinnahmung ihres Protestes durch die Politik. „Uns geht es nicht um ethnische, politische oder religiöse Differenzen, wir kämpfen für unseren Fluss und unsere Heimat“, sagt Maida Bilal kämpferisch. Und noch ist der Kampf nicht vorbei.

Aktuell laufen zwei Gerichtsverfahren, wie Nataša Crnkovic von der bosnischen Umweltorganisation CZZS (Centre for environment) erläutert. Das eine richtet sich gegen inhaftierte Frauen, die bei einer Auseinandersetzung mit der Polizei festgenommen wurden. Obwohl die Bagger bald wieder abzogen, blieb der Konflikt mit der staatlichen Gewalt nicht wie erhofft friedlich. Doch man gehe davon aus, dass die Frauen freigesprochen werden, sagt Crnkovic.

Die Bürger aus Kruscica wollen den Bau gerichtlich verhindern

Das zweite Verfahren richtete sich gegen den Bau des Kraftwerks. Das Gericht habe die ursprünglich erteilte Baugenehmigung bereits zurückgezogen. Doch nun würden die Investoren versuchen, die Bürger von Kruscica durch Schadensersatzforderungen unter Druck zu setzen. Bisher jedoch ohne Erfolg. „Wir werden uns durch alle Instanzen klagen, wenn es sein muss bis nach Straßburg„, sagt Maida Bilal.

Die Frauen aus Kruscica zu Besuch in Radolfzell: (von links) Medina Zukan, Safija Ahmic, Nataša Crnkovic von einer bosnischen Umweltorgansiation und Maida Bilal.
Die Frauen aus Kruscica zu Besuch in Radolfzell: (von links) Medina Zukan, Safija Ahmic, Nataša Crnkovic von einer bosnischen Umweltorgansiation und Maida Bilal. | Bild: Schneider, Anna-Maria

Großes Vertrauen in die bosnische Regierung hat keine der Frauen, zu Korrupt sei das gesamte System. Jahrzehntelang sei die Natur und die Lebensgrundlage ihres Dorfes ausgebeutet worden. Eigentlich habe man geplant, die Region um den Fluss, das Dorf und den Berg – alle drei heißen Kruscica – touristisch zu entwickeln, erläutert Bilal. Erst 2016 sei das Konzept eines Wasserkraftwerks aufgekommen. Wie die anderen ist Bilal in Kruscica geboren und aufgewachsen.

Bild: Andrew Burr

Durch die Blockade sei die Dorfgemeinschaft viel enger zusammengewachsen, berichten die Frauen. Um sich die Zeit zu vertreiben, habe man während der Wache auf der Brücke jede Menge Kaffee getrunken, Karten gespielt und gestrickt und gebastelt.

Im Winter sei man Schlitten gefahren und wenn Touristen vorbei kamen, habe man ihnen die selbst gebastelten Souvenirs geschenkt. Oft saßen die Frauen zusammen und haben nur geredet. Angst hätten sie manchmal gehabt, vor der Polizei oder verbalen Attacken von Befürwortern des Wasserkraftwerks. „Doch meistens waren wir einfach nur wütend“, sagt Maida Bilal.

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